Ganz oder gar nicht Auf dem privaten Weingut von Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele

Wenn Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele etwas anpackt, dann richtig. Wo könnte man das besser überprüfen als auf seinem Weingut?

Weingut von Karl Friedrich Scheufele

Genau 55 Jahre ist es her, dass der Vater von Karl- Friedrich Scheufele, der Pforzheimer Juwelier Karl Scheufele, vom 80-jährigen Paul André Chopard des- sen Schweizer Uhrenmanufaktur kaufte. Damals ein mutiger Schritt, gehört das Familienunternehmen mit Ablegern in Europa, Asien und Nordameri- ka bei einem Umsatz von über 500 Millionen Euro und rund 2000 Mitarbeitern inzwischen zu den erfolgreichsten Schmuck- und Uhrenproduzenten der Welt. Man wird das Gefühl nicht los: Wenn die schwäbische Unternehmerfamilie etwas anfasst, dann richtig. Während Schwester Caroline und Co-Präsidentin die Schmucksparte zu immer neuen Höhen ügen führt und sich als Pionierin für eine nachhaltige Goldförderung einsetzt, hat Bruder Karl-Friedrich seit 1996 sukzessive ein Powerhouse der Uhrwerkfertigung aufgebaut, das seinesgleichen sucht.

Für die Toplinie – die nach dem Firmengründer Louis Ulysse Chopard benannte L.U.C – wurden in den letzten 20 Jahren elf Uhrwerkfamilien entwickelt, jede mit einer in dieser Form nie dagewesenen uhrmacherischen Neuheit. Im letzten Jahr krönte er seine Kollektion mit der ersten Minutenrepe- tition mit Klangfedern aus Saphirglas. Sammler der Zukunft wird es freuen, dass im Jahr nicht mehr als 3500 Uhren weltweit vertrieben werden.

Und als hätte er sonst nichts zu tun, machte Scheufele als Autosammler und Hauptsponsor in 30 Jahren die Mille Miglia zur erfolgreichsten Old- timerrallye der Welt und kaufte nebenbei das Hôtel de Vendôme am gleichnamigen Pariser Platz. Sonst noch was? Ach ja, fast 20 Jahre lang suchte er einen passenden Landsitz. Nun erstrahlt das 2012 erworbe- ne Château Monestier La Tour im Weinanbaugebiet Bergerac, rund 90 Kilometer östlich von Bordeaux, frisch saniert. Zwei Jahre dauerten die Arbeiten, weitere zwei, bis die Abfüllanlage fertig war. Der Un- ternehmer ist unter die Winzer gegangen, natürlich mit höchstem Anspruch. Zur Verkostung beschenkt sich der Schlossherr mit der Heritage Grand Cru. Das tonneauförmige Gehäuse der Uhr mit seltenem Formwerk kommt nicht von ungefähr. Dem Zufall überlässt dieser Mann sowie so nichts.

"Wir möchten Best in Class werden hier im Bergerac."

 - Karl-Friedrich Scheufele

Herr Scheufele, Sie haben 20 Jahre nach einem Weingut in Frankreich gesucht. Was war so kompliziert?

Die perfekte Kombination ist extrem schwer zu nden. Entweder war der Wein interessant, aber das Haus dazu passte nicht oder war gar nicht vorhanden. Oder umgekehrt: Es gab ein Haus, aber keinen Weinberg.

Was hat letztendlich den Ausschlag gegeben, im Bergerac zuzuschlagen?

Die Kombination aus einer Umgebung, die schön und ruhig ist, also ohne Autobahn, Hochspannungsleitung TGV-Trasse oder Ein ugschneise, und der einmaligen Schlossanlage dieses Châteaus, vor dem wir hier sitzen.

War denn nicht von Anfang an geplant, ein Weingut zu erwerben?

Nein, das war nicht das primäre Ziel.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie 30 Hektar Wein­berge besaßen? Noch dazu sehr spezielle ...

... stimmt, die Gegend ist seit über 500 Jahren für Wein- anbau bekannt, wir haben zudem eine kleine Abfüllung von Saussignac, dem bekannten Süßwein.

