Kann diese Klinik das Leben verlängern?
Am Anfang stand ein Ereignis, das man für ein kleines medizinisches Wunder halten kann: Der in Dubai lebende Unternehmer Faizal Kottikollon klagte bereits seit einer Weile darüber, dass sich seine linke Hand taub anfühle, gepaart mit einem Schmerz im Nacken. Als Ursache machten die Ärzte Probleme in der Halswirbelsäule aus. Mehrere Wirbel waren betroffen, auch die Nerven waren bereits stark geschädigt. Auslöser, so sagten die Mediziner, seien wohl die vielen Kopfstände, die Kottikollon im Rahmen seiner langjährigen Yogapraxis gemacht hatte. Es gäbe nur eine Behandlungsmöglichkeit, die da noch infrage komme: eine aufwendige, mit erheblichen Risiken verbundene Operation.
Ayurveda-Behandlungen zeigen Wirkung

Faizal Kottikollon, damals Ende 50, wollte sich nicht mit dieser einen Lösung zufriedengeben. Er suchte nach Optionen – und fand sie im Ayurveda. In seiner Heimat, dem indischen Bundesstaat Kerala, vertrauen viele Menschen dieser jahrhundertealten Heilkunst. Ayurvedische Heiler verordneten ihm Brimhana, eine Therapie zur Geweberegenerierung. „Dabei wird eine Mischung aus Ziegenfleisch, Reis, Milch und Gewürzen auf die betroffenen Stellen gegeben. So gelangen die Ziegenproteine durch die Poren in den Körper und in die Nerven – und sorgen so für die Regeneration”, sagt Kottikollon. Für Ziegenfleisch entscheide man sich im Ayurveda, weil dessen Proteinstruktur der des menschlichen Gewebes am ähnlichsten sei – jedenfalls nach Auffassung der traditionellen Lehre.
Nach schulmedizinischen Maßstäben ist die Wirksamkeit des Verfahrens nicht belegt. Doch Kottikollon sagt, dass es nur drei Brimhana-Behandlungszyklen gebraucht habe. Die liegen in der Regel bei je 14 Tagen – danach seien die Beschwerden verschwunden gewesen. Moderne Diagnostik habe die Genesung später bestätigt: „Auf den MRT-Bildern ist kein Schaden an der Wirbelsäule mehr festzustellen.” Seine wundersame Heilung inspirierte Faizal Kottikollon zu einer Idee, die seither mit jedem Tag an Größe gewinnt: In eigenen Wellness und BehandlungsZentren will er alternative Heilmethoden mit innovativen Langlebigkeits-Strategien kombinieren. Die erste Tulah-WellnessKlinik wurde 2025 im südindischen Bundesstaat Kerala, nahe Kozhikode, eröffnet. Die Preise beginnen bei etwa 1000 Euro pro Person und Nacht, inklusive Anwendungen und Verpflegung.
Wellness-Klinik hat 85 Millionen Euro gekostet
Dabei unterscheidet sich Kottikollons Ansatz deutlich von dem Langlebigkeits-Hype, der aktuell vor allem das Silicon Valley erfasst hat. Dort propagieren Unternehmer wie Bryan Johnson, der Gründer des Zahlungsdienstleisters Braintree, aggressiv anmutendes Biohacking – Methoden also, die auf maximalem Einsatz von Hightech und Medikamenten basieren. Faizal Kottikollon dagegen geht es vor allem um Integration: Die klassische Diagnostik westlicher Medizin kombiniert er mit Therapien aus dem Ayurveda, Ansätzen der spirituellen Vedanta-Lehre und anderen traditionellen Systemen. „Wir alle wollen länger leben, ist doch klar”, sagt Kottikollon. „Aber mit Biohacking, mit Technik und Chemie allein, kratzen wir nur an der Oberfläche des Machbaren. Wenn wir körperlich wie geistig bei guter Verfassung bleiben wollen, dann müssen wir die Grundlagen verstehen, tiefer gehen, ganzheitlich denken.”
