Die Leidenschaft zum Außergewöhnlichen Die zehn wichtigsten Kunstsammler der Welt

"Für mich stehen Emotionen im Bereich der Kunst an erster Stelle", so François Pinault über seine Prioritäten. Erfahren Sie mehr über den 80-jährigen Franzosen sowie neun weitere Kunstsammler aus aller Welt.
Kunstsammler Francois Pinault

Wer bereit ist, sich etwas Außergewöhnliches zu gönnen, der weiß, es kommt im Leben weder auf den Preis noch auf die Menge an. Einen Wert allein schafft das Gefühl, das man auf der Jagd danach empfunden hat. Wie und was kaufen die größten Kunstsammler? Gehen Sie mit uns auf die Jagd nach dem, was den Unterschied macht: die Leidenschaft.

Das sind die Top Ten der wichtigsten Kunstsammler der Welt:

01 François Pinault 

Im Alter von 30 Jahren betrat er zum ersten Mal ein Museum. Heute besitzt er eine der größten Kunstsammlungen der Welt. Wie tickt François Pinault? François Pinault residiert in einem Neorenaissance­palast im Zentrum von Paris. Den Eingang des Gebäudes umrahmt eine bunte Installation von Daniel Buren. Der Wartesaal ist voll mit Kunst, Kunst überall. Pinault, der größte Sammler unserer Zeit, ist ein kleiner, energievoller, elegant gekleideter Mann, der einem einen Kaffee anbietet und sagt, dass er sehr wenig Zeit habe. Verständlich, es gibt viel zu tun.

02 Patricia Phelps de Cisneros

„Ich finde die Bezeichnung des ,Sammlers‘ veraltet.“

Man sollte Patricia Phelps de Cisneros nie eine Sammlerin nennen. „Ich finde die Bezeichnung des ,Sammlers‘ veraltet“, sagt die in Venezuela geborene Kunstmäzenin. „Wenn ich an das Wort denke, dann hat das für mich etwas von kolonialem Anspruchsdenken – dass die Welt dazu da ist, sich an ihr zu bedienen.“ Stattdessen sehen sich Cisneros und ihr Ehemann, der Medienunternehmer Gustavo Cisneros, als Verwalter ihrer ausgesuchten Schätze lateinamerikanischer Kunst. In den 1970ern gründete das Paar die Colección Patricia Phelps de Cisneros, mit Sitz in New York und Caracas. Zweck der Stiftung war es, ein weltweites Publikum über die Vielfältigkeit, Raffinesse und die Bandbreite lateinamerikanischer Kunst zu informieren. Und das in einer Zeit, in der das Wissen darüber im Allgemeinen nicht über die mexikanischen Maler Frida Kahlo und Diego Rivera hinausging. Heute ist die Sammlung in fünf Kategorien unterteilt: zeitgenössische Kunst (inklusive Arbeiten von Javier Téllez, Jorge Pineda und Pia Camil), moderne Kunst (besonders geometrische Abstraktionen wie die von Lygia Clark und Jesús Soto), Kolonialkunst (entstanden in Venezuela während der spanischen und republikanischen Periode), reisende Künstler in Lateinamerika (Landschaftsmalerei fremder Künstler von 1638 bis Ende des 19. Jahrhunderts) und die faszinierende Orinoco-Kollektion. Die letzte Kategorie, die aus ethnografischen Objekten (Masken und Schriftstücken) der zwölf indigenen Gruppen entlang des Flusses Orinoco besteht, wurde über drei Jahrzehnte durch Familienexpeditionen der Cisneros’ zusammengetragen.

03 Alice Walton

Alice Walton, eine Erbin des Walmart-Imperiums, kaufte ihre erste Kunst, noch bevor sie das Teenageralter erreichte. Für zwei Dollar erwarb sie eine Reproduktion von Picassos „Blauer Akt“. Seitdem hat sie ihre Sammelleidenschaft ausgebaut und dem Ganzen eine große patriotische Komponente hinzugefügt. Die US-amerikanische Kunst hat es ihr angetan – von Asher Brown Durands „Kindred Spirits“ (2005 für 35 Millionen Dollar gekauft) bis hin zu Andy Warhols Siebdruck von Dolly Parton. Statt ihre umfangreiche Sammlung aber wegzusperren, schuf Walton mit dem Crystal Bridges ein 185 000 Quadratmeter großes Museum, dessen Bau 1,2 Milliarden Dollar gekostet haben soll. In Bentonville gelegen – der Heimatstadt des Walton- Clans – finden Besucher des Museums dort eine Sammlung im Schätzwert von 500 Millionen Dollar mit Warhols, Rothkos und Pollocks sowie historischem Schmuck und einem Porträt von George Washington des Malers Gilbert Stuart aus dem Jahr 1797. Walton machte im November 2014 von sich reden, als sie das Werk „Flag“ von Jasper Johns für 36 Millionen Dollar kaufte. Passenderweise wurde das Kunstwerk dann im Crystal Bridges Museum am Flag-Day-Wochenende enthüllt.

