Pantelleria: Aus diesem Steinhaus wurde ein Luxus-Domizil

Auf Pantelleria folgt das Leben einem eigenen Rhythmus. Wie ein Mailänder Paar ein historisches Dammuso auf der Vulkaninsel in ein außergewöhnliches Feriendomizil verwandelte.
Text Abigail Montanez
Zwischen zwei Welten: Pantelleria gehört zwar zu Italien, liegt geografisch jedoch näher an Afrika.

Manche Entscheidungen brauchen Umwege. Sie brauchen Zeit. Und manchmal endet man genau dort, wo alles begann. Der Wunsch nach diesem Haus ist langsam gereift, über Jahrzehnte, wie ein edler Wein. So lange sind Isabella Franco und Riccardo Proni immer wieder durch Europa und Amerika gereist. Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen erkundete das Paar am liebsten lange Küstenstrecken, kleine Städte, ländliche Regionen. An einen Ort kehrten sie dabei regelmäßig zurück: nach Pantelleria, einer noch immer weitgehend unbekannten Mittelmeerinsel aus Vulkangestein, die zwar zu Italien gehört, geografisch jedoch näher an Afrika liegt. Und mit der sich die sonst so nationalstolzen Italiener erstaunlich wenig schmücken – vielleicht, weil sie die Insel lieber als Geheimtipp bewahren wollen?

Pantelleria liegt zwischen Italien und Afrika

Mit einer Fläche von rund 83 Quadratkilometern ist die Insel etwas kleiner als Sylt.

„Wir lieben dieses Eiland – eigentlich seit unserem ersten Besuch”, sagt Isabella Franco. In Mailand leitet sie das Architektur- und Designbüro Lupettatelier. Ihr Mann Riccardo Proni arbeitet als Vizepräsident für Forschung und Entwicklung bei einem Softwareunternehmen. Er kennt Pantelleria schon seit den frühen 1970er-Jahren – sein Onkel, ein Journalist, hatte die Insel bei einer Recherchereise kennengelernt und sich dort ein Haus gekauft. Isabella kam Ende der 1990er-Jahre zum ersten Mal auf die Insel. „Seit 1997 sind wir immer wieder zurückgekehrt. Und 2020 haben wir angefangen, von einem eigenen Dammuso zu träumen, einem der traditionellen Steinhäuser auf Pantelleria”, sagt Franco.

Mit einer Fläche von rund 83 Quadratkilometern ist die Insel etwas kleiner als Sylt. Sie liegt rund 100 Kilometer südwestlich von Sizilien im Mittelmeer, nach Nordafrika sind es nur 70 Kilometer: Vom Montagna Grande, mit 836 Metern der höchste Punkt der Insel und Teil eines erloschenen Vulkansystems, kann man an besonders klaren Tagen bis zur Küste Tunesiens blicken. Es gibt einen Provinz-Flughafen, doch am eindrucksvollsten ist wohl die Fährfahrt von Trapani, einer Hafenstadt im Westen Siziliens. Die knapp 7000 Bewohner leben nach ihrem eigenen Rhythmus, sprechen sogar einen speziellen sizilianischen Dialekt, das vom Arabischen beeinflusste Pantesco.

Kuppeldach-Häuser sind typisch für die Insel

Die weißen Streifen auf dem Dach fungieren als Kanäle, um Regenwasser nach unten zu lenken.

Klassische Sandstrände sucht man hier vergeblich, stattdessen prägen schwarze, vulkanische Steilklippen das Bild, die metertief ins Meer abfallen. Hinter der Küste erheben sich gezackte, dunkle Felslinien, die durch erstarrte Lava entstanden sind und sich wie Kämme oder Rücken in den Himmel ziehen. Fast pausenlos weht der Wind über terrassierte Hänge, Weinberge und niedrige Mauern aus grobem Stein – Spuren zahlloser Generationen, die diese Landschaft über die Jahrhunderte bewirtschaftet haben.

Die Dammusi, Pantellerias typische Kuppeldach-Steinhäuser, sind eine Antwort auf die besonderen Bedingungen, mit denen die Inselbewohner konfrontiert sind: Die mächtigen Außenwände bestehen komplett aus Vulkangestein, bieten im Winter wie im Sommer eine optimale Isolierung. Selbst bei über 40 Grad schalten Franco und Proni selten die Klimaanlage ein. Stattdessen reguliert die Bauweise des Hauses die Innentemperatur selbstständig: Die bis zu einen halben Meter dicken Wände nehmen tagsüber nur langsam Wärme auf, geben sie dann nachts wieder ab. Die vier Meter hohen Decken der Dammusi tragen ebenfalls dazu bei, die Innenräume kühl zu halten.

Traditionelle Architektur wurde bewahrt

Alte Fliesen im Cementina-Stil beleben die Böden durch sanfte Rot-, Grün- und Cremetöne.

