Francesco Sauro entdeckt den Untergrund Höhlen-Forscher und Rolex Nachwuchspreisträger 2014

Als er den schweren Bergsteigerstiefel in die finstere Fremde setzt, umfängt ihn Ehrfurcht gebietende Stille. Nur der Atem und das Kratzen der Gummisohlen seiner Begleiter auf dem nackten Fels sind zu hören, jenseits der hin und her zuckenden Lichtkegel der Stirnlampen herrscht absolute Dunkelheit. „Man kann sich das kaum vorstellen: Aber seit Millionen von Jahren hat es hier kein Licht gegeben, vermutlich auch kein Geräusch“, flüstert Francesco Sauro. Wenige Stunden zuvor stand der schmächtige Italiener in knallgelber Expeditionsjacke mitsamt Mitstreitern noch auf dem nebelverhangenen Plateau eines Tepui, eines mächtigen Tafelbergs in Venezuela. Vor ihnen öffnet sich der scheinbar bodenlose Schlund eines Felsspalts. Behutsam seilen sie sich in die Tiefe ab, finden nach 90 Metern wieder Grund unter den Füßen – und damit endlich den Eingang zu dem geheimnisvollen Höhlensystem, das sie seit Jahren suchen. Die Strahlen der Taschenlampen gleiten über bizarre Felsstrukturen, die Luft schmeckt schal und pilzig. „Noch nie hat ein Mensch diese Höhle betreten. Wir müssen nicht erst zum Mars fliegen, um unbekannte Welten zu entdecken“, schwärmt der Höhlenforscher Sauro, ein schlanker, bärtiger Mann, der mit seinen 32 Jahren zu den erfolgreichsten und vielleicht letzten echten Entdeckern unserer Welt gehört. Seine Faszination für den „dunklen Kontinent“, wie Sauro die Unterwelt gern nennt,hat er von seinem Vater geerbt, einem Geologieprofessor, mit dem er schon als Dreikäsehoch im höhlenreichen Italien auf Erkundungstouren ging. Nach dem Schulabschluss studiert er selbst Geologie, beginnt fast zeitgleich, eigene Expeditionen zu leiten. Die höchsten Berge, die vereisten Pole unseres Planeten – einst sagenhafte Orte für die Entdecker des 20. Jahrhunderts, heute längst entzauberte Orte für Luxuspauschalreisen. Nur das Erdinnere und die Tiefsee bergen noch immer Geheimnisse, werden zum bevorzugten Ziel der Entdecker des 21. Jahrhunderts. „Geologen glauben, dass sich die Hohlräume unter unseren Füßen rund zehn Millionen Kilometer weit erstrecken“, sagt Sauro, der bei seinen spektakulären Expeditionen von der italienischen Organisation La Venta sowie Kollegen aus Venezuela und Brasilien unterstützt wird. „Systematisch erforscht wurden in den letzten 50 Jahren aber erst 30 000 Kilometer, also nur 0,3 Prozent aller Höhlen.“ Gäbe es eine Karte des dunklen Kontinents, wären die Entdeckungen nicht viel mehr als ein paar helle Punkte auf der Terra incognita.

Besonders mysteriös: die wohl 30 bis 70 Millionen Jahre alten Höhlensysteme der Tepuis, der südamerikanischen Tafelberge. Ob es in ihrem ultraharten Quarzgestein überhaupt nennenswerte Hohlräume geben kann, gilt lange Zeit als umstritten. 115 dieser natürlichen Felsfestungen erheben sich im Grenzgebiet zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana aus dem Regenwald, die größte hat eine Fläche von mehr als 700 Quadratkilometern. Dank ihrer schroffen, meist mehrere Hunderte Meter hohen Wände bleiben viele Tepuis ebenso unbestiegen wie sagenumwoben. Extrem starkem Regen ausgesetzt, sind die Nebelberge auch mit modernem Gerät schwer zu erkunden. Noch im 19. Jahrhundert erzählte man sich Sagen über Dinosaurier, die angeblich auf ihnen isoliert überlebt hätten. Arthur Conan Doyle diente diese Legende als Grundlage für seinen mehrfach verfilmten Roman „Die vergessene Welt“. Francesco Sauro las ihn im Alter von elf Jahren.

