Tilly Harrison: „Beziehungen sind alles”

Gerade war Tilly Harrison im Louvre von Abu Dhabi. Dort hatte sie einen Termin mit ihrem Team, denn das Museum pflegt eine enge Partnerschaft mit Richard Mille, und Harrison ist als Managing Director für den Mittleren Osten und die Türkei die oberste Repräsentantin der Uhrenmarke in der Region. Nun sitzt sie in einem Einkaufszentrum, am Handgelenk eine RM 74-02 Automatic Tourbillon, und spricht über ihre Karriere. Die wirkt nur auf den ersten Blick schnurgerade, vielleicht weil die Britin in den Kosmos rund um Richard Mille hineingeboren wurde: Tilly ist die Tochter von Peter Harrison, dem CEO für Europa, den Mittleren Osten und Afrika. Die 33-Jährige ist also mit dieser Uhrenmarke groß geworden, die mit so vielen Branchenregeln gebrochen hat und dadurch zur ersten Wahl vieler Uhrenliebhaber und Milliardäre geworden ist.
Bei Tilly Harrison ist das inzwischen auch so, doch sie sagt: „Ehrlich gesagt habe ich mich erst in die Marke und dann in die Uhren verliebt.“ Ihre erste wertvolle Uhr sei eine Rolex Daytona gewesen, und überhaupt habe sie zunächst für Schmuck geschwärmt und dort auch gearbeitet: „Nach der Universität war es meiner Familie und mir wichtig, dass ich erst einmal woanders arbeite. Diese Entscheidung war rückblickend unendlich wertvoll. Ich blieb in der Luxus-Industrie und habe beim familiengeführten Juwelier David Morris angefangen. Obwohl ich Marketing und PR studiert hatte, habe ich dort gemerkt, dass meine echte Leidenschaft – und auch Stärke – im Verkauf liegt. Dort habe ich gelernt, was ein echtes Luxus-Einkaufserlebnis ausmacht und wie man tiefgehende Kundenbeziehungen aufbaut.“
Bei Richard Mille darf man sich allemal freuen, dass das Feuer für den Vertrieb in diesen Lehrjahren entzündet wurde, denn dort prägt die Managerin seitdem den Stil des Hauses. Sie sagt: „Von all meinen Aufgaben mag ich den Verkauf am meisten. Ich liebe es, in den Boutiquen zu sein, mit den Teams und Kunden zu sprechen und ihre Bedürfnisse zu verstehen.“ Neben den Richard-Mille-Boutiquen hat die in Dubai lebende Harrison auch „Ninety Watches & Jewellery“ entwickelt, ein pre-owned-Geschäft also, in denen Richard Mille Modelle aus Vorbesitz vertrieben werden: „Viele unserer neueren Kunden fragten uns, wo sie guten Gewissens ältere Modelle erwerben können. Ich konnte aber niemanden empfehlen, weil nur wir selbst die Uhren richtig warten und verifizieren können.“ Der Rest ist ein weiterer Teil der Tilly-Harrison-Geschichte: Zwei Boutiquen in London und Genf zeugen inzwischen davon.

Sie sind in der Richard-Mille-Welt groß geworden. Wie war das?
Ich bin seit meinen Teenagerjahren mit der Marke verbunden. Mit 16 habe ich angefangen, in den Sommerferien dort Praktika zu machen, vor allem weil ich mir Geld für Reisen mit Freunden dazuverdienen wollte. Diese frühen Erfahrungen haben mir die Bedeutung von Disziplin, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein verdeutlicht. Damals ging es also weniger um die Uhrenbranche selbst, sondern darum, zu lernen, was es bedeutet, einen Job zu haben und jeden Tag zur Arbeit zu erscheinen.
Wann sind Sie dann zur Uhren-Frau geworden?
Erst nach rund zwei Jahren im Unternehmen habe ich richtig verstanden, wie viel Forschung, Entwicklung und auch Designarbeit hinter jedem Uhrwerk und in den genutzten Materialien steckt. Richard Mille führt die Branche in Sachen Innovation und technologischer Fortschritt tatsächlich an. Und ich mag voreingenommen sein, aber ich bin überzeugt, dass wir obendrein auch die komfortabelsten Uhren herstellen, die man tragen kann. Als ich all das erst einmal verinnerlicht hatte, fühlte es sich völlig natürlich an, sie auch zu verkaufen.
Die Uhrenwelt ist immer noch eine sehr maskuline. Wie fühlt es sich an, in dieser Industrie Karriere zu machen?
Traditionell ist das in dieser Branche tatsächlich so, aber bei Richard Mille haben wir glücklicherweise ein sehr ausbalanciertes Team mit vielen talentierten Frauen. Wahrscheinlich hat mich auch der Richard-Mille-Geist geprägt: Er hat mich gelehrt, selbstbewusst zu sein, meinen Instinkten zu vertrauen und zu meinen Überzeugungen zu stehen. Gleichzeitig hatte ich viele männliche Mentoren, darunter mein Vater oder auch Thomas Mason, unser Uhrmacher, den ich schon als Teenie kannte und der nun bei Ninety immer noch Teil des Unternehmens ist.

