Laura Attanasio: „Ab einer Million steigen so gut wie alle aus”

Frau Attanasio, die Umsätze im Kunstmarkt sind seit zwei Jahren rückläufig und im Moment sieht es nicht so aus, als stünde in diesem Jahr eine Trendwende bevor. Besonders stark betroffen ist das obere Preissegment mit Werken über zehn Millionen Dollar. Ist das nur eine vorübergehende Flaute – oder das Ende der Preis-Exzesse im Kunstmarkt?
Ich glaube, es ist beides: Wir erleben gerade eine notwendige Marktkorrektur und gleichzeitig eine konjunkturelle Flaute. Die geopolitischen Unsicherheiten drücken die Kauflaune, und nach einem Boom wie zwischen 2020 und 2022 schlägt das jetzt umso stärker durch. Der Markt war damals schlicht überhitzt. Die Auktionsergebnisse für junge Kunst standen in keinem gesunden Verhältnis zum Karriereniveau der Gehandelten, zu ihrer institutionellen Anerkennung und zum übrigen Preisgefüge im Markt. Vieles war reine Spekulation, und das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Zeitgenössische Kunst taugt eben nur begrenzt als schnelles „Flip”-Objekt, weil am Ende Relevanz zählt – und die zeigt sich erst mit den Jahren.
Wo sind die Spekulanten hingewandert?
Viele von ihnen sind in Krypto eingestiegen. Meist sind es Menschen, die sich nie wirklich für Kunst interessiert haben, sondern nur für attraktive Anlagechancen. Der Kryptomarkt besitzt viele jener Eigenschaften, die Spekulanten auch am Kunstmarkt reizen: stark stimmungsgetrieben, risikoreich und mit der Verlockung hoher Renditen. Natürlich wird es immer Kunden geben, die auf der Suche nach einer guten Investition sind. Mit der richtigen Beratung stellen sie fest, dass es nicht der Hochrisiko-Hochrendite-Markt ist, den sie suchen, sondern ein langfristiges Feld, das Geduld und sorgfältige Aufmerksamkeit belohnt. Und manche entdecken genau das in der Kunst.

Ihr Arbeitgeber Pace hat 2025 als erste Megagalerie eine Dependance in Deutschland eröffnet. Das ist erstaunlich, denn das ganz große Geld liegt längst woanders als hierzulande. Im Auktionsgeschäft heißt es zum Beispiel, über dem hiesigen Markt liege preislich eine Art gläserne Decke. Verfolgt Pace etwa das Prinzip „Kleinvieh macht auch Mist”?
Es stimmt: Ab 500.000 Euro wird es hierzulande schwierig, und ab einer Million steigen so gut wie alle aus. Aber Pace denkt nicht in einzelnen Ländern, sondern als globales Netzwerk. Selbst wenn wir in Deutschland nur einen Dollar Gewinn machen würden, würde sich das schon lohnen. Man darf Deutschland trotzdem nicht unterschätzen. Die hiesigen Sammler sind sehr gebildet und orientieren sich nicht am Markt. Gerade deshalb kaufen sie auch in schwierigen Zeiten weiter, weil es ihnen wirklich um die Kunst geht.
Die Berlin-Eröffnung von Pace wurde nicht zuletzt wegen Ihrer Personalie aufmerksam verfolgt. Gemeinsam mit Ihrem ehemaligen Chef Johann König haben Sie eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Nachkriegskunst geschrieben. Wie läuft so ein Wechsel im Kunstbetrieb ab? Klassisches Headhunting – oder hat die Branche eigene Regeln?
Pace-CEO Marc Glimcher und ich kannten uns schon lange und haben uns so gut verstanden, dass wir beide irgendwann miteinander arbeiten wollten. Aber am Ende hat es vier Jahre gedauert, bis ich zugesagt habe. Denn es ist ja kein kleiner Schritt: von einer deutschen Galerie, selbst einer der größten mit rund 40 Mitarbeitenden, in eine internationale Struktur zu wechseln, in der über 300 Menschen arbeiten – mit deutlich längeren Abstimmungsprozessen, wo Entscheidungen nicht informell „über den Flur” getroffen werden.

