William Heinecke: „Erfolg ist kein Ziel, sondern ein Zustand”

Die beste Zeit ist immer die, die erst noch kommt. Sagt William Heinecke, 76, lebende Legende im globalen Business. Er ist einer der prägenden Unternehmer Südostasiens. Heinecke, Milliardär, Sammler alter Ferraris, passionierter Pilot, Thailänder mit amerikanischen Einflüssen, beginnt das Interview mit einem kumpelmäßigen Lächeln: Call me Bill. Es gibt Typen, mit denen rutscht man direkt auf eine Ebene, auf der man denkt: Mit dem würde ich ein Bier trinken gehen. Oder zumindest einen Chai-Tee. Bill ist so ein Typ. Der Mann ist Gründer und Chairman von Minor International: Hotels, Restaurantketten, Lifestyle-Shop. Die Minor Hotels in Zahlen: 90.000 Mitarbeiter, 80.000 Zimmer. Weltweit. Darunter allen voran die Anantara Hotels & Resorts, die für Luxus mit Charakter stehen. Bill war 17, als er sein erstes Gewerbe anmeldete. Minderjährig, also minor – daher der Name der Global Company. Im Gespräch ist Bill hellwach und wirkt tiefenentspannt. Okay, let’s start, Bill!

Bill, Sie sehen so frisch aus. Was ist Ihr Trick?
Ich versuche nicht nur, gesund zu bleiben, sondern arbeite auch hart daran: Bewegung, Ernährung, Schlaf. Beim Schlaf zum Beispiel kommt es nicht auf die Länge an, sondern auf den Tiefschlaf. Ein Trick dabei: kein Licht im Schlafzimmer. Es muss völlig dunkel sein. Das befördert den Tiefschlaf. Wenn überhaupt Licht, dann rotes statt weißes. Abends schaltet mein Telefon automatisch in den Rotlichtmodus.
Sie tragen sogar einen Smart Ring.
Mein Oura-Ring. Damit tracke ich alles. Schritte. Aktivitäten. Stresslevel.
Ist das nicht ein bisschen übertrieben?
Es kommt auf die Balance an. Ich halte nichts von dogmatischen Regeln. Aber eine Menge von sinnvollen Routinen.
Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ja, ich muss zugeben, ich neige zu dem Glauben, dass wir nicht nur wegen unserer sterblichen Körper hier sind, die vielleicht hundert Jahre halten. Nenn es Geist oder Seele oder Spiritualität – ich glaube, da ist mehr. Hier in Thailand gibt es die Vorstellung, dass man Geister verdrängt, wenn man auf einem Stück Land ein Haus baut. Darum gehört zu jedem thailändischen Haus ein Geisterhaus – für die Geister, die schon da waren, bevor man selbst kam und baute.
Wie hat die thailändische Kultur Sie beeinflusst?
Ich habe viel Zeit in Tempeln verbracht und mit Mönchen geredet. Dabei bin ich nicht sehr religiös. Aber das hat mir den Buddhismus nähergebracht. Ich habe dabei gelernt, dass es um das alltägliche Leben geht. Wie man dieses Leben führt und wie man andere behandelt. Ich kann nur empfehlen, sich ein wenig mit Buddhismus zu beschäftigen. Thailand ist einzigartig. Ein Land, das jedem offensteht, egal welchen Glaubens. Es gibt überall Tempel, und jeder – ob streunender Hund oder obdachloser Mensch – findet Zuflucht und Nahrung.

Der Name Minor Hotels geht darauf zurück, dass Sie als Minderjähriger – als minor – Ihr erstes kleines Unternehmen gründeten. Eine Agentur für Büroreinigung. Wie kam es dazu?
Nach der Highschool hatte ich genug und wollte meinem eigenen Karrierepfad folgen. Um diese Leidenschaft leben zu können, habe ich gedacht: Okay, keine Universität für mich. Ich fange einfach an und ziehe selbst etwas auf. Dass aus mir kein Formel-1-Fahrer wird, war mir auch schnell klar. Und deshalb musste ich erst einmal genug verdienen, um ein Dach über dem Kopf und Brot auf dem Tisch zu haben. Ich war mit 18 schon verheiratet. Hatte also diese kleine Firma. Und weder einen Fünfjahresplan noch eine Vision.
Also hatten Sie rückblickend einfach Glück?
Ein bisschen Glück gehört immer dazu. Geld verdienen ist auch nicht übel und muss sogar sein. Ich sage aber auch, wenn Gründer mich fragen: Es sollte nicht der Hauptantrieb sein. Entscheidend für Erfolg ist etwas anderes. Für mich sind es zwei Dinge: Das eine ist Passion. Für etwas wirklich brennen. Ich liebe Hotels und Restaurants, und noch mehr liebe ich es, selbst welche zu betreiben. Es ist meine große Leidenschaft. Je abgelegener, desto besser. Desto größer das Abenteuer, das ich damit verbinde. Und das Zweite: Ich habe von Anfang an versucht, Leute einzustellen, die klüger sind als ich. Das war nicht so schwer, weil ich ja nicht an der Uni war (lacht). Es sind all diese großartigen Leute, die das Unternehmen zum Laufen brachten und die Basis sind. Auch wenn sie anfangs mehr kosteten, als ich mir selbst auszahlte.
