Wieso sich ein Besuch in der Atlas Bar lohnt

Es gibt Millionen Bars auf dieser Welt. Und jede einzelne ist wahrscheinlich für irgendjemanden die liebste. Unser Autor schwört auf die Atlas Bar in Singapur. Eine Liebeserklärung.
Text Tim Gutke
Der Art-déco-Turm am Parkview Square trägt den Spitznamen »Gotham Building«.

Singapur ist keine Stadt, bei der Alkohol traditionell zum Charakter gehört – anders als in London mit seinen Pubs, Berlin mit den Clubs oder München mit seinen Biergärten. Natürlich gibt es auch in Singapur Alkohol. Natürlich wird getrunken. Aber anders. So kann man sich für umgerechnet 30 Euro in Raffles’ Long Bar einen Singapore Sling zwischen amerikanischen Touristen und deutschen Expats gönnen – während man selbst, sitzend auf einem Haufen Erdnussschalen, den Sling durch einen Plastikstrohhalm die Kehle runterlaufen lässt. Oder man geht an einen Ort, der eine Verheißung ist. An einen Ort, in dem das Äußere schon einen Vorgeschmack auf das Innere bietet. Die Atlas Bar.

Ein Gebäude wie aus einem Batman-Comic

Marmor, Messing, Gold: Trotz ihres üppigen Dekors wirkt die Atlas Bar nicht kitschig.

Sie befindet sich im Erdgeschoss des Parkview Square, jenes 144 Meter hohen Art-déco-Turms, der wegen seiner Wasserspeier und der bronzenen Fassade den Spitznamen »Gotham Building« trägt. James Adams zeichnete den Bau, DP Architects setzte ihn 2002 um, und seither steht da ein Gebäude, das aussieht, als sei es einem Batman-Comic entsprungen. Ihren Namen verdankt die Bar der verchromten Weltkugel vor der Tür, getragen von vier Titanen.

Immer wenn ich in Singapur ankomme, führt mich mein Weg am ersten Abend ausnahmslos in die Atlas Bar. Der Grund dafür ist einfach: Mit einem Jetlag wirkt die ganze Szenerie noch eindrucksvoller, fast schon berauschend. Obwohl es empfohlen wird, habe ich hier noch nie reserviert, sondern tigere erst durch das Foyer, als gälte es, an dem Abend noch fette Beute zu machen. Das ist dieser Moment, in dem ich all die Details auf mich wirken lasse, aufsauge: die goldenen Balkone, die kleinen Lampen, die in Leder eingefasste und liebevoll gestaltete Karte, die gut angezogenen Mitarbeiter und die Konsequenz, mit der hier eine Bar geschaffen wurde, die weltweit einzigartig ist. Marmor, Messing, Gold – darüber wölbt sich eine handbemalte Decke.

Im Regal stehen 1300 verschiedene Sorten Gin

Die Bar ist nie zu voll oder zu leer, wie ein perfekt gefülltes Martini-Glas, das beim Servieren nicht überschwappt.

Im Zentrum dieses Art-déco-Rausches und hinter der Bar thront ein gut fünfzehn Meter hoher Turm, ein Spirituosen-Regal, das mehr als 1300 Sorten Gin beherbergt. Am Fuß des Turms soll sich ein begehbares Gewölbe mit mehr als 300 Champagnersorten befinden – darunter angeblich drei Flaschen mit einer besonderen Biografie: 1916 versenkte ein deutsches U-Boot den schwedischen Schoner »Jönköping« mit 4400 Flaschen Heidsieck-&-Co.-Monopole-Champagner an Bord, die für Zar Nikolaus II. bestimmt waren. 1998 wurden von einem schwedischen Taucherteam 2400 Flaschen aus 64 Meter Tiefe aus der Ostsee geborgen und versteigert – drei fanden ihren Weg in die Atlas Bar. Für 130.000 Euro könnte man eine Flasche dieses »Goût américain« bekommen. Zu gerne würde ich wissen, was die Tiefe und der Druck aus dem Champagner von 1907 gemacht haben und ob man in der Atlas Bar eine Flasche nur unter Vorkasse rausgibt.

Jedes Gold, jede Vitrine, jedes Detail ist mit derselben stilsicheren Hand gebaut – deshalb kippt das Ganze hier nie in Kitsch, sondern bleibt Klasse. Das ist die eigentliche titanische Trickserei: Man stopft einen Raum mit mehr Pomp voll, als drei Maharadschas zusammen bräuchten, und trotzdem steht man als Gast da und denkt: überaus geschmackvoll. Schon 2017, im Eröffnungsjahr, schaffte es die Bar auf Platz 15 der World’s-50-Best-Bars-Liste und bekam den Titel »Highest New Entry« dazu verliehen. Ein Jahr später ging es sieben Plätze weiter nach oben.

Wer nett lächelt, bekommt meiner Erfahrung nach auch einen Platz zugewiesen – solange man eine lange Hose trägt. Ich liebe den Augenblick, bevor ich mich in einen der großen grünen Sessel fallen lasse. Dann atme ich noch einmal diesen Geruch von weltmännischer Umtriebigkeit um mich herum ein. Die Bar ist nie zu voll oder zu leer, eher so wie ein perfekt gefülltes Martini-Glas, das beim Servieren nicht überschwappt – bei dem man aber auch nicht den Eindruck gewinnt, es sei zu wenig drin. Meine Bestellung: immer ein Gin Tonic. Aber nie mit dem gleichen Gin. Ich lasse mir etwas empfehlen, das zu meiner Abendstimmung passt. Und das macht wohl die beste Bar der Welt aus – der Barkeeper lag mit seiner Empfehlung noch nie daneben.