Noch einmal die Frage: Sie erwarben das Weingut 2012, was war Ihr erster wichtiger Gedanke?

Eine Grundentscheidung zu tre en: Uns war schnell klar, dass es eine biodynamische Produktion sein muss. Das hat aber weitreichende Konsequenzen für jedes Weingut, und das geht noch deutlicher über klassische Bioweine hinaus. Den Takt geben Sonne und Mond vor, die Weinstöcke bekommen eher eine Art Kräutertee gereicht anstatt Pestiziden gespritzt.

Mit Konsequenzen kennen Sie sich ja aus. Sie haben sich bei Ihren mechanischen Uhren für die schwerste Variante entschieden, den Manufakturbetrieb.

Ja, stimmt. Wie bei Uhren so tre en auch beim Weinberg solche Grundsatzentscheidungen alle, die sich um das Geschäft kümmern. Alle müssen felsenfest davon überzeugt sein und an einem Strang ziehen. Bei der biodynamischen Methode entscheidet nicht der Bauer, wann er aufs Feld geht, sondern die Natur. Das kann eben auch am Wochenende sein.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie hier?

Vier unter normalen Bedingungen, zur Lese mehr.

Sind Sie nach sechs Jahren Arbeit mit dem Ergebnis zufrieden?

Man fängt an, den Unterschied zu schmecken, wage ich zu sagen. Aber es dauert bestimmt noch weitere drei Jahre, bevor wir da sind, wo wir hinwollen.

Wo ist das?

Wir möchten Best in Class werden. Im Bergerac-Gebiet haben wir den Anspruch, der Beste werden zu wollen.

Das kostet Geld und Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Schwabe ...

... auch bereit sein muss, die ersten fünf bis zehn Jahre kein Geld zu verdienen? Ich füge hinzu: auch nicht allzu viel zu verlieren. Langfristig gesehen ist es eine gute Anlage, denn das Land, auf dem wir sitzen, ist eine Rarität, weil das Anbaugebiet begrenzt ist. Und ich emp nde eine Verantwortung, diesen Flecken hier so zu verwalten, dass er für Generationen interessant bleibt.

Muss man, wenn man Wein anbaut, seinen persönlichen Geschmack hintanstellen?

Man sollte mit Überzeugung den Wein produzieren, mit dem man sich identi zieren kann. Derzeit spielt uns – und damit meine ich meine Frau, die weit mehr im Weinberg engagiert ist als ich – der Geschmack der Kunden zu. Man hat wieder gern fruchtigere Weine und nicht so holzige Bodybuilder.

Sie sprechen das Erbe von Robert Parker an ...

... er als Weinkritiker hat vieles bestimmt in den letzten Jahrzehnten, mochte gern Weine, die präsent waren. Aber kalifornische Weine sind nicht mein Geschmack. Derzeit setzt sich das Terroir wieder durch, das entspricht weit mehr meiner Philosophie.

Gibt es so etwas wie ein Vorbild?

Wir wollen hier keinen Universalwein machen. Man muss den Bergerac schmecken, aber selbst da will ich di erenzieren. Wir verzichten auf den weitverbreiteten Malbec. Beim Rotwein ziehen wir Merlot und Cabernet Franc vor. Das Ergebnis wird automatisch eleganter.

Kaufen Sie Trauben hinzu?

Um mit A.O.C., also kontrollierter Erzeugerabfüllung, werben zu dürfen, darf man keine Trauben dazukaufen. Alles, was wir hier produzieren, verwenden wir auch. Das, was wir nicht als gut genug emp nden, verkaufen wir weiter und wird dann sogenannter Landwein.

Wie alt sind Ihre Reben? Und haben Sie sich einen Topkellermeister eingekauft?

So zwischen 15 bis 40 Jahre. Wir haben uns neben einem Kellermeister, der täglich nach dem Rechten schaut, professionelle Beratung geholt. Das Team um Stéphane Derenoncourt berät für gewöhnlich die Topwinzer im Bordeaux. Die haben inzwischen eine Biodynamik- sparte erö net und bringen die Erfahrung 40 anderer Weingüter mit.

