Wie aus einer französischen Privatinsel ein Luxushotel wurde

Mit der Île de Bendor schufen Marc de Jouffroy, Urenkel Paul Ricards, und der Hotelier Arnaud Zannier ein exklusives Refugium an der Côte d’Azur. Ein Besuch.
Text Bettina Krause
Die Île de Bendor umfasst eine Fläche von sieben Hektar und liegt östlich von Marseille.

Alles beginnt mit Marc de Jouffroys fixer Idee, die Île de Bendor zu retten. Die sieben Hektar große Privatinsel aus seinem Familienbesitz, umgeben vom azurblauen Mittelmeer, bedeutet dem Franzosen persönlich viel. Hier hat er die Sommer seiner Kindheit verbracht und kürzlich sogar geheiratet. Gelegen ist die Insel am bisher weniger kommerzialisierten Teil der Côte d’Azur, rund eine Autostunde östlich von Marseille. De Jouffroys Urgroßvater Paul Ricard, der legendäre Pastis-Schöpfer, Unternehmer und Mäzen, kaufte die Île de Bendor 1950 mit einer klaren Vision. Rund um den kleinen Hafen ließ er Galerien, Ateliers und zwei Hotels errichten und schuf damit einen glamourösen Hotspot für Künstler, Intellektuelle und Freigeister. Stars wie Josephine Baker, Salvador Dalí oder Jean-Paul Belmondo waren ständige Gäste und zelebrierten das leichte Leben.

100 Millionen Euro kosteten die Bauarbeiten

Das Design des Delos Hotels erinnert an die Riviera der 1960er-Jahre.

Nach dem Tod Ricards folgen Jahrzehnte des Verfalls. Gebäude verwitterten, alles verwilderte – nichts blieb vom einstigen Glanz. Also trifft Marc de Jouffroy 2019, mittlerweile Geschäftsführer der familiengeführten Société Paul Ricard, eine Entscheidung: »Mir war klar, dass wir hier etwas wirklich Großes anstrengen mussten, um die Insel zu retten. Andernfalls bedeutete das Nichtstun, sie aufzugeben«, so der Franzose. Die größte Herausforderung stand ganz am Anfang: die eigene Familie davon zu überzeugen, dass diese Insel das Potenzial hatte, eine der ikonischsten Luxus-Destinationen Europas zu werden. »Wir mussten etwas tun, das uns zu wirtschaftlichem Wachstum verhalf und gleichzeitig die einzigartige DNA der Insel bewahrte«, so de Jouffroy. Klar war: Um umfassende Bauarbeiten auf der Insel in Angriff nehmen zu können, musste zuerst ein Spezialboot konstruiert werden – allein dieser Vorgang sollte zwei Jahre dauern.

Das Zögern der Familie Ricard ist nachvollziehbar. 100 Millionen Euro waren veranschlagt. Das war auch für sie eine Menge Geld, sagt de Jouffroy. »Bauarbeiten dieses Umfangs auf einer verhältnismäßig kleinen Insel durchzuführen, ist sehr riskant und aufwendig«, so der Franzose. Die mit dem Baustart beginnende Pandemie wirkt zusätzlich erschwerend. Aber der junge Unternehmer überzeugt lokale Politiker und schließlich auch seine Familie, die im Zentrum der Île de Bendor ein privates Anwesen besitzt. »Unsere Familienhäuser im Herzen der Insel so zu erweitern, dass wir alle dort unabhängig voneinander, aber auch gemeinsam Zeit verbringen können, war ein weiteres Ziel des Umbau-Projekts«, so de Jouffroy.

Zannier steht für authentischen Luxus

Die Kunstwerke, die in den Hotels und Restaurants ausgestellt sind, lassen sich direkt auf der Insel erwerben.

Um sicherzugehen, Paul Ricards Vermächtnis und das außergewöhnliche Naturerbe zu erhalten, galt es, den passenden Hotelier zu finden. Aus 15 Kandidaten wollte de Jouffroy einen auswählen. »Damals kannte ich Zannier nicht und wollte, nachdem ich schon mit 14 Interessenten gesprochen hatte, nur noch nach Hause«, erinnert er sich. Aber Arnaud Zannier taucht auf, bestens vorbereitet, voller Begeisterung und mit einer glasklaren Vorstellung davon, wie die Insel aussehen soll. »Während des Lockdowns hatte ich mich eine ganze Woche lang eingeschlossen und alles über die Insel und die Familie Ricard studiert«, erzählt Arnaud Zannier, dessen sechs Hotels in Kambodscha, Portugal, Spanien, Vietnam, Mauritius und Frankreich eine neue Art der unaufdringlichen Exklusivität verkörpern. 

De Jouffroy überzeugen an Zannier vor allem drei Aspekte: Der authentische Luxus, der dem Hotelier vorschwebt. Die Tatsache, dass auch er einer französischen Unternehmerfamilie entstammt. Und seine bis ins Detail klare Vorstellung, die sich heute fast vollständig auf der Île de Bendor manifestiert hat. »Wir wollten die Insel in das kleine, entzückende Dorf zurückverwandeln, das sie einst war, in dem das Lebensgefühl der Provence spürbar ist«, sagt Zannier. Und das ist den beiden gelungen.