04 Natalia Kolodzei

„Es wäre eine Schande, wenn die Kunst und die Künstler nicht über ihren Tod hinaus von Bedeutung wären.“

Für Natalia Kolodzei, Eigentümerin und Betreiberin der Kolodzei-Sammlung, ist Kunst eine Familientradition. 7000 Werke von mehr als 300 russischen und osteuropäischen Einzelkünstlern besitzt sie. Den Grundstein der größten Privatsammlung der Welt hat bereits ihre Mutter Tatiana in den 1960er-Jahren gelegt. In den 1970ern war Tatiana voll und ganz in der modernen Avantgarde-Bewegung aufgegangen und sammelte Stücke von Künstlern, die später zu den Größten ihres Landes zählen würden. Als Natalia 1998 die Sammlung übernahm, hielt sie an der Familientradition fest und erweiterte sukzessive den Umfang und den Einzugsbereich der Sammlung. Durch ihre Arbeit für die Kolodzei Art Foundation, die ihre Mutter 1991, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, gründete, hat die in den New York lebende Natalia die Sammlung ihrer Familie auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, indem sie Ausstellungen in Europa und den Vereinigten Staaten zeigte. Für eine russische Sammlerin ihren Kalibers ist es eher ungewöhnlich, aber Kolodzei plant nicht, die Stücke aus ihrer Sammlung zu verkaufen. Sie versteht ihre Rolle darin, das Verständnis und die Verbindung zwischen Öffentlichkeit und Kunst zu stärken. „Es wäre doch eine Schande, wenn die Kunst und die Künstler nicht über ihren Tod hinaus von Bedeutung wären“, sagt sie. „Deswegen sammeln wir weiter und promoten die Arbeiten dieser Menschen.“

05 Leon Black

Der New Yorker Finanzier hat schon mehr als einen schlagzeilenträchtigen Kauf getätigt. Seine Kunstsammlung wird auf einen Wert von mehr als 750 Millionen Dollar geschätzt. Black ist bekannt dafür, rekordverdächtige Gebote auf berühmte Werke abzugeben, darunter Raffaels „Kopf einer Muse“, das er 2009 für den Rekordbetrag von 47,9 Millionen Dollar bei Christie’s erstand. Seine beeindruckendste Anschaffung tätigte er aber 2012, als er bei einer Auktion bei Sotheby’s New York Edvard Munchs „Der Schrei“ gekauft haben soll. Das finale Gebot, das den Zuschlag bekam, lag nur knapp unter 120 Millionen Dollar und stellte zu dem Zeitpunkt den Rekord für das teuerste Gemälde auf, das je bei einer Versteigerung verkauft wurde. Black selbst hat den Kauf von „Der Schrei“ bisher nicht bestätigt. Nur wenige Monate nach der Versteigerung fand das Kunstwerk aber seinen Weg in das Museum of Modern Art (MoMA). Auffällig:Black sitzt im Aufsichtsrat des Museums – wie auch in denen des Metropolitan Museum of Art und des Jewish Museum. Als Influencer in der Kunstwelt, dessen Einfluss ständig wächst, ist Black auch Besitzer von Phaidon Press, einem Verlag für Kunstbücher, und von Artspace, einem Onlinemarktplatz für Kunst.

06 Bernard Arnault

Als die Foundation Louis Vuitton in Paris ihre Tore öffnete, sorgte das 143 Millionen Dollar teure Museum mit dem kühnen Frank-Gehry-Design und einem Fundus großer Kunstwerke – von Henri Matisse’ „Der Tanz“ bis zu Jean-Michel Basquiats „Grillo“ – für viel Wirbel. Für Connaisseure aus der ganzen Welt war der Einblick in die sorgfältige gepflegte Sammlung von Bernard Arnault spannend. Als leidenschaftlicher Kunstsammler hat der CEO des Luxusgüterkonzerns LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton der Sammlung seinen persönlichen Stempel aufgedrückt, indem er es mit Werken aus seiner privaten Sammlung bestückt und Originalwerke in Auftrag gegeben hat. Arnaults Mode-Hintergrund hat ihn zweifelsfrei inspiriert, Kunst zu sammeln. Kaum jemand vereint diese beiden Welten so wie er. Durch den Einfluss des CEOs ist LVMH ein großer Player in der Kunstwelt geworden. Daraus haben sich Zusammenarbeiten mit Richard Prince und Takashi Murakami für Louis Vuitton ergeben. Im Mai 2015 war Arnault – der zwischen 1999 und 2003 das Auktionshaus Phillips de Pury & Co. besaß – maßgeblich daran beteiligt, dass LVMH die deutsche Auktionswebsite Auctionata finanzierte. Das Investment hat LVMHs Basis als eines der neuen großen Akteure der Kunstwelt gefestigt.