Muss man sich das wie einen Skipper auf einer Renn­yacht vorstellen, der eingeflogen wird?

Sie spielen auf Michel Rolland an ...

... ja, man nennt ihn den Flying Winemaker.

Nein, Derenoncourt ist da etwas ruhiger und hat eine gute Equipe, die unseren Kellermeister mit einbezieht.

Wie bei den Uhren wollen Sie also das Know­how im Haus haben?

Gerade im Moment der Degustation und Assemblage ist das wichtig, da kann man extrem viel verändern. Hier im Bergerac-Gebiet sind ja Rot- wie Weißweine immer Assemblagen.

Können Ihre Kinder dem Landleben etwas abgewinnen?

Ja, das war schon eine Umstellung von der Côte d’Azur ins Bergerac. Unser Haus dort haben wir verkauft. Ich denke schon, dass sie sich hier wohlfühlen. Ich habe zumindest noch keine Klagen gehört.

Und für Sie, ein großes Opfer?

Nein, ich erfreue mich viel intensiver an der Natur, das habe ich früher nicht so wahrgenommen. Ich halte das hier für den neuen, den viel größeren Luxus.

Genießen Sie mehr den Wein oder die Weinlese?

Die ganze Saison hat Highlights, selbst der Winter. Früher dachte ich, da tut sich nichts. Mit den ersten Blüten fängt dann im Frühjahr aber eine Zitterpartie für Winzer an. Dieses Jahr hatten wir auch leider ein bisschen Frost. Die Nachbarn hat es hart getro en.

Ärgern Sie solche Rückschläge persönlich?

Na ja, wenn Sie 80 Prozent Ihrer Ernte – sprich Einnah- men – verlieren, und Sie können nichts dagegen machen, wer würde sich da nicht ärgern?

Einem Unternehmer muss sich da ja der Magen um­ drehen, wenn er zum Nichtstun verdammt wird ...

... besonders wenn man sauber gearbeitet hat, und dann kommt plötzlich ein Wetterumschwung.

Klingt, als hätten Sie schon einen Totalausfall erlebt?

2013 verloren wir fast alle roten Trauben durch Hagel- schaden. Und zwar zwei Wochen vor der Ernte. Da kommt man schon ins Grübeln.

Macht die Natur Sie demütig?

Total. Demütig und geduldig.

Ted Turner oder Robert Redford verbringen inzwischen dennoch ein halbes Jahr auf ihren Farmen. Wie viel Zeit können Sie hier verbringen?

Also wenn es dieses Jahr drei bis vier Wochen werden, dann ist das schon gut. Aber ich hege die Ho nung, dass es mehr wird.

Wann? Wenn Ihre Kinder ins Unternehmen einsteigen?

Ja, so ist der Plan. 

"Man muss bereit sein, fünf bis zehn Jahre kein Geld zu verdienen."

 - Karl-Friedrich Scheufele

Könnten Sie ein halbes Jahr mit Nichtstun verbringen?

Aber sofort. Die Ruhe bringt ja auch Ideen und Räume für andere Aktivitäten.

Sind Sie hier auf Uhren wie die einem Weinfass ähnelnde, tonneauförmige L. U. Chopard Grand Cru gekommen?

Nein, viel allgemeiner. Es macht einen Riesenunter­ schied, wenn Sie nichts in Ihren Gedanken stört. Einfach durch die Weinberge gehen, allein oder sich mit einem Vertrauten angeregt unterhalten.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der mechanischen Tradition, die Sie mit Uhren von Chopard bewahren, und dem Weinanbau?

Ohne Leidenschaft entsteht kein interessanter Wein, ohne Leidenschaft keine Uhren. Und ohne die nötige Präzision und Disziplin schon gar nicht. Bei allen guten Ideen müssen Sie Ihr Handwerk beherrschen. Marketing allein scha t keine Werte.

