Aman Tokyo: Ein Ryokan über den Wolken

Die Detailverliebtheit der Japaner erreicht im Aman in Tokio ihren Höhepunkt. Wieso das Hotel der beste Ort ist, um die Philosophie der Luxusmarke besser zu verstehen.
Text Anna Walter

Adrian Zecha war 23, als er zum ersten Mal nach Tokio kam. Als Korrespondent für das Time-Magazin berichtete er aus dem Japan der Nachkriegszeit. An den Wochenenden fuhr der junge Journalist mit seinem Cabrio ins Grüne und stieg in traditionellen Ryokans ab. Dort erlebte er eine Form von Gastfreundschaft, die er bisher nicht kannte: Der Service in den familiengeführten Gasthäusern war unaufdringlich und intuitiv, so dass er sich weniger als Gast und vielmehr als Freund der Familie fühlte. Diese Erfahrung legte den Grundstein für die Aman Resorts, die er dreißig Jahre später gründete. Seine Vision: Alle Hotels sollten so intim sein, dass sich das Personal das Gesicht jedes einzelnen Gastes merken kann.

Aman zelebriert die japanische Einfachheit

In seinem Omakase-Restaurant serviert Hiroyuki Musashi Sushi und Sashimi mit selbst angebautem Reis.

Auch wenn das Aman in Tokio 84 Zimmer hat, wird man heute immer noch von jedem Mitarbeiter mit Namen begrüßt. Als erstes Stadthotel der Luxusmarke übersetzt es den Resort-Gedanken auf einen gläsernen Wolkenkratzer im Finanzdistrikt. Der Eingang führt durch den Otemachi Forest, ein begrüntes Stadtentwicklungsprojekt, das die Natur zurück ins Zentrum holt. Sobald sich im 33. Stock die Aufzugtüren öffnen, fühlt man sich wie auf einer Wolke, die über dem geschäftigen Treiben der Metropole schwebt. 

Das Hotel ist im Stil der japanischen Einfachheit gehalten: Verarbeitet wurden hauptsächlich Holz, Stein und Papier. Bei der Gestaltung der Zimmer hat sich Kerry Hill von traditionellen Wohnhäusern inspirieren lassen. Shoji-Schiebewände und Tatami-Matten gliedern die großzügigen Räume, während die Badezimmer mit Ofuro-Wannen aus dunkelgrauem Granit und kleinen Oke-Holzeimern ausgestattet sind. Vom Bett aus liegt Tokio einem sprichwörtlich zu Füßen, denn die bodentiefen Fenster geben den Blick auf die Gärten des Kaiserpalasts und den schneebedeckten Mount Fuji frei. Der Fernseher ist aus gutem Grund in einem Sideboard versteckt – schließlich ist die Aussicht Schauspiel genug.

Der Sushi-Reis wird vom Koch selbst geerntet

Der Poolbereich aus schwarzem Granit kommt in der Dämmerung am besten zur Geltung.

Die Detailverliebtheit der Japaner erreicht im Aman ihren Höhepunkt. Den Shari-Reis baut Chefkoch Hiroyuki Musashi selbst an, genauso wie die Wasabi-Pflanzen. Vier Jahre dauert es, bis man den Edel-Merrettich ernten kann und er als grüne Paste auf den Teller kommt. Aus dem fermentieren Reis entsteht auch der Aman Extra Dry Sake, der zu Sushi und Sashimi gereicht wird. Getrunken wird er aus Keramikbechern, die Mushashi -selbstverständlich- selbst getöpfert hat. Das Abendessen kommt einem rituellen Erlebnis gleich: An der langen Theke aus Hinoki-Holz finden gerade einmal acht Gäste Platz. Menükarten gibt es keine – alle Anwesenden lassen sich auf die Omakase-Tradition ein, bei der der Koch alle 21 Gänge selbst auswählt.

Wer tiefer in die Kultur des Landes eintauchen möchte, dem eröffnet Aman Türen, die Touristen sonst verschlossen bleiben. Gäste können etwa am Asageiko, dem Morgentraining der Sumo-Ringer, teilnehmen oder die Kunst des Iaido-Schwertkampfes erlernen. Entspannung finden sie anschließend im zweistöckigen Spa, das auf den Prinzipien der Kampō-Kräuterheilkunde basiert. Pünktlich zur Dämmerung lässt man sich am besten am 30 Meter langen Pool nieder und beobachtet, wie die schwarzen Granitsäulen langsam in den Nachthimmel übergehen.

Doch das, was Aman am Ende wirklich auszeichnet, ist der Umgang mit dem Gast. Das Personal scheint eine Art sechsten Sinn zu haben, Wünsche zu erahnen und sie zu erfüllen, bevor man sie überhaupt ausgesprochen hat. Irgendjemand ist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ohne dabei jemals die Linie zur Aufdringlichkeit zu überschreiten. Eine Rechnung unterschreiben muss man während des gesamten Aufenthaltes übrigens nie. Das würde man bei einem Freund Zuhause schließlich auch nicht tun.

Ab 1.928 Euro pro Nacht