Wasser ist auf Pantelleria seit jeher ein knappes Gut. Mittlerweile gibt es eine Meerwasserentsalzungsanlage, doch deren Leistung ist begrenzt. Wie in früheren Jahrhunderten sind die Inselbewohner bis heute darauf angewiesen, Regenwasser zu sammeln. Das geschieht über die Dächer der Dammusi, sie funktionieren wie ein Trichter. Beim Haus von Franco und Proni ziehen sich weiße Streifen aus kalkbasiertem, wasserabweisendem Mörtel über das Dach. Aus der Ferne wirken sie dekorativ. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich aber, dass sie wie kleine Kanäle fungieren. Sie lenken das Regenwasser in unterirdische Zisternen. Ein elegantes, altbekanntes System. Dennoch gilt: Sparsamkeit. Wer vom Festland nach Pantelleria zieht, lernt schnell, Wasser sehr achtsam zu nutzen, das Duschen eher kurz zu halten. Diesen bewussten Umgang mit Ressourcen haben Franco und Proni so verinnerlicht, dass sie ihn inzwischen auch in ihrem Zuhause in Mailand leben.

Vom Respekt für die traditionelle Lebensweise und Architektur auf Pantelleria hatte sich das Paar schon bei der Suche nach dem Haus leiten lassen. Die beiden hatten eine sehr genaue Vorstellung: Sie wollten von Norditalien aus kein großes Bauprojekt, also weder einen Neubau noch eine komplette Renovierung, organisieren. Stattdessen wünschten sie sich ein traditionelles Gebäude mit solider Substanz. Vor drei Jahren fanden sie dann eine Immobilie, die beide begeisterte: ein Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert, bei dem mehrere Dammusi miteinander verbunden worden waren. Der Garten rund um das Haus ist terrassenförmig angelegt, ein kleines Nebengebäude ist in den Hang hineingearbeitet. Die ursprünglichen Bewohner waren Landwirte; der direkte Vorbesitzer, ein auf der Insel bekannter Gastronom, hatte die traditionelle Architektur weitgehend bewahrt.

Hohe Decken und geschwungene Steinbögen

Die Vorschriften sind streng, deshalb sind Häuser mit Pool auf Pantelleria eine Rarität.

Wenn die beiden heute in ihr Anwesen einladen, fallen zuerst die hohen Decken des Haupthauses auf. Geschwungene Steinbögen verbinden die einzelnen Räume miteinander. Alte Fliesen im Cementina-Stil, der früher im Mittelmeerraum populär war, beleben die Böden durch sanfte Rot-, Grün- und Cremetöne. Neben dem Wohnbereich mit offener Küche gibt es je zwei Schlaf- und Badezimmer. Das Nebengebäude, früher ein Lagerraum, war schon vom Vorbesitzer als Gästehaus mit Küche, Schlafzimmer und Bad umgebaut worden. Freunde oder Familienmitglieder, die das Paar besuchen, können sich hier zurückziehen und ihre Privatsphäre genießen. Wer über das Grundstück flaniert, erkennt noch immer, wie die Menschen vor hundert Jahren gelebt haben.

Flache, fast wie Skulpturen wirkende Vertiefungen im Stein markieren jene Stellen, an denen einst Zibibbo-Weintrauben zum Trocknen ausgelegt wurden. Aus ihnen gewinnt man den Passito di Pantelleria, einen Süßwein, für den die Insel bekannt ist. Die riesigen Mühlsteine, die im Garten liegen, erinnern daran, dass die früheren Bewohner auch Getreide verarbeitet haben – im heutigen Wohnbereich des Hauptgebäudes. „Einst hat ein Esel hier das Mühlrad angetrieben”, erzählt Franco und betont, dass es ihr ein Anliegen gewesen sei, solche Spuren aus vergangenen Zeiten zu erhalten.

Häuser mit Pool sind auf der Insel selten

Auf der Vulkaninsel spielt sich das Leben größtenteils draußen ab.

Der Pool, der zum Haus gehört, ist zwar nicht ganz so alt, aber trotzdem eine Rarität: Fast die gesamte Fläche von Pantelleria steht mittlerweile als Nationalpark unter besonderem Schutz. Die Vorschriften machen es schwer, Baugenehmigungen für einen Pool zu bekommen. Historische Gebäude, die bereits über einen eigenen Pool verfügen, sind also auch aus diesem Grund attraktiv. Sechs Monate brauchten Franco und Proni schließlich, um die Gebäude – bewusst behutsam – zu renovieren. Ein Elektriker verlegte neue Leitungen. Die Küche wurde so umgestaltet, dass ausreichend Platz für moderne Geräte entstand. An einigen Stellen wurde das Haupthaus weiter geöffnet: So entstand dort, wo eine alte Tür zwischenzeitlich zugemauert worden war, ein Fenster mit Blick zur Terrasse. Auf Flächen, an denen die ursprünglichen Cementina-Fliesen fehlten, entschied sich Franco für einen glatten, praktischen Kunstharzboden.