Sie sprachen den neuen Luxus an, geht es noch um materielle Dinge? In Ihre Autosammlung investieren Sie ja o ensichtlich noch.

Wer in Sachwerte investiert, tut das nie nur für sich allein. Niemand kann voraussehen, was damit eines Tages passiert. So einen alten, extrem seltenen Delahaye, wie wir ihn auf dem Hof haben, aus einem Häu ein Rost wieder zum Leben erweckt zu haben, das ist für mich eine größere Befriedigung als der pure Besitz.

Dann bleibt ja noch Luxus als Eskapade. Schon einmal Champagner versprüht?

Nein, da reagiere ich auch allergisch. Was bleibt vom verschwenderischen Luxus? Nichts.

Zumindest eine irre Erfahrung?

Eine schönere Erfahrung war für mich und meine Frau, als die Bürgermeisterin von Monestier zu uns kam und lobte, dass man dank des Weinguts nun positiv über das kleine Dorf auf der ganzen Welt spreche.

Ihre Kinder studieren. Interessieren sie sich denn für Schmuck, Uhren und Weine?

Joa. Ich habe dem Nachwuchs gesagt, sie sollen zeigen, was sie können, und dann sehen wir, ob sie quali ziert genug sind. Ich zwinge ja auch niemanden.

"Wer in Sachwerte investiert, macht das nie nur für sich allein."

 - Karl-Friedrich Scheufele

Sie machen auch keinen Gianni-Agnelli-Eindruck, der einen harten Kurs gegenüber seinen Kindern fährt.

Nein, aber in eine Familie wird man hineingeboren, für einen Job muss man sich quali zieren.

War das bei Ihrem Vater auch so?

Meine Schwester und ich sind sehr jung in die Firma eingetreten. Aber: Er gab uns immer die Gelegenheit, unsere Ideen einbringen.

Sie haben die ersten Sportuhren aus Stahl bei Chopard eingeführt und die Mille-Miglia-Linie aufgebaut?

Er sagte, wir haben noch nie Stahluhren gemacht. Ich antwortete, es wäre vielleicht mal an der Zeit. Das Modell hieß St. Moritz und war ein Riesenerfolg, wir haben über 15 Jahre einige Zehntausend Stück davon verkauft.

Die Uhrenbranche erlebt wilde Zeiten, Sie denken in mehreren Generationen. Wie passt das zusammen?

In mancher Luxusgruppe herrscht Tohuwabohu. Da werden Manufakturen gebaut, wieder geschlossen – und das innerhalb von fünf Jahren. Dann kommt ein neuer Chef und sagt: Wir brauchen eine Manufaktur, machen Sie bitte eine auf. Die kurzfristige Denke von Aktien­ unternehmen ist mir teilweise unverständlich.

Versteht das der Konsument im Luxussegment?

Großartige Produkte sind nicht nur vom Marketing getrieben. Nennen Sie mir den Gründungsmythos eines Luxusherstellers, der auf der Idee basiert, damit nur reich werden zu wollen?

Der größte Luxus ist es für Sie, außerhalb einer Industrie zu stehen, die Luxusprodukte fertigt?

Ich emppfnde es jedenfalls als wichtig, darauf aufmerk­ sam zu machen, dass die wenigen familiengeführten Unternehmen, die es noch gibt, die nötige Beachtung nden, die sie meiner Ansicht nach verdienen.

Apropos Beachtung: Wie viele Flaschen produzieren sie derzeit? Wo gibt es den Wein in Deutschland?

Rund 100 000 Flaschen, von denen allerdings 70 Prozent in Frankreich getrunken werden. Sie bekommen ihn bei Feinkost Käfer in München zum Beispiel, wo man ihn auch im Internetshop bestellen kann.

Da ist Luft nach oben.

Wir haben grade einen Vertriebspro eingestellt. Aber jetzt gehen wir doch bitte erst mal den Wein probieren. Wollen Sie vielleicht mit dem Delahaye mitfahren?

1 2 3
Schlagworte:
Autor:
Joern Frederic Kengelbach
Fotograf:
Robert Kittel