Seine ganzheitliche Philosophie übersetzt Kottikollon jetzt in eine Strategie, die weit über das übliche Angebot vieler Wellness-Kliniken hinausgeht. Bei den meisten anderen Anbietern kommen die Gäste einmal im Jahr, um sich ein, zwei Wochen Regeneration zu gönnen – und ihr Leben danach mehr oder weniger wie gehabt fortzusetzen. Ergebnis: ein kurzfristiger Wohlfühl-Effekt, der kaum nachhaltig ist. Der Aufenthalt in der Tulah-Klinik dagegen soll einen dauerhaft wirksamen Impuls setzen. Was Gäste hier erleben, sollen sie konsequent in ihren Alltag integrieren können. Dieses Ziel unterstützt Kottikollon nun mit massiven Investments. Allein die Wellness-Klinik im hügeligen Norden Keralas hat etwa 85 Millionen Euro gekostet. Sie bietet 65 Suiten, das Klinikgelände erstreckt sich über knapp zwölf Hektar. Was hier entstand, ist das Herzstück eines weltweiten Netzwerks: In den kommenden Jahren will Kottikollon noch an 40 weiteren Standorten sein TulahNetzwerk ausweiten.
Tulah Clinical Wellness setzt auf Prävention

Was nach Größenwahn klingt, fußt auf einer hohen Expertise im Bereich komplexer Bauprojekte. Kottikollon hat sowohl die Erfahrung als auch das Kapital für ein Vorhaben dieser Größenordnung: 1993 gründete er gemeinsam mit Partnern ein Unternehmen für hochwertige Stahlgusskomponenten, Emirates Technology Castings. 2011 verkaufte er seinen Anteil daran für 300 Millionen Euro. Später gründete er das Bauunternehmen KEF Infra, mit dem er sich auf modular gefertigte Gebäude für Schulen, Einkaufszentren und Krankenhäuser spezialisiert hat. Zu den Projekten von KEF Infra gehörte auch die hochmoderne Meitra-Klinik in Kerala – von ihrem integrativen Ansatz hat sich Kottikollon beim Konzept für sein Tulah Clinical Wellness inspirieren lassen.
„Die heutigen Gesundheitssysteme greifen oft erst dann, wenn ein Problem auftaucht”, sagt er. „Man muss schon krank sein, bevor behandelt wird. Das ist zu kurzsichtig, wir sollten viel präventiver denken.” Vor allem Covid und die Auswirkungen der Pandemie haben Kottikollon motiviert, sich intensiv mit entsprechenden Konzepten zu beschäftigen: Nachdem seine indische Heimat besonders stark betroffen war, konzentrierte er sich auf ein anderes, auf Prävention fokussiertes Gesundheitsmodell. Wie wirksam Prävention sein kann, wurde Kottikollon vorgelebt. Sein Vater war ein ambitionierter Gewichtheber, der in Kerala regionale Meisterschaften gewann. Von ihm lernte Kottikollon bereits in jungen Jahren, „welchen Unterschied es macht, wenn man diszipliniert trainiert. Ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht und habe schon immer gesund gelebt.”
Moderne Medizintechnik und eigene Labore
Dass er diesen Lebensstil jetzt auch in den Fokus seines geschäftlichen Engagements stellt, ist dennoch eine neue Erfahrung für ihn. Kottikollon beauftragte den Architekten Wisam Allami damit, die Klinikgebäude auf dem Tulah-Campus zu gestalten. Dessen Entwürfe setzen auf sanfte, geschwungene Formen; sie sind vom Stil der britisch-irakischen Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid inspiriert. „Der Geist beruhigt sich, wenn er organische, natürliche Formen sieht. An dem Gebäude finden sich deshalb keine scharfkantigen Winkel und Ecken”, sagt Kottikollon. Eine selbst entwickelte Klimaanlage, die ohne chemische Kühlmittel auskommt, hält die Temperatur der Innenräume konstant bei 22 Grad Celsius. Im Zentrum des Geländes steht das sogenannte Sonorium, laut dem Klinikgründer der weltweit größte Kuppelbau für Klangheilung.
