Wieso private Schließfächer boomen

Spektakuläre Tresoreinbrüche haben das Sicherheitsversprechen der Banken erschüttert – und einen neuen Markt geschaffen: private Schließfachanbieter. 
Text Tom Kroll
Trisor ist Deutschlands Marktführer – und mit neun Filialen in deutschen Großstädten vertreten.

Die Bedeutung einstmals genialer Erfindungen verschwindet nicht allmählich, sie bricht von einem Tag auf den anderen zusammen. Beim Bankschließfach lässt sich dieser Zeitpunkt exakt datieren: Es war am Samstag, den 12. Januar 2013 um 7.04 Uhr. In Berlin-Steglitz durchdringen Gangster mit einem Kernbohrer eine Tresorwand und verschaffen sich Zutritt zu einem Saal mit Bankschließfächern. Drinnen knacken sie eines nach dem anderen, erbeuten Uhren, Goldbarren und Bargeld im Wert von insgesamt rund zehn Millionen Euro. Rückblickend werden Sachverständige sagen: In diesem Moment überstieg die Professionalität der organisierten Kriminalität die Sicherheitsvorkehrungen vieler Banken. Und das Schlimmste: Es war erst der Anfang.

Bankschließfächer wurden zum Risiko

Private Schließfachanbieter versprechen Rund-um-die-Uhr-Zugang, Hightech und persönliche Betreuung.

2021 schlugen Gangster in einer Hamburger Sparkasse in Norderstedt zu und verursachten nach Schätzung der Bank einen Schaden von bis zu 40 Millionen Euro. Wieder überschlagen sich Medien mit Superlativen. Weihnachten 2025 gelang der bislang größte Coup: In einer Sparkasse in Gelsenkirchen-Buer leerten Einbrecher 3000 Fächer. Schadenssumme: 100 Millionen Euro. Die Täter drangen über ein benachbartes Parkhaus in den Tresorraum ein. Der Diebstahl – er war so spektakulär, dass das ganze Land darüber sprach und er dem guten alten Bankschließfach den letzten Rest seiner Vertrauenswürdigkeit kostete. Und doch liegt in diesem Niedergang auch ein Anfang: Während das Bankschließfach zum Sicherheitsrisiko wurde, wuchs im Hintergrund eine technologisch getriebene Branche heran – eine, für die jeder spektakuläre Diebstahl wie ein Konjunkturprogramm wirkt. Sie wirbt mit besserem Service, digitaler Kontrolle und exklusiver Betreuung – und nichts weniger als einem neuen Sicherheitsversprechen. Doch wie belastbar ist es in Zeiten hochprofessioneller Kriminalität? 

Am Eckeingang eines Bürogebäudes in der Hamburger City leuchtet der Schriftzug „Trisor”. Das Unternehmen ist deutscher Marktführer für bankenunabhängige Schließfächer. 2020 eröffnete es in Berlin seinen ersten Standort. Heute ist Trisor mit neun Filialen in deutschen Großstädten vertreten – darunter Köln, Frankfurt, München und eben Hamburg, gleich gegenüber dem Mahnmal St. Nikolai. Drinnen empfängt einen ein breitschultriger Angestellter im schwarzen Anzug mit einem norddeutsch-rustikalen „Moin”. CEO Justus Westerburg brauche noch einen Moment, sagt er. Er bittet in den Wartebereich mit drei braunen Ledersesseln. Ein Kunde tritt ein. Der grau melierte Herr lässt sich in einen der Sessel sinken. Wenig später kommt seine Frau hinzu. Sie habe gerade den Vertrag für ihr Fach unterschrieben, erzählt er dem Reporter; er selbst sei schon länger Kunde. 

Tresoreinbrüche verunsichern Kunden

Durch Tresoreinbrüche bei Banken ist die Nachfrage nach privaten Schließfächern gestiegen.

Warum hier? Die alten Fächer bei der Sparkasse hätten ihnen „Bauchschmerzen” bereitet. Dann fällt das Wort „Gelsenkirchen”. Hier fühle er sich sicherer. Das Grübeln jedenfalls sei verschwunden. Sicherheit ist für Banken das, was Hygiene für Ärzte ist: eine Grundvoraussetzung, aber auch ein Versprechen. Tag für Tag muss es eingelöst werden. Hin und wieder kostet das Geld für neue Technik und vor allem erfordert es gewissenhafte Personalarbeit. Vernachlässigen Ärzte die Hygiene, so infizieren ihre Bakterien die Wunden ihrer Patienten. Vernachlässigen Banken die Sicherheit, so klauen Kriminelle die kostbarsten Schätze ihrer Kunden. Bakterien und Gangster haben aber noch etwas gemein, sie wählen immer den Weg des geringsten Widerstandes. Und manchmal, ja manchmal ist da auch gar kein Widerstand.