Die meisten Arbeiten erledigten Handwerker von der Insel. Sie setzten das Mauerwerk instand, installierten maßgefertigte Fenster, bauten maßgefertigte Möbel ein – stets mit einer Sorgfalt, die den Respekt vor dem historischen Charakter des Gebäudes widerspiegelt. Originale Architekturelemente werden durch moderne Dekors und ikonische Designstücke der Hausherren ergänzt. So steht heute ein maßgefertigtes Sofa mit einem Bezug des venezianischen Textilherstellers Rubelli neben dem Kamin. Ein Glastisch von Fontana Arte, entworfen von der bekannten italienischen Gestalterin Gae Aulenti, strukturiert den Wohnbereich. Weitere Akzente setzen Keramiken und Gemälde lokaler Künstler wie Sebastiano Fischer, Maria Collavini und Andrea Chiaravalli.

Innenräume passen sich der Topografie an

Gemeinsam mit ihrem Mann renovierte die Architektin Isabella Franco das Dammuso.

In den Schlafzimmern wurde das traditionelle Alkoven-Konzept beibehalten: So schläft man hier heute, wie früher, in einer flachen, bogenförmigen Nische. Franco ergänzte dazu gemauerte Schränke und offene Regale. „Geschlossene Holzschränke neigen mit der Zeit dazu, Feuchtigkeit aufzunehmen. Ich habe mich deshalb bewusst dagegen entschieden”, sagt sie. Das Deckengewölbe des angrenzenden Badezimmers greift jetzt mit rosafarbenem Betonharz-Finish die Terrakottatöne der historischen Cementina-Bodenfliesen auf.

Im zweiten Schlafzimmer, dem sogenannten roten Zimmer, ragte ein natürlicher Felsvorsprung aus dem Boden. Anstatt ihn zu entfernen, legten Franco und Proni eine erhöhte Plattform an, integrierten den Fels und platzierten dann das Bett darauf: Der Innenraum passt sich hier also der Topografie des Geländes an. Die Küche öffnet sich direkt zur Terrasse, sie wurde schnell zum zentralen Treffpunkt im Haus. Ein lokaler Handwerker setzte Francos Eigenentwurf eines Küchentischs um, an ihm stehen nun Carl-Hansen-Stühle und warten auf die Gäste. Offene Regale bieten Platz für Keramik und andere Objekte aus der Sammlung des Paares. Der Raum hat einen fließenden, organischen Charakter. Seine Gestaltung optimiert auch die Wirkung des natürlich einfallenden Tageslichts, so fühlt er sich erstaunlich großzügig an.

Bewohner verbringen viel Zeit im Freien

Geschwungene Steinbögen verbinden die einzelnen Räume miteinander.

Wer auf Pantelleria lebt, verbringt viel Zeit im Freien. Franco entwarf deshalb Sitzgelegenheiten aus Beton, die draußen unter einer Pergola angelegt wurden. Im benachbarten Poolbereich stehen hölzerne Beistelltische und ein größerer Terrassentisch – die lokale Schreinerei Falegnameria F.lli Casano hat sie nach Entwürfen aus Francos eigenem Büro gefertigt. Der Pool selbst wurde mit dunklem Betonharz ausgekleidet, er greift die Farbe der Vulkan-Landschaft auf. Das Gelände unterhalb des Pools war komplett verwahrlost und überwuchert. Franco und Proni ließen es erst frei räumen, gestalteten dann zwei von Steinmauern gestützte Terrassen – nach alter Methode aus dem Kapernanbau. Ein Gärtner pflanzte einen Feigenbaum, Olivenbäume und blühende Sträucher. „Wir haben wieder Leben und Balance in diesen vernachlässigten Bereich gebracht”, zeigt sich Franco zufrieden.

Nur einen Aspekt der Renovierungsarbeiten hat sie zu Anfang klar unterschätzt: Als Architektin ist es ihr Job, die Bedürfnisse anderer Menschen zu interpretieren. „Ich verstehe es, meine Kunden bei Entscheidungen zu begleiten, sie mit gezielten Vorschlägen zu unterstützen”, sagt Franco. Doch hier, bei der Gestaltung ihrer eigenen Immobilie, haben sie die vielen Entscheidungen um den Schlaf gebracht: „Es gab einfach viel zu viele Möglichkeiten!”

Am Ende hat sie sich von der Insel leiten lassen. Deshalb scheinen Gebäude und Gelände jetzt fast nahtlos ineinander überzugehen. Die Räume steigen und fallen wie die Landschaft, die Deckenhöhen variieren je nach Gewölbestruktur. Morgens wird der Wohnbereich von Sonnenlicht geflutet, Stuck und Stein wirken dann besonders sanft. Am Nachmittag wandert das Licht über die Terrasse, die geschwungenen Wände werfen lange Schatten. Abends legt sich schließlich ein warmer Kupferfarbton über das Eiland und die Innenräume. Was bleibt, ganz unabhängig von der Tageszeit, ist ein Grundgefühl tiefer Verwurzelung. „Jedes Detail erzählt eine Geschichte”, sagt Franco. „Und jede Ecke sagt: Du bist endlich daheim.” Das Ende einer langen Reise.