Das Tulah Clinical Wellness verfügt über leistungsfähige Medizintechnik, darunter Geräte für MRT- und CT-Scans, Operationssäle sowie Intensivbetten. Und: Die Resultate ihrer Bluttests erfahren Gäste durch die klinikeigenen Labore nicht erst wie sonst oft üblich nach Tagen, sondern schon nach Stunden. Mit umfangreichen Untersuchungen bei der Aufnahme und Entlassung sollen die Effekte der Anwendungen eindeutig dokumentiert werden. Die Protokolle, nach denen man bei Tulah behandelt, orientieren sich an den Vorgaben der FDA, der medizinischen Aufsichtsbehörde der USA. Deshalb werden keine Stammzelltherapien durchgeführt, wohl aber Behandlungen mit sogenannten Exosomen – winzigen Bläschen, die von Zellen abgegeben werden und Botenstoffe transportieren. Der medizinische Leiter von Tulah, Dr. Ravi Parihar, ist ein orthopädischer Chirurg, der in Indien und Großbritannien gelernt hat.
Klinisches Yoga soll die Wirbelsäule stärken

„Viele unserer Behandlungen basieren auch auf traditionell-östlichen Ansätzen”, sagt Kottikollon. Da stellt sich die Frage: Was war schwieriger, östliche Heiler von modernen Standards zu überzeugen oder moderne Mediziner von den traditionellen Methoden? „Letzteres”, sagt der Klinikgründer und lacht, „weil das Ego der modernen westlichen Mediziner größer ist.” Die Meitra-Klinik habe aber bereits Ärzte in beiden Systemen ausgebildet. Kottikollon verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2023, die rein westliche Ansätze mit integrativen Behandlungsmethoden verglichen hat. Die Studie weist klar einen Vorteil für die integrative Behandlung aus. Zu den Methoden, die Tulah Clinical Wellness anbietet, gehört eine sogenannte klinische Yogavariante, die auf der Lehre von B. K. S. Iyengar basiert, er galt bis zu seinem Tod im Jahr 2014 als einer der einflussreichsten Yogalehrer weltweit. Muskeln und Skelett werden dabei systematisch gestärkt. „Wir arbeiten gezielt an der Wirbelsäule. Denn dort liegen unsere sieben Energiezentren, die Chakren” sagt Kottikollon. „Klinisches Yoga richtet die Wirbelsäule – und damit den ganzen Körper – korrekt aus. Wenn das geschieht, wird auch der Geist klarer.”
Eine eigens entwickelte, inzwischen patentierte Hydrotherapie-Liege setzt die integrative Philosophie der Klinik geradezu prototypisch um: Mit diversen Kombinationen von Wärme, Klang, Druck und Vibration kann das Hightech-Gerät 40 ayurvedische Behandlungsprotokolle anwenden. Wenn man den Prinzipien des Ayurveda nur konsequent genug folge, sagt Kottikollon, sollte es möglich sein, bei guter Gesundheit 120 Jahre alt zu werden.
Eine App erfasst die Vitaldaten der Gäste
Wer nun motiviert den eigenen Lebensstil umgestalten will, kann sich also bei Tulah einbuchen. Die Gäste der Wellness-Klinik werden gebeten, für mindestens eine Woche zu bleiben; längere Aufenthalte sind aber empfohlen. Allein die Aufnahmeuntersuchung dauert zwei volle Tage. Danach erhalten die Gäste ihre individuellen Anwendungsprogramme. „Wir sagen schon vorab klar, was wir behandeln – und was auch nicht”, erläutert Kottikollon. Der Fokus liegt auf den sogenannten Zivilisationskrankheiten, etwa Diabetes oder chronischen Muskel- und Gelenkbeschwerden. Die Klinik sei aber kein Ort für Menschen, die bei Krebserkrankungen nur alternative Ansätze verfolgen wollen.