Die Tür vom angrenzenden Parkhaus zur Sparkasse in Gelsenkirchen soll offen gewesen sein. Ermittler prüfen den Verdacht, dass sie von Bankangehörigen manipuliert wurde. Sie führte die Täter zunächst in einen Archivraum und von dort ins Herz der Bank. Während in Deutschland der zweite Weihnachtsfeiertag begangen wurde, bauten sie den Kernbohrer auf, legten den Kühlwasserschlauch in die Damentoilette und drehten dann ohrenbetäubend los. Kein Alarm heulte los. Kein Kommando der Polizei rollte an. Nur ein paar Stunden dauerte es wohl und dann waren sie drin: im Tresorraum. 48 Stunden ließen sie sich Zeit, um alle Fächer zu knacken. Am Ende sprühten sie Säure an die Wände, um DNA-Spuren zu vernichten, und entkamen. Ein ganzes Land stellte die Frage: Wie konnte das bloß passieren?

Immer weniger Angebote bei Banken

Eine Plastikkarte dient als Schlüssel zu Filiale und Tresor, die finale Freigabe erfolgt per Fingerabdruck.

„Für die Banken ist das Schließfach oftmals ein Abfallprodukt neben dem Hauptgeschäft”, sagt Sascha Puppel und erklärt damit die zum Teil miserablen Sicherheitsstandards mancher Institute. Er gilt als Deutschlands renommiertester Experte für Tresorsicherheit und tritt regelmäßig als Gutachter vor Gericht auf, wenn es nach Einbrüchen um Haftungsfragen geht. Dann prüft er, ob Anbieter ihre Sicherheitsversprechen tatsächlich eingehalten haben. Wenn Puppel über Bankschließfächer spricht, entsteht das Bild eines Geschäftszweigs, der für einige nie mehr war als ein Nebenerwerb – untergebracht im Keller einer bestehenden Immobilie, kalkuliert mit geringen Risiken.

Der „Service” bestand vielerorts aus einem Wartebereich mit blubberndem Wasserspender und Öffnungszeiten von 9.30 bis 16 Uhr. Puppel sagt: „Viele Bankvorstände haben gehofft, es passiert schon nichts.” Branchenkenner sagen, viele Banken hätten das Geschäft ohnehin längst loswerden wollen – und nun erst recht. Allein die Commerzbank hat in den vergangenen Jahren die Anzahl ihrer Schließfächer bundesweit von 230.000 auf rund 100.000 verringert. Die meisten Sparkassen verringern ebenfalls ihr Angebot. Das liegt einerseits am allgemeinen Filialsterben, aber auch daran, dass plötzlich Banken gezwungen sind, viele Hunderttausende Euro pro Filiale in Sicherheitsmaßnahmen zu investieren. Dadurch, dass es weniger Angebote gibt, steigt die Nachfrage. Als die Volksbank in Berlin vor wenigen Jahren alle Verträge mit Kunden kündigte, empfahl sie ihnen, zu Trisor zu wechseln. Mittlerweile gibt es dort sogar eine zweite Filiale.

Trisor ist Deutschlands Marktführer

Spürt die Verunsicherung der Schließfach-Kunden: Trisor-CEO Justus Westerburg.

In Hamburg führt ein Angestellter im schwarzen Rollkragenpullover über karge Flure mit großformatigen Fotografien. In der Hand hält er eine Plastikkarte, „der Schlüssel zu allem”, sagt er. Sie öffnet nicht nur die Eingangstür zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Filiale, sondern nun auch eine Kabine, so groß wie ein begehbarer Kleiderschrank. Darin ein Terminal und eine glatte Metallklappe, eingelassen in einem Tisch. Hinter der Klappe, so erfährt man, endet ein automatisches System. Nach einem Fingerscan beginnt es hinter der Kabine zu summen und zu surren. Man erfährt, dass nun der Roboter in das Innere des Tresors fährt. Ein metallischer Klick. Die Klappe springt auf. Et voilà: Das Schließfach ist da.