Sehen Sie sich eher als Chef – oder als Teil eines Teams?
Beides. Unser Unternehmen, Minor International, ist stark von asiatischer Kultur geprägt. Wir suchen nach einem Konsens und gehen gemeinsam nach vorne. Wenn es unterschiedliche Meinungen gibt, sage ich oft: „Okay, dann gehen wir deinen Weg. Wenn’s nicht funktioniert, probieren wir meinen.“ Wenn eine Menge Geld im Spiel ist – das kommt in der Businesswelt vor –, muss ich manchmal eingreifen, weil ich als größter Anteilseigner am meisten riskiere.
Gegen wen müssen Sie sich in der Branche behaupten?
Es gibt einige, die deutlich größer sind als wir. Marriott, Accor, Hyatt. Viele sind kleiner. Ich würde sagen, wir sind weltweit unter den Top 30. Es ist keineswegs die größte Gruppe, das wollte ich auch nie sein. Nehmen Sie Afrika. Ich bin stolz auf jedes unserer zahlreichen Projekte auf diesem faszinierenden Kontinent. Eben erst haben wir ein Hotel in Simbabwe eröffnet. Als Nächstes ein zweites in Sambia. Das macht niemand sonst, da sind wir die Einzigen. Selbst wenn es profitabler wäre, auf Regionen wie Nordamerika zu setzen – wir verstehen uns eben auch als Pioniere. Lieber sind wir die Besten, statt die größte Gruppe zu sein.
Die „Besten“ zu sein – was heißt das für Sie?
Respektiert zu werden. Von unseren Gästen, von unseren Mitbewerbern. Mit Anantara zum Beispiel haben wir eine Luxusmarke geschaffen, die überall höchstes Ansehen genießt. Dazu gehören eigene Kliniken wie Layan Life auf Phuket, in denen sich unsere Gäste in Sauerstoff- und Kryokammern und mit traditionellen thailändischen Kräutern noch einmal auf ganz andere Art regenerieren können. Zugleich kommen wir aus sehr bescheidenen Verhältnissen und mussten uns den Profit selbst erarbeiten. Wenn nun junge Leute bei uns anfangen und mich fragen, wie wir zu Themen wie Nachhaltigkeit stehen, sage ich ihnen: Die Besten zu sein heißt für mich auch, die Welt ein Stück besser zu machen. Der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ein Schwerpunkt liegt bei uns auf Bildung. Wir vergeben Stipendien und unterstützen benachteiligte Kinder. Wir haben sogar eine Universität gegründet, das Asian Institute of Hospitality Management.

Sie waren zwar selbst nicht an einer Universität, haben aber eine gegründet.
Ja, weil ich gelernt habe, wie wichtig Bildung ist. Und ich bin froh, dass zumindest meine Kinder studiert haben.
Unternehmertum ist für Sie mit einer Mission verknüpft?
Absolut. Wir veröffentlichen regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte. Bis 2050 wollen wir klimaneutral sein. Wir messen laufend, wie wir Wasser sparen und Energie reduzieren können. Wenn es einen neuen Hotelstandort gibt, geht es uns auch darum, die lokalen Gegebenheiten zu achten. Auf den Malediven haben wir neun Standorte. Jedes Hotel auf einer eigenen Insel. Für jede dieser Inseln fühlen wir uns verantwortlich. Für die Vielfalt der Fische, der Korallen, für die Leute, die dort leben. Es sind kleine Paradiese, die wir schützen.
Tourismus hat großes zerstörerisches Potenzial. Es gibt kaum noch Orte, die unentdeckt sind. Ein Geheimtipp auf Instagram – schon kann es vorbei sein.
Keine Frage, Plattformen wie Instagram oder TikTok haben enormen Einfluss. Die Similan-Inseln müssen mittlerweile mehrere Monate im Jahr geschlossen werden. Zu viele Leute. Wir leisten uns den Luxus privater Buchten. Manche sind nur per Privatjet erreichbar.
Fühlen Sie sich dem Club der Milliardäre zugehörig?
Nein. Ich habe im Lauf meiner Karriere Geld kommen und gehen sehen. Für manche ist Geld eine Art Punktestand. Für mich zählt die Leidenschaft. Wenn dabei Geld entsteht – schön. Aber ich würde mein „echtes“ Leben gegen kein Geld der Welt tauschen.
In der Szene der Tech-Milliardäre kursieren Exit-Pläne für eine möglicherweise bevorstehende Apokalypse. Besitzen Sie irgendwo einen Bunker?
