Wie ich mir meinen Traum vom Boot erfüllte

Unser Kolumnist Philipp Jessen wollte schon immer ein eigenes Boot haben. Nur die Unlust, noch mal eine Führerschein-Prüfung zu machen, hielt ihn davon ab. Zum Glück hat er nun einen neuen Freund.
Text Philipp Jessen

Es gibt einen Satz über Boote – den kennt auch jede Landratte: Es gibt nichts Besseres als Freunde mit einem Boot. Ich wollte schon immer ein eigenes Boot haben – ein Freund sein. Und so viel Zeit auf dem Wasser verbringen wie möglich. Wegsegeln vom Land. Bis zum Horizont, wo Sorgen und Gedanken im Ozean ertrinken. Es waren nicht mal die Kosten des Erwerbens oder der Stress des Besitzens, der mich letztendlich davon abhielt. Sondern schlicht meine groteske Unlust, noch mal eine Führerschein-Prüfung zu machen. Lernen zu müssen für eine schriftliche Arbeit. Und – noch schlimmer – für eine Knoten-Prüfung. Ich glaube, erst auf dem Gymnasium hatte ich seinerzeit wirklich gelernt, wie man eine vernünftige Schleife mit den eigenen Schnürsenkeln macht …

Angst vor der Knoten-Klausur

In meinem Job musste ich jahrelang Präsentationen ausarbeiten und Pitches machen, an deren Ausgang die Zukunft des Unternehmens, die eigene Sicherheit und viele Arbeitsplätze hingen. Dennoch schlief ich in der Nacht zuvor stets wie ein Baby. Aber der Gedanke, wieder für eine Knoten-Klausur lernen zu müssen, hätte mich ganz sicher um den gesunden Schlaf gebracht. Da Eigenerwerb also aus besagten Gründen ausfiel, blieb mir nur die eingangs erwähnte Möglichkeit Freunde mit Boot – wenn ich meinen Traum von der Quality Time auf dem Meer Wirklichkeit werden lassen wollte. Hier gab es allerdings ein weiteres Problem: Ich bin nicht der Typ, der seine Freunde danach aussucht, ob sie bestimmte Dinge besitzen. Sondern schlicht danach, ob sie feine Menschen sind. Der Gedanke, mir aktiv Freund mit Boot zu suchen, kam mir also gar nicht erst in den Sinn. Manche Träume sterben an der eigenen Moral.

Aber manchmal hat man einfach Glück, da findet man spät im Leben noch einen funkelnden neuen Freund. Obwohl man den gar nicht so wirklich gesucht hat und das Thema Freundschaften schließen persönlich eigentlich als abgeschlossen galt. Und dieser Freund ist dann nicht nur sehr lustig. Sondern auch klug und ehrgeizig – und deshalb zusätzlich gerechterweise auch sehr, sehr erfolgreich. Dazu auch noch das, was man einen Hedonisten nennen könnte. Der eben auch genießen kann. Gerne teilt. Zum Beispiel sein sehr großes, sehr schönes Boot, das er sich letztens gekauft hat. Der Anruf kam an einem Dienstag: „Was machst du in zwei Tagen und danach? Bock auf ’nen Bootstrip?” Donnerstag legten wir ab. Das schlechte Gewissen, die Familie so spontan sich selbst zu überlassen und auf hoher See erstmalig seit Jahren nicht erreichbar zu sein, blieb erstaunlicherweise an Land.

Ein Boot mit einem echten Freund

Der Katamaran segelte von Mallorca nach Ibiza, nach Formentera hin und her. Bis ich nicht mehr wusste, an welchen Stränden wir schwammen. War auch egal. In sechs Tagen las ich vier Bücher, schlief so gut wie seit Jahren nicht und führte noch mehr schöne Gespräche. Als wir wieder im Hafen anlegten, erinnerte ich mich kurz an den Freunde-mit-Boot-Satz vom Anfang. Und mir wurde klar, wie falsch dieser Satz am Ende wirklich ist. Denn es gibt eben doch etwas viel besseres als Freunde mit Boot – nämlich ein Boot mit einem echten Freund.