Chesa Marchetta: Ein Haus mit Geschichte

Im Engadin verwandelten Manuela und Iwan Wirth eine ehemalige Scheune in ein Luxushotel – und schufen einen Ort, an dem Kunst erlebbar wird.
Text Anna Walter
Alte Gemäuer: Für sein Hotelprojekt baute das Galeristenpaar ein Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert um.

Die meisten Paare erinnern sich vermutlich noch an ihr erstes Date. Manche von ihnen kehren vielleicht regelmäßig an den Ort zurück. Doch nur wenige kämen wohl auf die Idee, die Räumlichkeiten zu kaufen – oder gleich dorthin zu ziehen. Manuela und Iwan Wirth haben das getan. Die beiden Schweizer leiten eine der einflussreichsten Galerien der Welt. Von Hongkong bis New York ist Hauser & Wirth in allen wichtigen Metropolen vertreten. Doch die Geschichte der Gründer begann an einem anderen Ort: In der Chesa Marchetta in Sils Maria, dem beschaulichen Nachbardorf von Sankt Moritz.

Das Design stammt von Luis Laplace

In der Stube der Chesa Marchetta hatten Manuela und Iwan Wirth vor 35 Jahren ihr erstes Date.

Als die Pension, in der sie vor 35 Jahren ihr erstes Date hatten, zum Verkauf stand, beschloss das Galeristenpaar, die ehemalige Scheune in ein Hotel zu verwandeln. Fünf Jahre dauerte die Renovierung, die der argentinische Innenarchitekt Luis Laplace verantwortete. Das Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert musste von innen heraus neu aufgebaut werden, sollte aber seine ursprüngliche Struktur behalten. »Wir wollten so viel wie möglich bewahren und nur dort eingreifen, wo die Zeit uns keine andere Wahl ließ«, erklärt der Designer.

Wer das Hotel heute betritt, steht unter einer Decke aus Zirbenholzbalken, von denen viele noch im Originalzustand sind. Sogar das Scheunentor wurde beibehalten und mit einer Glasscheibe versehen, durch die man auf das Wohnhaus von Manuela und Iwan Wirth blicken kann. Die Verbundenheit zur Region wird in jedem Detail deutlich: Die Möbelstücke in den 13 Zimmern stammen von Engadiner Antiquitätenhändlern und die Spitzenvorhänge hat eine Benediktinerin des Klosters St. Johann von Hand bestickt.

Kunstwerke, die wie zufällig platziert wirken

Wo einst Jean-Michel Basquiat und Gerhard Richter Zuflucht fanden, schuf das Paar einen Ort, an dem Tradition und Kunst lebendig werden. Dass ihre Kunstwerke hier nicht wie Exponate wirken, liegt auch an der beiläufigen Art, mit der sie platziert sind: Über einer ehemaligen Getreidetruhe hängt eine Lithografie von Alberto Giacometti und in der Bar klettert eine Spinnenskulptur von Louise Bourgeois die Wand entlang. Die Chesa Marchetta zeichne sich durch Bescheidenheit aus, so Laplace. »Jeder Raum soll ein Ort zum Nachdenken sein – keine Bühne für Selbstdarstellung.«