Nein, ich habe keinen Bunker. Die Welt wird weiter bestehen, wie schon seit Millionen von Jahren, da mache ich mir keine Sorgen. Sehen Sie, wir hatten hier einen Tsunami, mit unglaublichen Verlusten, das war traumatisch, und wir sind trotzdem durch diese Zeit gekommen. Es gab schwierige Geschäftsjahre, es gab Staatsstreiche, Nine Eleven, wir haben Covid überstanden. Das alles hat dazu geführt, dass mir Dinge, die ich kenne, keine Angst machen. Und ich glaube, dass große Ereignisse auf der Welt, die alle betreffen, die Leute eher verbinden, als sie zu trennen.
Leidenschaften verbinden auch: Nächstes Jahr veranstalten Sie in Rom den Concorso d’Eleganza. Welche Idee steckt dahinter?
Der erste Concorso in Rom fand vor 100 Jahren statt, der letzte vor 65 Jahren. Wir wollen die Tradition wiederbeleben und Rom zu einem neuen Treffpunkt für automobile Kultur machen. Sammler aus der ganzen Welt kommen mit ihren Klassikern – ausschließlich italienische Fahrzeuge mit historischer Bedeutung, die mindestens 25 Jahre alt sein müssen. Es wird ein Fest werden für Menschen, die Autos als Kunstwerke begreifen.
Für Menschen wie Sie.
Üblicherweise sammeln Leute Gemälde. Ich sammle, so nenne ich das, bewegte Kunst. Moving Art. Das ist eine Sammlung klassischer Autos – mein persönliches, rollendes Museum, das mir viel bedeutet. Alte Ferraris haben Linien, die für mich schöner sind als jedes Gemälde. Ein Bild ist etwas, das nur an der Wand hängt. Ich kann meine Kunst fahren. Das gefällt mir.
Haben Sie sich eigentlich als Founder und Chairman inzwischen aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen?
Nein, ich gehe immer noch jeden Tag ins Büro. Ich zähle keine Stunden. Meine Frau hat angekündigt, dass sie mich umbringen würde, wenn ich in Rente ginge. Also kommt das für mich weniger infrage (lacht).
Nehmen Sie sich auch mal eine Auszeit?
Ich bin eher der Typ für kurze Pausen und dafür öfter. Dann schalte ich das Telefon aus, ziehe mich zurück, tanke auf. Zwei Tage auf den Malediven können für mich genauso erholsam sein wie zehn Tage in Südamerika.
Wie sehen Sie die Frage der Nachfolge?
Wir haben genug Führungstalente im Unternehmen. Unsere Kultur ist meritokratisch – es geht nach Leistung, nicht nach Familienzugehörigkeit. Auch wenn meine Familie Anteile hält, sollen die fähigsten Menschen diejenigen sein, die das Unternehmen in Zukunft führen. Meine beiden Söhne sind im Ruhestand. Mein Enkel arbeitet im Hotelbereich. Es war das Abenteuer meines Lebens, dieses Unternehmen aufzubauen, und es ist keine Sache für meine Kinder – sondern für alle, die daran mitarbeiten. Wenn es nach mir weiterhin wachsen kann, ist das der größte Erfolg überhaupt.
Gibt es einen Ort, an dem Sie unbedingt noch ein Hotel eröffnen möchten?
Mich hat tatsächlich mal jemand in unserem Leadership-Team gefragt: Würden wir eines Tages ein Hotel auf dem Mars bauen? Und ich habe gesagt: Wenn sich die Gelegenheit ergibt, sind wir dabei, und wahrscheinlich wären wir sogar die Ersten, weil wir auf abgelegene Orte spezialisiert sind und Herausforderungen immer gerne annehmen. Raumfahrt ist eines der Dinge – so wie Thai Funk –, mit denen ich groß geworden bin. Und damit meine ich die Zeit zwischen zwanzig und dreißig. Da hatte ich sogar mal überlegt, mich für einen Flug bei Virgin anzumelden, als das anfing. Oder mit dem russischen Sojus ins All zu fliegen. Ich hatte mir Broschüren schicken lassen und dann aber gesehen, dass so ein Flug 200.000 Dollar kostet. Das war für mich nicht drin. Es gibt also noch Dinge, die auf meiner Liste stehen.
Ich habe gehört, Sie würden jetzt auch in Filmen mitspielen. Was ist da dran?
Ach, das war ein großer Spaß. Es waren zwei wirklich sehr kleine Auftritte, auf die ich trotzdem ein bisschen stolz bin. Einmal in „White Lotus“, in der dritten Staffel in Thailand, die wieder in einigen unserer Hotels spielt. Und in der Netflix-Produktion „Mother of the Bride“. Da bin ich in einer Szene mit Brooke Shields zu sehen – und gebe ihr einfach nur ein Handtuch.
