Rolls-Royce Phantom: Ein fahrendes Bilderbuch

Der Stoff, aus dem die Legende gewoben wird, ist mit 160.000 Stichen bestickt und zieht sich über die 45 Einzelteile der Rückbank. Goldenes Garn, neu entwickelte Drucktinten und eine akkurate Linienführung lassen die Sitze wie einen Gobelin wirken, einen Gobelin, der die Geschichte dieses Automobils erzählt. Die achte Generation des Rolls-Royce „Phantom“ huldigt zum 100. Geburtstag des Modells ihren Vorgängern. Kunst und Handwerk verbinden sich im „Phantom Centenary“ zu einer Reise in die Vergangenheit. Nur 25 Exemplare des Jubiläumswagens stellte das britische Traditionsunternehmen her. Jedes Teil ist wie ein Eintrag ins Firmenarchiv.
Der erste „Phantom” kam 1925 auf den Markt

Nicht nur die Rückbank zeigt Details der verschiedenen Karosserien, Szenen einer Entwicklung, die mit der epochalen Erfindung von Sir Henry Royce 1923 ihren Anfang nahm. Unter dem Codenamen „Möwe“ begann der Pionier, ein Auto zu gestalten, das neueste Technik mit bis dahin nicht gekanntem Komfort vereinen sollte. Im Jahr 1925 kam der „Phantom I“ schließlich auf den Markt. Die Möwe ziert nun, mit Laser-Technik eingraviert, die Vordersitze. Tierische Gesellschaft leistet ihr ein Hase, der wiederum an den Entwicklungsnamen „Roger Rabbit“ erinnert. Diesen trug 2003 der „Phantom VII“.
Bienen tummeln sich hingegen am Himmel des Wagens. Sie stehen für die Bienen, die auf dem Grund von Goodwood, dem Rolls-Royce-Hauptsitz in Sussex, gehalten werden. Ebenso im Plafond verewigt ist die extra gezüchtete Rolls-Royce-Rose „Phantom“, die in Goodwood wächst. Und so geht es weiter: Blätter des Maulbeerbaumes, unter dem Sir Henry saß, um über die Zukunft seines Erfolgswagens nachzudenken, die würfelförmig geschnittenen Bäume vor dem Hauptgebäude in Goodwood, der ovale Brunnen in der Einfahrt, alles findet sich im Inneren des „Centenary“ wieder.
Kühlerfigur und Motor sind mit Gold verziert

Klappen die Passagiere im Fond die kleinen Picknicktische herunter, kommen Skizzen des „Phantom I“ und des „Centenary“ zum Vorschein. Eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Die Innenverkleidung der Türen zeigt in geschwungener Linie aus 24 Karat Gold die Strecke der ersten Testfahrt, die Sir Henry an der Côte d’Azur zurücklegte. Rolls-Royce hat beschlossen, sein Erbe zu feiern – und das mit allem Prunk, der ein ordentliches Erbe ausmacht. Im britischen Sinn geht dies natürlich mit einer paradoxen Kombination von Understatement einher.
Da Gold ein willkommener Bestandteil jedes Erbes ist, wurde auch bei dieser Jubiläumsausgabe nicht daran gespart. Die berühmte Kühlerfigur „Spirit of Ecstasy“, auch „Emily“ genannt, besteht aus 18-karätigem und wurde nochmals mit 24-karätigem überzogen. Auch sie erinnert im Design an die Version, die den ersten „Phantom“ zierte. Allerdings wurde sie in der Größe reduziert und auf die neuen Proportionen angepasst. Darunter, vorne auf dem Kühler, sitzt das Firmenemblem, der „Badge of Honour“, zum ersten Mal in 24-karätigem Gold auf weißer Emaille. Selbst der 6,75-Liter-V12-Motor mit seinen 571 PS trägt eine Abdeckung mit Verzierungen aus 24 Karat Gold.
Preis wird auf 2,5 Millionen Euro geschätzt
Insgesamt sollen 40.000 Arbeitsstunden in der Herstellung eines Wagens stecken. Was diese Akribie kostet? Schätzungen zufolge 2,5 Millionen Euro – möglicherweise mehr. Wie viele von den 25 Exemplaren noch zu haben sind, darüber schweigt man sich in Goodwood ebenfalls aus. Aber solche Geheimnisse tragen natürlich ebenso zur Legendenbildung bei wie das ganze Kunstwerk auf vier Rädern. Apropos Räder. 25 Rillen zieren die Felgen. Sie wirken ein wenig wie Vinylplatten. 25 als Reminiszenz an die Stückzahl. Und bei vier Rädern ergeben viermal 25? Richtig, 100. Gleich der Jahre, die Phantom nun schon an seiner eigenen Legende webt.
