Diese unabhängigen Uhrmacher sollten Sie kennen

Uhren von unabhängigen Uhrmachern brechen Konventionen und Auktionsrekorde – da lohnt ein Besuch in den Ateliers und Manufakturen von Genf.
Text Alexander Stilcken

Manche Uhrmacher in Genf haben Wartelisten, die ihre gesamte Jahresproduktion um ein Vielfaches übersteigen. Das ist kein Problem, das ist ein Geschäftsmodell. Und den kleinen Kreis von Glückseligen entschädigt dann ein wissender Blick auf die eigene Uhr am Handgelenk, um gedanklich wieder zurück in der Schweiz zu sein. Genauer: am Genfer See, in den Werkstätten der Stadt und zurück bei den Maximilians, bei Kari, François-Paul, Simon oder Rexhep – einigen der berühmtesten unter den unabhängigen Uhrmachern der Region. Dort, wo Außergewöhnliches entsteht.

„Independents” werden immer beliebter

„Independents”, die Unabhängigen, werden diese besonderen Uhren von Sammlern genannt, und sie erleben seit Jahren eine wachsende Fangemeinde und eine wirtschaftliche Bedeutung für die ganze Branche. 14,6 Millionen Uhren wurden im vergangenen Jahr aus der Schweiz exportiert; Rolex allein wird ein gutes Drittel des daraus generierten Umsatzes zugeschrieben. Doch von den rund 300 Schweizer Uhrenherstellern sind es gerade die Kleinsthersteller, die zunehmend Aufmerksamkeit auf sich ziehen – weil sie oft keine hundert Uhren im Jahr produzieren, ihre Überzeugungen kompromisslos umsetzen und dadurch origineller arbeiten, als es jede Abteilung könnte. Und weil es etwas bedeutet, auf den eigenen Zeitmesser zu schauen und zu wissen: Ich weiß nicht nur, wofür die Marke steht. Ich weiß auch ganz genau, wer diese Uhr wo gemacht hat.

In der Genfer Rue Verdaine steht MB&F Creative Director Maximilian Maertens in der M.A.D. Gallery. Er strahlt Gelassenheit aus, gibt allerdings zu, dass ein guter Teil Anspannung in den letzten Tagen von ihm abgefallen ist: „Ich wusste von Anfang an genau, was ich machen wollte. Gezweifelt habe ich nie, auch nicht, als das Team die Tragbarkeit meiner Uhr infrage stellte. Jetzt tut es gut, zu sehen, wie das Endergebnis ankommt.”

MB&F stellt rund 400 Uhren im Jahr her

In der M.A.D. Gallery werden kinetische Kunstwerke ausgestellt, vor allem aber: die Zeitmaschinen von MB&F. In einem Hinterzimmer der Ausstellungsfläche durften Sammler kürzlich das neueste Produkt des Hauses noch vor dessen offizieller Lancierung erleben. Die „HM 12” – also die zwölfte „horologische Maschine” des Hauses. Die Marke gibt es seit gut zwei Jahrzehnten, sie hat das Independent-Genre geprägt und Newcomern den Weg bereitet. Rund 400 Uhren stellen die 75 Mitarbeiter mittlerweile im Jahr her. Die „HM 12” ist die erste komplett von Maertens verantwortete MB&F-Armbanduhr. Der Deutsche ist der kreative Nachfolger von Unternehmensgründer Maximilian Büsser, dessen Uhren von Rennwagen und Raumschiffen, von Bulldoggen und Bungalows aus den 1960er-Jahren inspiriert sind. MB&F, das steht für Maximilian Büsser & Freunde, denn für jeden seiner Zeitmesser sucht Büsser sich die passenden Wegbegleiter für die Umsetzung, beispielsweise den Uhrmacher Kari Voutilainen, auf dessen eigene Modelle Sammler bis zu elf Jahre warten und der für MB&F unter anderem am Uhrwerk der „Legacy Machine 1” mitarbeitete.

Auf den Spuren von Büsser zu wandeln, ist somit keine leichte Aufgabe. Max Nr. 1 (Büsser) gab als Grundidee das Stichwort „Roboter” vor, und Max Nr. 2 (Maertens) lieferte ab. Die „HM 12” wurde zur Armbanduhr-Skulptur. Das Uhrengehäuse selbst ist der Kopf eines Roboters. Die Zeitanzeige in Form einer springenden Stundenanzeige auf der linken und der Minutenanzeige auf der rechten Seite des Gehäuses sind dessen Augen. Ein Mikrorotor darunter nimmt die Position des Mundes ein, das Tourbillon das Gehirn der Maschine. Über eine zweite Krone wird zudem ein Schutzschild-Mechanismus gesteuert, der die Anzeigen theoretisch absichern soll, vor allem aber dem Uhrengesicht Mimik verleiht: von neutral mit weit geöffneten hin zu traurig mit geschlossen-verdeckten Augen.

Nur 36 Exemplare der „HM 12” gefertigt

Wenn dieser Roboterkopf nicht am Handgelenk des Besitzers von Sammlertreff zu Sammlertreff getragen wird, kann er in eine Roboter-Skulptur montiert werden. Uhr und High-End-Ständer bestehen aus über 1500 Komponenten. Nur 36 Exemplare werden gefertigt. Stückpreis: rund 306.000 Euro plus Mehrwertsteuer. Ein guter Teil davon ist schon vor der offiziellen Premiere verkauft, die ersten Exemplare werden in den kommenden Wochen ausgeliefert. Max Nr. 1 und 2 sind entsprechend glücklich, auch wenn sie nach eigener Aussage mit dem Projekt kein betriebswirtschaftliches Plus machen werden. Zu aufwendig war die Entwicklung, zu viel Zeit benötigt die Herstellung der Roboterteile in der dafür benötigten 5-Achs-CNC-Fräse und zu vorsichtig war man bei der Limitierung.