07 Edythe und Eli Broad

„Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass diese Suppendosen in meiner Küche niedlich aussehen würden.“

Für die Broads machte Edythe 1963 den Anfang. Oder mit seinem Chief Inspiration Officer, wie Eli Broad die Frau, mit der er seit mehr als 60 Jahren verheiratet ist, liebevoll nennt. 1963 beschloss Eli, der später sein Geld mit Immobilien und Versicherungen machte, mit der Familie nach Los Angeles umzusiedeln. Nach dem Umzug fing Edythe an, auf dem La Cienega Boulevard die Kunstszene rund um die Ferus Gallery zu entdecken, wo Andy Warhol seine erste Solo-Pop-Art-Show hatte. „Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass diese Suppendosen in meiner Küche niedlich aussehen würden“, sagt Edythe. „Aber ich dachte mir, Eli würde mich einliefern lassen, wenn ich für ein Bild von einer Suppendose 100 Dollar ausgeben würde.“ Edythe machte erst kleinere Einkäufe, darunter ein Toulouse-Lautrec-Poster, das ihrem Ehemann aufgefallen war. „Das hat auch sein Interesse geweckt“, sagt Edythe. 1972 kaufte das Paar ihr erstes wichtiges Stück. 95 000 Dollar zahlten sie für einen van Gogh, den sie später gegen „Untitled (Red Painting)“ tauschten – ein seltenes Stück von Robert Rauschenberg aus dem Jahr 1964. Heute ist ihre 2,6 Milliarden schwere Sammlung, bestehend aus 2000 Stücken von über 200 Künstlern, unvergleichlich. Sie besitzen Werke von Künstlern wie Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, Ellsworth Kelly, Jasper Johns, John Baldessari, Barbara Kruger, Jeff Koons und Kara Walker. Daneben nennen die beiden Sammler 125 Stücke von Cindy Sherman – und damit die weltgrößte Sammlung der Künstlerin – ihr Eigen. Und, ja, auch Warhols „Small Torn Campbell’s Soup Can“ von 1962, das sie 2006 für die Rekordsumme von 11,7 Millionen Dollar gekauft haben, befindet sich darunter. Im September vergangenen Jahres haben sie in Los Angeles mit dem Broad ein 140 Millionen Dollar teures, dreistöckiges Museum eröffnet, um ihre Kunststücke selbst ausstellen zu können. „Das Ziel ist es, unsere Sammlung so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen“, erklärt Eli.

08 David Geffen

David Geffen erkennt ein Talent, wenn er es sieht. Der Film- und Musikproduzent machte im Alter von 27 Jahren seine erste Million, als er als Agent für die bis dahin unbekannte Singer-Songwriterin Laura Nyro arbeitete. Seine Plattenlabel Asylum, Geffen und DGC haben unter anderem Linda Ronstadt, die Eagles, Crosby, Stills & Nash, Joni Mitchell, Guns N’ Roses und Nirvana weltbekannt gemacht. Im Jahr 1994 gründete er zusammen mit Regisseur Steven Spielberg und dem ehemaligen Executive von Disney, Jeffrey Katzenberg, die Firma DreamWorks. Darüber hinaus war Geffen Produzent der Megahits „Cats“ und „Dreamgirls“ auf dem Broadway. Es überrascht also wenig, dass dieser Mann eine Kunstsammlung aufgebaut hat, die ihresgleichen sucht. Obwohl er sehr zurückhaltend ist, was die Details seiner Sammlung angeht, hat Geffen über die Jahre eine Vorliebe für abstrakten Expressionismus bewiesen. Angeblich hat er Arbeiten von Jackson Pollock, Mark Rothko, Barnett Newman, Willem de Kooning und Arshile Gorky in seinem Besitz. Außerdem wird sein Name in Verbindung mit Meisterwerken der modernen Kunst und der Pop-Art, von Künstlern wie Jasper Johns, Robert Rauschenberg, David Hockney, Andy Warhol und Roy Lichtenstein (der das Logo von DreamWorks Records entworfen hat) in Verbindung gebracht. 2006 verkaufte er zwei seiner wertvollsten Stücke: Pollocks „No. 5“ von 1948 und de Koonings „Woman III“ für insgesamt 277 Millionen Dollar. Mit einem geschätzten Wert von 2,3 Milliarden besitzt Geffen die größte private Sammlung der Welt. Womit er sogar Eli und Edythe Broad schlägt. Geffens Sammlung macht etwa ein Drittel seines Sieben-Milliarden-Vermögens aus – eine Basis, an der er sich immer wieder großzügig bedient, um Künstler zu unterstützen. Er hat bereits Millionen an Einrichtungen gespendet, die zu seinen Ehren umbenannt wurden, inklusive des Geffen Playhouse und des Geffen Contemporary at MOCA, beide in Los Angeles.