Als der Italiener die Gegend 2009 erstmals selbst bereist, beginnt er, die Erinnerung an die Entstehung der Erde aufzufrischen. Ab 2010 forscht er am gigantischen Auyán-Tepui – berühmt für den 979 Meter hohen Wasserfall, einen der höchsten der Welt. Sauro studiert Satellitenaufnahmen, sucht nach Strukturen, die auf eingestürzte Höhlen schließen lassen, fotografiert das Plateau schließlich vom Helikopter aus. Doch mehrere Versuche, eine Expedition mit dem benötigten tonnenschweren Equipment zu viel versprechenden Orten auf den Berg zu bringen, gehen schief. „Die Tepuis sind meist von Nebel und Wolken verhangen, Wind und Regen erschweren den Anflug im Heli“, sagt Sauro. „Wir buchen nur die besten venezolanischen Piloten, hatten trotzdem drei Unfälle, darunter einen Absturz, bei dem die gesamte Besatzung gestorben ist.“

Erst 2013 gelingt es einer von Francesco Sauro geführten Expedition, ins Innere des Bergs hinabzusteigen. „Uns war schon ein wenig mulmig. Wir hatten wirklich nicht die leiseste Ahnung, was uns erwarten würde – und wollten nicht versehentlich einem Dinosaurier über den Weg laufen“, scherzt er. Zehn Tage bleiben die Forscher. Zeit genug, um ein komplexes, mehr als 20 Kilometer langes Höhlensystem zu kartografieren: hangargroße Hohlräume, schmale Spalten, unterirdische Flüsse mit rotem Wasser. Saurier? Nein. Dafür blinde, bisher unbekannte Fische, genauso wie giftige Riesentausend- füßler oder ein neues Mineral. Dazu entdeckt das Team Bakterienkolonien, die in den tief liegenden Höhlen Siliziumdioxid aus dem Gestein aufnehmen, um die für ihren Stoffwechsel benötigten mineralischen Strukturen aufzubauen. Ein radikaler Unterschied zu anderen Lebensformen auf der Erde, die im Wesentlichen Kohlenstoff, Eisen und Schwefel verstoffwechseln. Noch Monate träumt Sauro nachts von der Expedition. „Das war wie eine Reise in die Frühgeschichte unserer Erde. Alles, was wir da unten gefunden haben, hatte seit Mil- lionen von Jahren keinen Kontakt mehr zum Rest der Welt.“ Die Ergebnisse von Sauros Expedition interes- sieren Forscher ganz verschiedener Disziplinen, zum Beispiel auch für den Kampf gegen Krankheitserreger.

Für einen Entdecker wie Sauro, der ständig von Neugier getrieben wird, ist das nur der Anfang. Fünf Expeditionen hat der 2014 mit dem Rolex Preis für Unternehmungsgeist ausgezeichnete Speläologe bis heute ins Innere der Tepuis geführt, eine davon finanziert durch das Preisgeld. Weitere stehen an: „Zwischen den Höhlen der Tepuis gibt es keine Verbindungen, jeder Tafelberg ist eine eigene Zeitkapsel.“ Jeder Berg eine neue Welt. Bevor er weitere Expeditionen nach Südamerika plant, will Sauro erst einmal die bisherigen Ergebnisse auswerten – er sitzt auf einem Berg von Material. Dass er zwischendurch trotzdem noch die eine oder andere Höhle erkunden kann, verdankt Sauro auch der European Space Agency (ESA). Für die Raumfahrtbehörde steigt er regelmäßig mit Nachwuchsastronauten in unterirdische Hohlräume hinab. Was künftige Weltraumreisende hier zu suchen haben? „Es geht darum, die Astronauten auf Einsätze in lebensfeindlichen Umgebungen vorzubereiten“, sagt Sauro. „Wenn wir in die Höhle gehen, ist das keine Trockenübung, keine Simulation, sondern eine Mission mit echten Gefahren. Man muss sich an Sicherheitsprotokolle halten, Experimente durchführen – ganz wie im Weltraum.“ Auch aus einem anderen Grund steht Sauros Expertise bei der ESA hoch im Kurs. Selbst die NASA hält es bei künftigen Mars-Expeditionen für denkbar, dass sich Astronauten – wie ihre vorgeschichtlichen Ahnen auf der Erde – vorerst in Höhlen niederlassen. Denn bei einschlagenden Asteroiden oder kosmischer Strahlung würden Hohlräume unter der planetaren Oberfläche den bestmöglichen Schutz bieten. Mithilfe von Sauro arbeitet die ESA jetzt an Konzepten, um Höhlen auf fremden Himmelskörpern mittelfristig bewohnbar zu machen. Die größte Reise der Menschheit steht uns noch bevor. Auch wenn wir unseren Nachfahren dann wohl wie Höhlenmenschen vorkommen werden.

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