Ihr Abschied von König fiel in eine Phase erheblicher Turbulenzen für die Galerie: Nachdem Ihrem damaligen Chef Fehlverhalten gegenüber Frauen vorgeworfen worden war, verließen mehrere namhafte Künstler das Haus. In dieser Situation dürfte sich das Angebot von Pace wie ein Rettungsboot angefühlt haben. War es das?
Nein. Es war keine Flucht, sondern eine schmerzhafte Zäsur. Ich habe die König Galerie über viele Jahre mit aufgebaut, und mit meiner Entscheidung musste ich sehr viel von mir zurücklassen. Wenn sich die Galerie so weiterentwickelt hätte wie zuvor, hätte ich mich nicht abwerben lassen, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. So wie Johann die Galerie geführt hat, gab es keine Schwelle. Man konnte sich dort willkommen fühlen, auch ohne Vorwissen. Es gab keine Trennung zwischen E- und U-Kultur, und die Galerie verstand sich bewusst als Gegenentwurf zu einem elitären Kunstbetrieb. Das ist eine Haltung, die ich zu hundert Prozent teile.
Sie haben einmal gesagt, Berlin sei für Pace auch wegen der hier ansässigen Künstler wichtig, darunter prominente Positionen wie Alicja Kwade, die bis Ende 2023 von König vertreten wurde. Zugleich heißt es, Pace habe Kwade schon länger im Blick gehabt. War Ihre Verpflichtung in irgendeiner Weise an die Abwerbung von Alicja Kwade zu Pace geknüpft?
Nein, Alicja hatte damals mehrere Angebote, genauso wie ich. Und weil wir über die Jahre enge Freundinnen geworden sind, hatten wir klar besprochen, dass jede zuerst an sich denkt und dass keine Entscheidung zwischen unsere Freundschaft treten würde. Dass wir beide bei Pace gelandet sind, war wahrscheinlich auch eine unterbewusste Entscheidung, unseren Weg weiter gemeinsam zu gehen.

Gibt es im Kunstbetrieb keine Compliance-Regeln, die verhindern, dass man beim Wechsel einfach Künstler mitnimmt?
Nein, und ehrlich gesagt fand ich das schon immer etwas dubios. Aber bislang gibt es so etwas für Galeristinnen und Galeristen nicht. Künstler sind da oft die härteren Geschäftsleute. Wir bei Pace handhaben das anders: Wir verlangen nicht, dass Künstler ihre bestehenden Galerien aufgeben, wenn sie mit uns arbeiten. Im Gegenteil: Unsere Teams kooperieren eng und vertrauensvoll mit den Teams anderer Galerien – mit dem besten Ergebnis für alle.
Pace eröffnet diesen Sommer in New York eine eigene Sekundärmarkt-Galerie und setzt damit klar auf Private Sales – Verkäufe ohne öffentliche Bieterverfahren und publik gemachte Preise. Ist das ein Zeichen für einen nervösen Markt? Wird gerade diskret abgeladen, was man öffentlich nicht mehr loswird?
Der Sekundärmarkt war schon immer ein zentrales Geschäftsfeld für Galerien – auch für Pace. Bemerkenswert ist jedoch, dass es bis heute nur wenige Galerien gibt, die sich gezielt diesem Bereich widmen. Das wollen wir ändern.

Wie viele Kunstschätze befinden sich in Deutschland im Privatbesitz?
Viel mehr, als man gemeinhin annimmt. Das hat auch mit dem Sammlerbild zu tun, über das wir eben gesprochen haben: Die Beziehung zur Kunst ist hier viel intimer als anderswo. Entsprechend wenig Bewegung ist im Markt. Wenn ein Werk erst mal über Generationen in Familienbesitz ist, käme es vielen Deutschen nie in den Sinn, es zu veräußern. Dazu kommt, dass es beim Vererben von Kunst in Deutschland durchaus steuerliche Vorteile gibt.
Ein weiterer stark wachsender Bereich im Kunstmarkt sind Künstlernachlässe. Pace betreut einige der bedeutendsten, etwa Willem de Kooning, Mark Rothko und Jean Dubuffet.
Künstlernachlässe sind ein wesentlicher Bestandteil der Pace-DNA – nicht zuletzt aufgrund unserer 65-jährigen Geschichte. Viele dieser Künstler hat Pace bereits zu Lebzeiten vertreten. Die Arbeit mit einem Nachlass unterscheidet sich nicht grundlegend von der Zusammenarbeit mit lebenden Künstlern, außer, dass keine neuen Werke mehr entstehen. Es stellen sich dieselben zentralen Fragen: Wie positioniert man ein Œuvre? Wie baut man langfristige Nachfrage auf? Wie arbeitet man mit Museen zusammen? Wie bewahrt man eine Position vor opportunistischen Marktmechanismen, um ihren Platz in der Kunstgeschichte dauerhaft zu sichern?
Trauen Sie einer Galerie zu, einen zu Lebzeiten verkannten Künstler posthum zu etablieren?
Im Prinzip schon. Aber es hat weniger mit der „Macht” einer Galerie zu tun als mit dem Zusammenspiel vieler Faktoren: Beziehungen zu Sammlern und Institutionen, einem Gespür dafür, wo das Werk an gegenwärtige Diskurse anknüpfen kann. Nicht zuletzt eine überzeugende Erzählung darüber, warum man sich für einen Künstler interessieren sollte, von dem man bislang noch nie gehört hat.
Marc Glimcher hat einmal gesagt: »Strategien und Pläne funktionieren in der Kunstwelt nur bedingt.« Hat er recht?
Ja. Wir haben keinen Plan und keine Strategie. „We just wing it”, wie die Amerikaner sagen.