Wie würden Sie Ihren Management-Stil beschreiben?
Inzwischen verwende ich rund 70 Prozent meiner Arbeitszeit auf meine Aufgabe als Managing Director für den Mittleren Osten und die Türkei und 30 Prozent für Ninety und das damit verbundene Pre-Owned-Konzept. Über die Jahre hat sich meine Arbeitsweise dabei sehr verändert. Ich habe gelernt, dass Erfolg immer eine Frage der Teamarbeit ist. Man kann nicht alles selbst machen! Darum konzentriere ich mich nun auf meine Stärken und fördere andere dabei, dasselbe zu machen.
Und welche Stärken sind Ihre?
Ich habe ein ausgeprägtes Verständnis für unsere Kunden und ihre Erwartungen. Beim Verkauf von Luxus geht es nicht einfach nur darum, ein Produkt zu überreichen. Es geht um Fürsorge und Empathie. Ich versuche mich immer in die Kunden hineinzuversetzen: wie es sich anfühlt, in ein so besonderes Produkt zu investieren, und was sie im Gegenzug dafür erwarten können.
Hervorragenden Service?
Es geht um weit mehr als Service. Aber wenn ein Kunde am Samstagabend noch ein neues Armband braucht, dann mache ich das möglich. Ich mag Menschen, und ich liebe es, Zeit in den Boutiquen zu verbringen. Dort schlägt schließlich das Herz unserer Marke.
Dann könnten Sie also vermutlich 24 Stunden am Tag arbeiten…
Ja, und ich habe auch fast immer mein Telefon bei mir. Nur wenn ich segeln gehe, mache ich eine Ausnahme. Ich habe eine Cape 31, und wenn ich mit der Crew draußen auf dem Wasser bin, dann bleibt das iPhone auf dem Steg. Segeln hilft, um den Kopf freizubekommen, und erinnert mich daran, wie sehr ich den Wettbewerb beim Sport liebe.
Es soll inzwischen rund 70.000 Uhren der Marke geben. Mit Ninety, den Boutiquen für Uhren aus Vorbesitz, pflegen Sie auch das Erbe des Unternehmens. Wie kam es dazu?
Ninety ist mein Baby. Von der ersten Idee über ein detailliertes Konzept bis zu der aktuellen Expansion begleite ich das Programm von Anfang an. Es gibt gewisse Vorurteile gegen Uhren aus Vorbesitz, und vieles davon hängt damit zusammen, dass diese nicht in einem luxuriösen Ambiente verkauft werden. Gleichzeitig haben wir eine wachsende Nachfrage von Kunden gesehen, die auf der Suche nach nicht mehr produzierten Modellen oder limitierten Auflagen waren. Denen wollten wir einen vertrauenswürdigen Ort anbieten, an dem sie fündig werden können.
Und wo unterscheidet sich Ihr Konzept von anderen?
Wir sind eine Nischenmarke, und so präsentiert sich Ninety auch. Wir bevorzugen eine kleine, kuratierte Auswahl gegenüber einem Massenangebot und wollen die Kunden anregen, uns zu besuchen und bei uns zu lernen. Aus dem Qualitätsblickwinkel heraus betrachtet kennen wir jedes Detail von jeder jemals produzierten Uhr: die Wartungen, die Einzelteile, alles!
Was passiert also, wenn ein Kunde seine Uhr verkaufen will?
Dann wird sie von einem unserer Uhrmacher begutachtet und nach den Standards von Richard Mille restauriert. Das bedeutet mitunter, dass in Ersatzteile oder Sanierung einiges investiert werden muss. Um die Integrität der Marke zu wahren, ist das unerlässlich.