„Wir spüren eine riesige Verunsicherung”, sagt Justus Westerburg. In einem schmucklosen Konferenzsaal hat der Trisor-CEO neben einem leitenden Angestellten Platz genommen. Es soll um das Kernversprechen seines Unternehmens gehen: die Sicherheit. Aber was kann er sagen, ohne Gefahr zu laufen, zu viel zu verraten? Ihr Tresor sei eine Maßanfertigung eines Herstellers aus Sachsen. 2,5 Millionen Euro kostet der. „Doch eigentlich sind wir ein Softwareunternehmen”, scherzt der CEO. Die IT-Systeme für die Zugangskarten und den automatischen Tresor hätten sie „inhouse” entwickelt. Sein Mitarbeiter ergänzt, in den Wänden des Tresors seien Körperschallsensoren verbaut – kleine, versteckte Mikrofone, die jedes verdächtige Geräusch registrierten und Alarm auslösten. 

Private Anbieter werben mit Sicherheit

Ein computergesteuertes System fährt das Schließfach aus dem Tresorraum in die diskrete Kabine.

Außerdem sei dem Beton eine Mischung beigemengt, die jeden Diamantbohrkopf stumpf schleifen würde. Selbst Überfälle liefen ins Leere. Die Mitarbeiter, die rund um die Uhr am Empfang säßen, kämen nicht ins Innere. Außerdem verspricht Westerburg, dass jeder Diebstahl bei der Konkurrenz ausgewertet werde. Die letzte Lehre? Baustellen in der Umgebung würden beim Amt überprüft. Wird da wirklich vor der Tür die Straße aufgerissen oder buddelt sich da womöglich jemand in den Tresorraum? „Man darf kein Neurotiker werden”, sagt Westerburg, „aber man muss mit wachsamen Augen durch die Welt gehen.”

Tatsächlich wären alle Maßnahmen, von denen Westerburg berichtet, der Goldstandard. Zur Wahrheit gehört aber auch: Unabhängig überprüfen lassen sich die Versprechen jedoch nicht. Die bankenunabhängigen Anbieter überbieten sich ohnehin mit Superlativen. Ein süddeutsches Unternehmen wirbt mit einem „schwäbischen Fort Knox”. Ein Konkurrent aus Schleswig-Holstein wurde hingegen bereits erfolgreich überfallen. Und Westerburgs schärfster Rivale, die Firma Asservato, verspricht ebenfalls ein „Maximum an Sicherheit” – samt automatisiertem Tresorsystem, ganz ähnlich dem von Trisor.

Anwälte empfehlen Versicherungsschutz

Im Preis unterscheiden sich die beiden kaum. Bei Trisor zahlen Kundinnen und Kunden 155 Euro im Jahr für das kleinste Fach. Darin enthalten ist eine Grundversicherung von 5000 Euro. Der Konkurrent Asservato verlangt zwar 288 Euro jährlich, wirbt dafür aber mit einem deutlich höheren Versicherungsschutz von 30.000 Euro. Eine Versicherung sollten Kunden in jedem Fall abschließen. Sie sollte die Höhe der Einlagen decken. Um den Inhalt vor Gericht beweisen zu können, sei es ratsam, regelmäßig Fotos anzufertigen, empfehlen Anwälte.

Der Chef des Private Banking der Warburg Bank, Klaus Sojer, erzählt am Telefon, er wolle derzeit aufgrund eines Umzuges in der Geschäftsstelle in Hannover die Schließfächer abwickeln. Zu teuer wären neue Investitionen. Seinen Kunden in Hannover empfehle er auch die bankenunabhängigen Anbieter. Außer Trisor stuft der Mann die Firma Degussa als „vertrauenswürdig” ein, wie er sagt. Ebenso große Bankhäuser in den Innenstädten. Sojer meint, Kriminelle gingen dorthin, wo der geringste Widerstand zu erwarten sei. Das führe sie eher an den Stadtrand als in den hochmodernen Tresor in der Innenstadt. Eine absolute Sicherheit, so sagt er noch, gebe es genauso wenig wie das ewige Leben.

Trisor will ins Ausland expandieren

In Hamburg führt Westerburg zum Ausgang, er verabschiedet sich mit einem festen Händedruck, dann fällt die Tür ins Schloss. Vor der Tür rauscht der Verkehr und drei blonde Hamburger stehen herum und ziehen an einer Vape. Wortfetzen dringen herüber: „Gelsenkirchen” ist zu hören. Die drei feixen über den Einbruch. Die Pottstadt, sie ist längst zu einer Chiffre geworden. Westerburg verdient mit ihr bares Geld. In Berlin ist sein Tresorraum bereits voll. Eine zweite Filiale hat darum vor Kurzem eröffnet. In ein paar Jahren will Westerburg auch ins Ausland expandieren. Athen, New York und dann Miami.