Am Ende bleibt das Geschäft mit horologischen Besonderheiten halt immer noch: ein Geschäft. Und zwar eines, bei dem sich die meisten unabhängigen Uhrmacher lange von Jahresabschluss zu Jahresabschluss retteten. Erst mit den Corona-Jahren wuchs die Nachfrage rasant, und innerhalb dieser Entwicklung wurde Rexhep Rexhepi, der seine Uhren inzwischen vornehmlich unter dem eigenen Namen vermarktet, zum Superstar. Über seine neueste Uhr, einen Chronografen für 164.000 Euro, sagt Maximilian Büsser: „Rexhep wollte ihn sogar noch günstiger machen, aber davon habe ich ihm abgeraten, er muss schließlich sein Unternehmen am Laufen halten.” Uhrenpreise mögen auf Social Media und in Foren intensiv diskutiert werden, für Top-Sammler sind sie eher nebensächlich. Die verstehen sich in diesem Segment auch als Förderer der Künste. Zumal die Auktionsergebnisse von Rexhep Rexhepi belegen, dass seine Uhren auf dem Zweitmarkt längst weit über Anschaffungspreis gehandelt werden.

Rexhep Rexhepi hat bei Patek Philippe gelernt

Rexhepi, der mit seinen Eltern als Kind aus dem Kosovo in die Schweiz floh, verleiht dem traditionellen Schweizer Handwerk derzeit einen neuen Glanz. Gelernt hat er bei Patek Philippe und gearbeitet bei F.P. Journe, sich mit 25 Jahren dann aber unter „Akrivia” selbstständig gemacht. Die Marke ist inspiriert vom griechischen Wort für Präzision. Rund 60 Modelle produziert er jährlich mit rund 60 Mitarbeitern. Wo andere auf Maschinen zurückgreifen, verlässt sich Rexhep auf die Einzigartigkeit von Handarbeit. Er strebt nach Symmetrie, und Sammler schwärmen von den Proportionen seiner Uhren.

So ist dann auch ein Kellerzimmer im Atelier in der Genfer Altstadt zuletzt zum Treffpunkt für Kenner aus aller Welt geworden. Weiß gestrichene Wände, ein Tisch aus gebürstetem Stahl, daran ebenfalls aus Stahl gefertigte Stühle und statt einer Tür lediglich ein Vorhang aus Kunststoff: Genau in diesem Ambiente, mit einer Anmutung irgendwo zwischen OP-Saal und Schlachthaus, wurde der aktuell wohl begehrteste Zeitmesser der Haute Horlogerie präsentiert: Rexhepis „RRCHF” Flyback-Chronograf.

Sammler warten auf die Zuteilung von Uhren

Rexhepi ist einer der wenigen, die mitten im kostspieligen Genf produzieren – lediglich sein Mentor F.P. Journe hält es ebenso. Rexhepis Büro ist mit skandinavischen Möbel-Design-Klassikern ausgestattet, sie zeugen von seinem Verständnis von purer Schönheit. Ansonsten, sagt er, „gebe ich nur für ein gutes Essen gern viel Geld aus”. Aus dem Fenster blickt Rexhepi auf den Genfer See und dessen Fontäne. Er ist an der Spitze seiner Branche angekommen, aber Hype hin oder her: Er versteht sich als Uhrmacher. Nur eben einer, der ganz genau überlegen muss, wer eine seiner wenigen Uhren erwerben darf. Dieses Ringen um Allokationen gehört zum Geschäft. Sammler antichambrieren um die Zuteilung der begehrten Zeitmesser. Man kann sie nicht einfach an jeder Ecke kaufen, und so erzielen die Uhren von F.P. Journe, Rexhepi und anderen Rekordpreise auf dem Zweitmarkt und Auktionen.

Bei Sylvain Berneron und dessen Marke „Berneron” zahlen unterdes jene Kunden am wenigsten, die sich früh für ein neues Modell entscheiden. Berneron stand einst vor der Frage: Eigentumswohnung kaufen oder Unternehmen gründen? Der heutige Erfolg bestätigt seine Entscheidung. Alexandre Hazemann und Victor Monnin profitieren derweil von der diesjährigen Auszeichnung mit dem Louis Vuitton Uhrmacherpreis. Dieser hat das Begehren nach den gemeinschaftlich entwickelten Uhren noch einmal rasant gesteigert. 

Bei Simon Brette gibt es lange Wartelisten

Simon Brette wiederum ist der Gewinner des GPHG-Nachwuchspreises von 2023, längst führt er lange Wartelisten, die Varianten seines „Chronomètre Artisans” sind auf Jahre im Voraus verkauft. Der Ex-Mitarbeiter von MB&F hat sich erst 2021 selbstständig gemacht. Seine kleine Büro- und Atelierfläche in einem Industriegebiet vor Genf hat null Charme, der Gründer umso mehr. Der Ingenieur hat sein Erstlingswerk mit dem Rat von Independent-Sammlern entwickelt. Die finden sich vor allem in den USA, den Emiraten und Asien. Überraschend: Nur 15 der über 1500 Kunden von MB&F, die als „Tribe Member” eng betreut werden, leben in Deutschland.

Dennoch oder gerade deswegen wächst von Bucherer bis Wempe das Interesse, auch „Indies” zu vermarkten. Was den Erwerb dieser Uhren theoretisch einfacher macht, praktisch aber doch vorerst kompliziert bleibt. Es lohnt sich also weiterhin eine Reise nach Genf, ins Zentrum des unabhängigen Handwerks – zu einem Hausbesuch bei den Machern.