09 Ronald S. Lauder

„Wichtige Werke sollten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.“

Der Erbe des Estée-Lauder-Vermögens war früher US-Botschafter in Österreich, stand als Kandidat zur Wahl des Bürgermeisters von New York und hat die Friedensverhandlungen zwischen Syrien und Israel geführt. Es ist also kaum überraschend, dass seine Kunstsammlung, die aus mehr als 4000 Einzelstücken besteht und auf über eine Milliarde Dollar geschätzt wird, ein sehr großes Spektrum hat. Die Stücke in der Ronald S. Lauder Collection reichen vom dritten Jahrhundert v. Chr. bis ins 20. Jahrhundert. Darunter befinden sich Rüstungen und Kunst aus dem Mittelalter, Gemälde der alten Meister, dekorative Kunst aus Venedig, Zeichnungen und Stücke moderner und zeitgenössischer Künstler wie Wassily Kandinsky, Pablo Picasso und Gerhard Richter. Lauders internationale Erfahrungen scheinen auch seine Sicht auf die Kunstwelt beeinflusst zu haben. Er vertritt die Meinung, dass wichtige Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Und so hat er die Neue Galerie in Manhattan gegründet. Die herrschaftliche Villa aus dem frühen 20. Jahrhundert ist seit 2001 ein schillernder Ort, an dem eine Auswahl der besten Werke von Klimt, Kirchner, Kubin und anderen zu sehen ist. Außerdem spendete Lauder kürzlich fast acht Millionen Dollar an die National Gallery in London, um zu verhindern, dass ein Gemälde des Renaissance-Künstlers Giovanni Francesco da Rimini versteigert werden musste.

10 Jochen Zeitz

„Ich war auf meiner ersten Safari. Es war einfach nur inspirierend.“

Die Liebe zu Afrika erblühte vor etwa drei Jahrzehnten, als Jochen Zeitz zum ersten Mal die Savanne Kenias besuchte. „Das war 1989, und ich war auf meiner ersten Safari. Es war einfach nur inspirierend“, sagt Zeitz, der 18 Jahre lang der CEO der Sportmarke Puma war. „Die Atmosphäre, die Menschen und die Natur – man konnte sich nur verlieben. Von da an hat der Kontinent eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt.“ Seine Liebe zu Afrika hat sich schon bald in eine Leidenschaft für die Kunst des Erdteils weiterentwickelt. 2002 gründete er die Zeitz Collection, die zu einer der größten Sammlungen zeitgenössischer Kunst aus Afrika angewachsen ist. Darin finden sich Stücke international anerkannter Künstler wie William Kentridge, Chris Ofili und Kudzanai Chiurai. 2013 eröffnete er dann das Segera Retreat – eine Safari-Lodge in Kenia, in der sich über 150 Stücke aus seiner Sammlung befinden. „Die Zeitz Collection bietet mir eine Plattform, um selbst kreativ zu ein“, so der Mannheimer. „Und sie bietet mir die Möglichkeit, dem Kontinent einen wertvollen Dienst zu erweisen.“ Aktuell arbeitet Zeitz an seinem vielleicht größten kreativen Dienst für Afrika: das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa in Kapstadt, das Anfang 2017 mit einer dauerhaften Ausstellung exklusiv aus der Zeitz Collection eröffnet werden soll. Vom britischen Architekten Thomas Heatherwick entworfen, wird es mit seinen 9500 Quadratmetern die weltweit größte Institution sein, die sich zeitgenössischer Kunst aus Afrika widmet. Auch wenn man es Zeitz zuschreiben könnte, zeitgenössische afrikanische Kunst auf dem internationalen Parkett salonfähig gemacht zu haben, begegnet er dem Sammeln von Kunst noch immer mit der Begeisterung, die ihn anfänglich nach Afrika zog. „Alles, was ich kaufe, mag ich“, sagt er. „Ich muss es mögen, und es muss Relevanz für meine Sammlung haben. Ich kaufe immer mit dem Herzen.“

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