Aldo Sohm: Der Weinflüsterer

Von Innsbruck nach Manhattan: Seit fast 20 Jahren bestimmt Sommelier Aldo Sohm den Geschmack der New Yorker. Wir treffen den Österreicher zur Weinprobe.
Text Tori Latham
Weintempel: Die „Aldo Sohm Wine Bar“, gegenüber von „Le Bernardin“ in Manhattan.

Aldo Sohm ist weltweit einer der erfolgreichsten Sommeliers. Der 54-jährige Österreicher leitet in New York City ein Imperium für Weinliebhaber. Im „Le Bernardin“, das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde, ist er der Wein-Direktor. Außerdem führt er eine Weinbar, die seinen Namen trägt, direkt gegenüber. Es mag überraschen, dass dieser Mann, der täglich die begehrtesten Weine der Welt probiert, zugibt, dass er Freude an einem Glas Whispering Angel Rosé hat, der im Supermarkt Target für 20 Euro die Flasche verkauft wird. Sohm stellt schnell klar, dass er nicht vorhat, Whispering Angel als Weinbegleitung zum 450 Euro teuren Acht-Gänge-Menü von Chefkoch Eric Ripert zu servieren. Doch während einer Reise zum Cayman Cookout Food Festival in die Karibik bat Sohms Frau am Strand um ein Glas Rosé – und fügte hinzu, sie wolle einen günstigen. Nicht das edle Zeug, das er sonst wahrscheinlich wieder aussucht. „Als sie sagte, der Wein würde schmecken, war ich ziemlich baff“, sagt Sohm. „Aber anstatt das nur zu kritisieren, probierte ich ihn selbst. Ich muss zugeben: Er war überraschend köstlich.“

Als bester Sommelier der Welt ausgezeichnet

Multitalent: Sohm hat eine eigene Linie von Weingläsern herausgebracht, produziert in seiner Heimat Österreich. Außerdem schreibt er Bücher – klar, über Wein.

So unwahrscheinlich es klingt, Sohm ist unprätentiös, und das ist auch der Schlüssel zu seinem Erfolg. Der Mangel an Selbstgefälligkeit macht ihn zur Ausnahme in der oft hochtrabenden Welt des edlen Weins. Anstatt Leute für ihren Geschmack zu beschämen, geht Sohm auf ihre Wünsche ein. So wie im Fall seiner Frau liegt sein Gegenüber ja vielleicht sogar richtig. Wahrscheinlicher liegt die Person aber falsch. Aber er wird es niemandem einfach sagen. Sohm nutzt sein Wissen über Wein, um denjenigen sanft in die richtige Richtung zu lenken, sodass er selbst zu dieser Erkenntnis kommt. „Du wachst einfach aus deinem Traum – und Irrtum – auf und merkst: ‚Oh ja, Aldo hat recht‘“, sagt Ripert, der seit fast zwei Jahrzehnten mit Sohm zusammenarbeitet.

Aufgewachsen in Innsbruck, wollte Sohm Hubschrauberpilot werden. Wie viele Kindheitsträume ging auch dieser nicht in Erfüllung. Er entschied sich für etwas Praktischeres und besuchte die Tourismusschule in St. Johann in Tirol. Dann begann er als Kellner zu arbeiten. In dieser Zeit, mit etwa 21 Jahren, verliebte sich Sohm in den Wein. Zuvor war er nach eigener Aussage eher der „Bacardi-Cola-Typ“. Nachdem Sohm sich zunächst selbst weitergebildet hatte, begann er 1998 eine Sommelier-Ausbildung. Er stieg schnell auf und wurde 2002 zum besten Sommelier Österreichs ernannt. Den Titel verteidigte er in den folgenden zwei Jahren und gewann ihn dann 2006 erneut. Inzwischen zog er 2004 nach New York, um sein Englisch zu verbessern, damit er auch bei internationalen Wettbewerben antreten konnte. Es zahlte sich aus: Vier Jahre später gewann er den Preis der Worldwide Sommelier Association. Doch viel wertvoller als diese Auszeichnungen war für ihn die Erkenntnis, dass er seine Berufung gefunden hatte.

Aldo Sohm eröffnete 2014 eine eigene Weinbar

Edelsnack: Auf der Speisekarte von Aldo Sohms eigener Weinbar steht Croque Monsieur.