„Für Menschen, die dauerhaft gesünder sein wollen und so ein längeres Leben anstreben, ist der Aufenthalt in der Tulah-Klinik erst der Anfang einer langen Reise”, sagt Kottikollon. Mit einer App erfasst die Klinik die Vitaldaten ihrer Gäste nach der Entlassung weiter. Auf Basis dieser Daten werden personalisierte Empfehlungen entwickelt und für Folgebehandlungen kann man dann eine der Dependancen des geplanten Urban-Tulah-Netzwerks aufsuchen. Diese städtischen Wellness-Zentren bieten fast alle Anwendungen, die es auch in der Klinik in Kerala gibt. Nur auf Übernachtungsmöglichkeiten wird bewusst verzichtet, stattdessen sind die Zentren eher wie Privatclubs konzipiert: Mitglieder kommen für Check-ups, gesundes Essen und Vorträge von Experten. Erste Dependancen will Kottikollon bald in Deutschland, England, Singapur und Dubai eröffnen.
So gelingt der neue Lebensstil auch Zuhause

„Der physische Transfer in den Alltag unserer Gäste ist entscheidend, sonst bleibt der dauerhafte Effekt aus”, sagt Kottikollon. „Ich kenne das selbst: Ich habe alle großen Wellness-Resorts der Welt besucht. Man kommt nach Hause zurück, und dort greifen wieder die alten Gewohnheiten. Tulah funktioniert anders: Hier unterstützen wir Menschen, die langfristig einen neuen Lebensstil kultivieren wollen.” Von Experten bekommt Faizal Kottikollon Zuspruch für diese Strategie. Grundlegende physiologische Prozesse könne man eben nicht mal nebenbei in einer Woche umstellen, sagt Sabine Donnai, Gründerin des Londoner Concierge-Gesundheitsdienstleisters Viavi. Und jene Folgebetreuung, die Kottikollon bieten will, gebe es bisher nicht. „Keiner hat so ein System aus Zentrum und Dependancen, in dem man kontinuierlich nachmessen, nachjustieren und Behandlungen fortführen kann”, sagt Donnai.
Auch Jordan Shlain, Gründer des kalifornischen Concierge-Gesundheitsdienstleisters Private Medical, lobt Kottikollons Ansatz. „Solche Konzepte zeigen den Menschen, dass die eigentliche Arbeit nicht in der Klinik geschieht – sondern zu Hause, Tag für Tag. Es gibt Hinweise darauf, dass Ayurveda helfen kann. Viele Effekte scheinen sich allerdings nur vor Ort, in den Kliniken, messen zu lassen. Da kommt wohl auch eine starke psychologische Komponente zum Tragen”, sagt Shlain. „Vielleicht ist der Klinikaufenthalt ja am ehesten wie ein Fenster in ein alternatives Lebensgefühl: Dein Leben kann tatsächlich dauerhaft so aussehen – wenn du die entsprechenden Gewohnheiten entwickelst.”
„Langlebigkeit ist mehr als Biohacking”
Es gibt aber auch skeptische Stimmen bei den Branchenkennern. Brad Inman ist Immobilienunternehmer und Gründer der Langlebigkeits-Plattform Livelong Media. Er glaubt nicht, dass Kottikollons Ressourcen tatsächlich ausreichen, um ein weltweites Netzwerk zu etablieren. Ein Franchise-Modell mit mehreren finanzstarken Investoren würde er für tragfähiger halten. Inman stellt auch infrage, ob die Idee der städtischen Wellness-Dependancen tatsächlich aufgeht: „Selbst wenn wir es vielleicht versuchen: Es ist ja im Alltag dann doch nicht so, dass wir alle ständig so leben würden, als wäre in langes Leben das höchste Gut.”
Faizal Kottikollon bleibt trotz solcher Einwände unbeirrt. Das Erlebnis, das er seinen Gästen in Tulah bieten will, werde viele Menschen motivieren, ihren Lebensstil grundlegend zu verändern. „Langlebigkeit ist eben mehr als Biohacking”, sagt er. „Es geht darum, Körper und Geist in Harmonie zu bringen, dafür moderne Medizin konsequent mit Methoden wie Ayurveda und Yoga zu kombinieren.” Nur bei den Kopfständen sollte man sich wohl doch besser in Zurückhaltung üben.