Die Insel ist nur mit dem Boot zu erreichen

Der Hotelier Arnaud Zannier war für die ästhetische Vision des Projekts zuständig.

Wenige Minuten nachdem das Boot die Promenade in Bandol verlässt, erreicht es den kleinen Inselhafen, den Häuschen im provenzalischen Stil und ein üppiger Garten einrahmen. In die Meeresluft mischt sich der Duft frisch gebackener Crêpes. Am Hafen verzweigt sich der Weg: zum glamourösen Delos Hotel im Sixties-Stil mit lichtdurchfluteten Räumen, reduziertem Retro-Ambiente, lebendiger Atmosphäre und einer großzügigen, gläsernen Bar.

Im Kontrast dazu steht das auf Wellness ausgerichtete Soukana-Hotel am anderen Ende der Insel. Neutrale Brauntöne lassen dieses Ruhe ausstrahlende Gebäude wie einen Kokon wirken. Vom Connaisseur kuratiert sind hier die antiken Objekte, Möbel und Vasen, die der Geradlinigkeit eine charmante Wärme verleihen. Yogamatten liegen auf den Zimmern bereit, der Pool bietet Platz, um sportliche Bahnen zu ziehen. Wer sich noch mehr Privatsphäre wünscht, mietet sich eine der exklusiven 30 bis 40 Quadratmeter großen Madrague-Villen mit Garten direkt am Inselhafen.

Künstler haben eigene Ateliers und Galerien

Als Urenkel von Paul Ricard legte Marc de Jouffroy sein Augenmerk auf die Bewahrung dessen immateriellen Erbes.

»Für uns war es essenziell, dass die Île de Bendor rundum aussieht wie ein Zannier-Hotel. Deshalb sagte ich zu Marc, er müsse für die Gestaltung unser hauseigenes Interior-Design-Studio engagieren«, erklärt der Hotelier. Jedes Detail auf der Insel, von der Gabel bis zum Sofakissen, entspricht den ästhetischen Vorstellungen Zanniers. Von ihm stammt auch die Idee, für jeweils mehrere Monate wechselnde Künstler auf die Insel zu holen, die die Gäste in ihre kreative Arbeit eintauchen lassen und Workshops anbieten. Ihre Ateliers und Galerien reihen sich in der Inselmitte zu einem inspirierenden Treffpunkt aneinander. Nebenan fungiert das von Sonnensegeln beschattete Restaurant La Nonna Bazaar auch als Dorfplatz mit Pétanque-Spielfeldern, Wasserbecken und feinem Sandstrand. 

Von hier aus führt der Rundweg weiter zur südlichen Küste, wo an windigen Tagen die Wellen gegen die Felsen peitschen. Diese wildere Seite der Insel ist der Lieblingsort von de Jouffroy, der hier mit Blick auf das offene Meer das Gefühl von Abgeschiedenheit genießt. Zwischen Pinienbäumen und historischen Steinmauern führt der Pfad zum östlichen Ende der Insel mit dem Hotel Delos und dem Restaurant Le Grand Large, wo der erst 26-jährige Küchenchef Lucas Antoniotti die Gäste direkt am Mittelmeer bekocht. Gewählt wird zwischen fünf und sieben Gängen, was genau er serviert, entscheidet der Chef persönlich. Mit dem abschließenden Sundowner wird in der Rooftop-Bar des Hotels Soukana angestoßen, während hinter dem imposanten Felsen Le Bec d’Aigle in der Ferne die Sonne langsam im Meer versinkt.

Familie Ricard ist am Hotelumsatz beteiligt

Für de Jouffroy und Zannier verliefen die sieben Jahre der Insel-Transformation nicht immer so reibungslos, wie das Ergebnis vermuten lässt. Eine großes Problem verdeutlicht das Verhältnis zwischen den beiden Männern: Nachdem der Mock-up-Room für die Badezimmer eingerichtet und das gesamte Interieur bestellt war, sagte Zannier zu de Jouffroy: »Das gefällt mir stilistisch nicht und ich bin sicher, dass es so nicht gut aussehen wird.« Marc de Jouffroy trifft diese Information in einer stressigen Phase. Er möchte beim ursprünglichen Plan bleiben und setzt sich durch. Als alle Badezimmer fertig sind, sieht er aber ein, dass das ein Fehler war und Zannier recht hatte. »Marc übernahm die Verantwortung dafür und wir ließen die Räume noch mal umgestalten«, so der Hotelier. Und so erhielten alle 35 neuen Badezimmer direkt nach der Fertigstellung eine komplette Rundum-Renovierung.

Was die Zusammenarbeit der beiden Unternehmer erfolgreich macht, ist der gegenseitige Respekt und das Wissen, wo die eigene Kompetenz endet und die des anderen beginnt. Der finanzielle Deal zwischen ihnen sieht so aus: „Die Familie Ricard bekommt einen regelmäßigen Betrag sowie einen Prozentsatz des Umsatzes», sagt Zannier. Für ihn war die Insel-Transformation ein Lebensprojekt. »Das größte Unterfangen, das ich je realisiert habe«, sagt er. Und Marc de Jouffroy hat das Vermächtnis seines Urgroßvaters in eine neue Ära geführt. Er hat die Île de Bendor in jene »Island of Happiness« zurückverwandelt, die Paul Ricard einst schuf.