Ursprünglich hatte Sohm geplant, 18 Monate in New York zu bleiben. Nach Stationen bei „Wallsé“, „Café Sabarsky“ und der „Blauen Gans“, allesamt österreichische Restaurants in Manhattan, fing er im „Le Bernardin“ an. „Das sorgte für großes Aufsehen, denn damals gab es in der Stadt eine sehr starke französische Sommelier-Community, die alles kontrollierte“, erinnert er sich. „Es gab einen Aufruhr, weil ein österreichischer Sommelier in einem der französischsten Restaurants begann.“ Sohm bewies jedoch schnell seine Kompetenz, und 2013 kamen Ripert und Maguy Le Coze, die beiden Eigentümer des „Le Bernardin“, mit der Idee auf ihn zu, gemeinsam eine Weinbar zu eröffnen. Ripert schlug sogar vor, dass sie Sohms Namen tragen sollte.

Die „Aldo Sohm Wine Bar“ eröffnete im Jahr darauf. Sarah Thomas gehörte zur Eröffnungsmannschaft – nachdem sie Sohm bei einem schicksalhaften Abendessen mit ihren Cousins im „Le Bernardin“ kennengelernt hatte. Ihre Verwandten erzählten ihm, dass sie Sommelière in Pittsburgh sei. Da lud er Sarah zu einer Blindverkostung ein. „Aldo sagte mir nicht, was ich richtig oder falsch gemacht hatte. Das interessierte ihn nicht“, erzählt sie. „Er wollte einfach hören, wie ich über Wein spreche. Also tat ich das.“ Als er ihr am Ende des Essens einen Job anbot, lachte sie. Doch Sohm meinte es ernst.

Er produziert Weine, Gläser und Bücher

Sarah zog kurz darauf nach New York. Nach etwa neun Monaten in der Weinbar beförderte Sohm sie ins „Le Bernardin“, wo sie weitere fünf Jahre arbeitete. Als sie beschloss, ihr eigenes Unternehmen „Kalamata’s Kitchen“ zu gründen, war Sohm einer ihrer ersten Investoren. Bei Kalamata geht es darum, Kindern Essen anderer Kulturen näherzubringen. Zwei Teams in zwei sehr unterschiedlichen Lokalen zu führen, befeuert Sohms enormen Ehrgeiz. Er hat sich vorgenommen, die Welt des Weins zu revolutionieren. Das geht vom Inhalt des Glases über das Glas selbst bis hin zu dem, womit man ihn genießt. Neben seinen täglichen Aufgaben hat er sich mit der österreichischen Marke Zalto zusammengetan und seine eigenen Weingläser entworfen. 

„Als Sommelier kritisierst du nur, aber du erschaffst nichts“, sagt Sohm. Deshalb entschied er sich, auch Winzer zu werden – er produziert unter dem Label Sohm & Kracher einen Grünen Veltliner. Es ist ein gut zugänglicher Wein, der in Zusammenarbeit mit Landsmann Gerhard Kracher entsteht. 2019 fügte Sohm seiner Vita noch die Rolle des Autors hinzu. Denn er veröffentlichte „Wine Simple“, einen „leicht verständlichen Leitfaden“, wie es im Untertitel heißt. Nun legt er nach: „Wine Simple. Perfect Pairings“. Das neue Buch hilft den Lesern, die perfekte Flasche zum richtigen Gericht und dem richtigen Moment auszuwählen.

Jeden Tag will Aldo Sohm noch besser werden

Außerhalb des Restaurants, der Bar und des Weinkellers ist Sohm ein leidenschaftlicher Radfahrer. Er besitzt sechs Fahrräder. Eine Anzahl, die er selbst als übertrieben bezeichnet, besonders in New York City. Aber das Radfahren hält ihn gesund, sagt er, wenn er schon so viel Zeit mit Essen und Trinken und noch mehr Trinken verbringt. Trotz seiner 18-jährigen Karriere in einem der besten Restaurants der Welt, trotz der höchsten Auszeichnungen, trotz der Weine, Gläser und Bücher betrachtet sich Sohm selbst nicht gerade als erfolgreich. Jeden Tag versucht er, noch besser zu werden. „Ich mag, was ich tue, also gehe ich am Abend nach Hause und denke darüber nach, was ich noch besser machen kann“, sagt er. „Mache ich einen Fehler, ärgere ich mich. Aber am nächsten Tag verbessere ich mich eben wieder.“

Sein Streben nach Perfektion wird vielleicht nie enden. Aber Sohm gibt gerne zu, dass er glücklich ist. Auch das ist wiederum eine Art Erfolg. Manchmal findet er dieses Glück bei einem Glas 1980 Domaine de la Romanée-Conti La Tâche, einer Flasche, die so selten und begehrt ist, dass er sie „unerreichbar“ nennt. Und manchmal, zu seiner eigenen Überraschung, findet er es auch beim Trinken eines in Massen produzierten Rosés am Strand.