Ilaria Resta: „An der Royal Pop verdienen wir nichts”

Ilaria Resta ist die erste weibliche CEO in der Geschichte von Audemars Piguet. Als Branchenfremde anfangs skeptisch beäugt, wagt ausgerechnet sie mit der Royal Pop eine der kontroversesten Kollaborationen der Unternehmensgeschichte. Wohin will sie die begehrte Uhrenmarke führen?
Text Sebastian Späth
Die Royal Pop, eine Kollaboration mit Swatch, wird in der Uhrenbranche heftig diskutiert. 

Frau Resta, Ihre Amtszeit wird vermutlich mal entweder mit dem mutigsten Coup der AP-Geschichte verbunden werden – oder mit dem größten Fehltritt. Die Uhrenwelt diskutiert jedenfalls heftig darüber, was sie von Ihrer Kooperation mit Swatch halten soll: der Royal Pop, einer quietschbunten Taschenuhr mit Anleihen an die ikonische Royal Oak.

Die Royal Pop ist eine bewusst ungewöhnliche Zusammenarbeit, aber trotzdem tief in der Schweizer Uhrmacherkultur verwurzelt. Natürlich geht es darum, Diskussionen anzustoßen. Vor allem aber wollen wir die mechanische Uhr wieder ins Rampenlicht rücken und jüngere Generationen für Uhrmacherei begeistern. Viele Kinder können heute kaum noch analog die Uhrzeit lesen. Genau deshalb wollten wir ein Objekt schaffen, das Neugier weckt – letztlich also eine Liebeserklärung an die mechanische Uhr. Und wie in jeder guten Liebesbeziehung geht es dabei nicht ums Geld. An der Royal Pop verdienen wir nichts. Hundert Prozent der Erlöse von Audemars Piguet fließen in die Förderung von Arbeitsplätzen in der mechanischen Uhrmacherei.

Audemars Piguet stand lange für hohe Zugangshürden. Wandelt sich dieses Selbstverständnis gerade?

Wir werden auch künftig nicht mehr Uhren verkaufen als bisher, weil wir nach wie vor in denselben Stückzahlen produzieren. Selbst wenn wir wollten, könnten wir die Produktion nicht einfach ausweiten. Der einzige Weg wäre, stärker zu automatisieren — doch das würde unserer DNA widersprechen.

Mehr Skulptur als Uhr: Unter dem Pfauenmotiv der Peacock versteckt sich ein Emaille-Zifferblatt.

Ihr Vorgänger François-Henry Bennahmias hat öffentlich mit großem Eifer das Image des coolen Hundes gepflegt, der mit Rappern und NBA-Stars auf Du und Du ist – und AP damit tief in die Hip-Hop-Kultur gezogen. Sie wirken dagegen wie die Personifikation klassischer europäischer Bildungskultur. Wie viel Ilaria Resta steckt heute in AP?

Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, eine Gegenfigur zu meinem Vorgänger zu sein. Audemars Piguet hat sich seit jeher dadurch hervorgetan, gesellschaftliche Veränderungen früher zu verstehen und aufzunehmen als andere. In genau diesem Selbstverständnis möchte ich die Marke weiter prägen.

Was bedeutet das konkret?

Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt „Atelier des Établisseurs”. Die Vision dahinter war eine Rückkehr in das Vallée de Joux des 18. Jahrhunderts, als die strengen Winter die Uhrmacher monatelang von der Außenwelt abschnitten – und in dieser Isolation Zeitmesser von außergewöhnlicher handwerklicher und künstlerischer Komplexität entstanden. Als Établisseur koordinierte Audemars Piguet traditionell die verschiedenen Spezialisten des Tals und vereinte deren Savoir-faire zu einer großen kreativen Vielfalt – ein Geist, den wir heute mit dem Atelier des Établisseurs wieder aufgreifen. In diesem Sinne haben externe Designer, Künstler und Kunsthandwerker gemeinsam mit unseren Spezialisten drei außergewöhnliche Interpretationen der Uhrmacherkunst geschaffen: Die eine ist eine Taschenuhr, die andere kombiniert Naturstein mit kieselförmigen Gliedern und die dritte ist eher eine Skulptur als ein Zeitmesser. Alle werden in ­ limitierter Stückzahl und aufwendig in Handarbeit gefertigt.

Als Frau sind Sie an der Spitze einer globalen Uhrenmarke noch immer die Ausnahme. Bei Audemars Piguet stehen Sie dagegen bereits in einer ganzen Reihe weiblicher Führungspersönlichkeiten, die das Unternehmen geprägt haben – wie zum Beispiel Jacqueline Dimier, die Chefdesignerin bis 1999. Würden Sie sagen, dass AP eine Marke mit einer spürbar weiblichen Handschrift ist?

Und vergessen Sie nicht Jasmine Audemars, die Urenkelin eines unserer Firmengründer. Eine beeindruckende Frau – erst die erste Chefredakteurin der Schweiz beim Journal de Genève, später drei Jahrzehnte lang Vorsitzende unseres Verwaltungsrats. Aber daneben gab es natürlich viele andere Frauen, die Audemars Piguet zu der relevanten Marke gemacht haben, die sie heute ist. Denn Relevanz entsteht nicht, wenn immer dieselben Menschen dieselbe Perspektive reproduzieren. Wer Menschen wirklich erreichen will, braucht unterschiedliche Hintergründe und Blickwinkel. Genau das versuchen wir bei Audemars Piguet zu leben.

Audemars Piguet gehört zu den letzten großen unabhängigen Uhrenhäusern. Was überwiegt: die Vorteile oder die Herausforderungen, die das mit sich bringt?

Es ist ein riesiger Vorteil. Unabhängigkeit ist die wichtigste Voraussetzung für Kreativität. Wir können in Dinge investieren, an die wir glauben, selbst wenn sie wirtschaftlich keinen Sinn ergeben. Das Atelier des Établisseurs ist dafür das beste Beispiel: zwei Jahre Arbeit für eine extrem limitierte Zahl von Uhren. Rational ist das nicht. Aber genau darin liegt unsere Freiheit.