Ressence: Zeit ohne Zeiger

Wie würde eine Uhr aussehen, wenn man sie im 21. Jahrhundert entwirft? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt des belgischen Designers. Seine Uhren unterscheiden sich in jeglicher Hinsicht von denen der Konkurrenz. Statt mit klassischen Zeigern sind sie mit rotierenden Scheiben ausgestattet, auf denen Striche aufgezeichnet sind. Das System, das Benoît Mintiens entwickelt hat, erinnert an ein Sonnensystem: Während sich die größte Scheibe permanent im Kreis dreht und mit ihrem langen Strich die Minuten anzeigt, wandern kleinere Scheiben automatisch mit und drehen sich gleichzeitig in sich selbst weiter, um die korrekte Stunde und Sekunde anzuzeigen. Das Ergebnis? Moderne Uhren, deren Zifferblätter minütlich ihr Gesicht verändern. Um Spiegelungen zu vermeiden, sind manche Modelle von Ressence zusätzlich mit Öl gefüllt. Ähnlich wie bei einer digitalen Uhr wirken die Ziffern deshalb, als seien sie direkt auf das Glas gedruckt, obwohl es sich um ein mechanisches Uhrwerk handelt. Im Interview spricht der 54-Jährige über die Anfänge seiner Marke – und für welche Kunden er designt.

Als Industriedesigner gestalteten Sie Flugzeugkabinen und Züge, bevor Sie eine Uhr entworfen haben. Wann stand für Sie fest, dass Uhren grundlegend neu gedacht werden müssen?
Der Schock kam 2008 auf der Baselworld. Dort ist mir aufgefallen, dass viele Marken im Grunde Uhren verkaufen, die vor 60, 70 oder sogar 100 Jahren entwickelt wurden. Sie unterscheiden sich im Aussehen und im Namen, aber die Technik im Inneren ist immer dieselbe. Damals habe ich mich gefragt, wie eine Uhr aussähe, wenn man sie so entwirft, wie man heute jedes andere Produkt entwirft.
Sie blickten mit einer neuen Perspektive auf das Produkt. Was konnten Sie als Außenseiter erkennen, das Uhrmachern entgeht?
Uhrmacher sind Ingenieure, und Ingenieure denken zuerst an das Uhrwerk. Als Industriedesigner wird man dagegen eher wie ein Anthropologe geschult. Ich schaue aus der Sicht des Trägers auf eine Uhr. Für mich ist ein Produkt keine Schöpfung um ihrer selbst willen, sondern ein Werkzeug, das einem Zweck dient.

Welchen Zweck soll eine Ressence erfüllen?
Meine Aufgabe als Designer ist es, dass sich der Umgang mit einem Produkt möglichst selbstverständlich anfühlt. Bei Ressence zeigt sich das zum Beispiel darin, dass es keine Zeiger gibt. Der Grund ist ergonomisch: Zweidimensionale Informationen lassen sich einfacher ablesen. Alle Uhren, die man kennt, sind aber dreidimensional. Ich wollte ein flaches System, das sich so mühelos lesen lässt wie gedruckte Worte auf Papier.
Dieser Gedanke prägt auch die Bedienung: Eine Krone an der Gehäuseseite gibt es nicht. Warum?
Eine Krone ist eigentlich für Kinderfinger gemacht. Sie stammt von einem Ingenieur, der einen Weg finden musste, die Uhr einzustellen, und dabei nicht daran dachte, wie ein Mensch das macht. Bei Ressence ist der gesamte Gehäuseboden die Krone und die Bedienung ist denkbar einfach: Es gibt nur einen Knopf, den man nach links oder rechts dreht. Je einfacher eine Uhr zu bedienen ist, desto besser wird die Beziehung zu ihr. Das heißt nicht, dass unsere Uhren technisch schlicht wären. Eine gängige Komplikationsuhr von anderen Marken besteht aus höchstens 100 Bauteilen. Die Type 10 hat 538, und alle sind eigens für unsere Marke gefertigt.
Eine Uhr dient oft auch als Visitenkarte am Handgelenk. Wer trägt eine Ressence?
Menschen, die sich normalerweise nicht für Uhrmacherei begeistern. Unsere Uhren tragen Architekten, Designer und Tech-Unternehmer. Sie verbindet ihre Kreativität und ihr unkonventionelles Denken. In der Uhrenbranche gilt: Mehr ist mehr. Unsere Kunden dagegen schätzen das Reduzierte. Und sie kaufen die Uhr für sich selbst, während 99 Prozent aller Uhren wegen ihrer sozialen Wirkung auf andere gekauft werden.









