Zu Gast beim exklusivsten Wein-Clan der Welt

Von Antinori bis Rothschild: In der Primum Familiae Vini haben sich zwölf europäische Winzerfamilien zusammengeschlossen, um ihre Traditionen zu bewahren und einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu gestalten. Ein Besuch.
Text Mike DeSimone & Jeff Jenssen
Es gibt kein Bewerbungsverfahren, um der Primum Familiae Vini beizutreten – eine Mitgliedschaft erfolgt nur auf Einladung.

Freunde gehen durch dick und dünn, sie verstehen sich blind, blicken auf gemeinsame Abenteuer zurück, teilen Interessen. Oft ergänzen Freunde die Kernfamilie der Blutsverwandten und bilden eine Art Zweitfamilie – die Wahlfamilie. Eine Wahl, die die Elite des Weinbaus bereits vor über 30 Jahren getroffen hat. Damals schlossen sich zwölf internationale Winzerfamilien von Frankreich bis Kalifornien zu einer neuen Familie zusammen. Sie trägt den lateinischen Namen Primum Familiae Vini – „Die ersten Familien des Weins”. Primum Familiae Vini ist bei aller Freundschaft auch ein Wirtschaftsverband. Er bietet einigen der angesehensten Familien der Branche die Möglichkeit, Informationen und Wissen auszutauschen. Das Netzwerk soll ihnen helfen, ihr Erbe zu bewahren. Doch dieser Verbund ist noch mehr: Primum Familiae Vini steht für genau jenes Vertrauen, das eine Wahlfamilie ausmacht. „Bei uns gibt es keinen Wettbewerb und keine kommerzielle Agenda”, sagt Philippe Sereys de Rothschild. „Hier reden wir Klartext – ohne Angst um unsere Geschäftsgeheimnisse.” Hinzu kommt, dass die verschiedenen Familien so unterschiedliche Regionen und Rebsorten vertreten, dass kaum Konkurrenz entstehen kann.

Primum Familiae Vini wurde 1993 gegründet

Die neu gestaltete Antinori-Kellerei eröffnete 2012 – insbesondere für Gäste des Hauses.

„Viele von uns kennen sich seit langer Zeit. Das schafft eine tiefe Bindung”, sagt Matthieu Perrin von Famille Perrin aus dem Rhônetal. Egon Müller, Eigentümer des deutschen Weinguts Egon Müller Scharzhof an der Mosel, ergänzt: „Das Zusammensein mit den Mitgliedern fühlt sich immer wie ein Familientreffen an.” Man darf sich das jedoch nicht wie ein Syndikat vorstellen, eher wie eine offene Interessengemeinschaft – eben eine Familie im Geiste. Die Idee zur Gründung dieser elitären Gruppe reifte in den Köpfen von Robert Drouhin vom Maison Joseph Drouhin im Burgund und Miguel Torres von Familia Torres im Südwesten der Provinz Barcelona. Die beiden unterhielten sich Anfang der 1990er-Jahre „informell im Weinberg über die Herausforderungen eines famili- engeführten Winzerbetriebes”, sagt Frédéric Drouhin. Er ist Roberts Sohn und heutiger CEO des Guts. „Sie wollten eine Art Denkfabrik gründen, mit Menschen, die sich mögen, die in ihrer Region als herausragend gelten und ihre Betriebe seit mehreren Generationen führen.”

Deshalb riefen sie 1993 die Primum Familiae Vini ins Leben. „Sie wollten damit aber nicht nur die Art der Weinherstellung, sondern auch ihr Geschäftsmodell bewahren. Denn das basiert auf den Werten der Familien und langfristigem Engagement.” Die beiden Männer einigten sich auf eine Mitgliederzahl von zwölf. So ist die Gruppe klein genug, um Nähe zu garantieren, aber groß genug, um ein breites Spektrum an Erfahrungen einzubringen. Drei Monate nach dem ersten Gespräch trafen Torres und Drouhin dann Piero Antinori aus der Nähe von Florenz. Seine Familie und ihr Unternehmen Marchesi Antinori blicken auf 640 Jahre Weinbaugeschichte zurück. Heute wird das Gut von der 26. und 27. Generation geführt. Die Antinoris waren damit die erste Familie, die eine Einladung in den exklusiven Zirkel erhielt. 

Alle Weingüter müssen in Familienbesitz sein

Zusammenhalt wird bei der Familie Perrin seit jeher gelebt. In der Primum Familiae Vini schätzen sie den Austausch.

Danach begannen die drei Patriarchen, weitere große Namen der Branche zu kontaktieren. Neue Mitglieder kamen nach und nach auf Empfehlung hinzu. Dazu zählten Baron Philippe de Rothschild, Pol Roger, Famille Hugel, Egon Müller und die Symingtons, also die Eigentümer der Portweinhäuser Graham’s, Dow’s, Warre’s und Cockburn’s. Außerdem stießen die Familie Incisa della Rocchetta von Tenuta San Guido sowie die Familie Álvarez von Vega Sicilia hinzu. In all den Jahrzehnten haben nur drei Familien je die Primum Familiae Vini verlassen: die Prats von Château Cos d’Estournel, Robert Mondavi und Paul Jaboulet Aîné. In jedem Fall folgte der Austritt auf den Verkauf des Weinguts an externe Eigentümer. Denn das Reglement verlangt, dass jedes Gut unabhängig und zu hundert Prozent in Familienbesitz ist. Seit dem Austritt der kalifornischen Mondavis im Jahr 2005 stammen alle Mitgliedsfamilien aus Europa, wenngleich vier von ihnen auch Weingüter in den USA bewirtschaften. Scheidet ein Mitglied aus, nehmen sich die Familien Zeit, den idealen Nachfolger zu finden. 

„Man kann sich nicht bewerben”, sagt Matthieu Perrin, dessen Familie 2006 nach dem Austritt der Mondavis aufgenommen wurde. „Man muss eingeladen werden. Und diese Einladung erfolgt nur, wenn sich alle Mitglieder einig sind.” So wie es viele Jahre dauert, bis ein Weinstock Trauben trägt, und noch länger, bis der Wein genossen werden kann, dauerte es fast zwölf Jahre, bis Domaine Clarence Dillon den Platz von Paul Jaboulet Aîné einnahm. Zuvor arbeitete der Verband harmonisch mit elf Familien zusammen und verspürte keinen Druck, die Zahl wieder auf zwölf zu erhöhen. „Ich bin das Nesthäkchen der Familie. Ich bin erst seit 2018 dabei”, sagt Prinz Robert von Luxemburg, Präsident der Domaine Clarence Dillon, zu der unter anderem Château Haut-Brion, Château La Mission Haut-Brion, Château Quintus und Clarendelle in Bordeaux gehören. Er ist der derzeitige Präsident der Primum Familiae Vini. Jährlich übernimmt ein anderes Mitglied diese Position.

Familientreffen mit mehreren Generationen

Fast wie ein Restaurant: Die Eichenholz-Gärbehälter im Grand Cuvier von Château Mouton Rothschild.

Ein weiterer Vorteil für die Mitglieder ist das technische Komitee. Es wurde von Mireia Torres Maczassek, César Perrin und Charles Symington ins Leben gerufen und liefert Informationen über technische Innovationen, die den Weinbau in den kommenden Jahren voranbringen können. Mireia Torres Maczassek und ihr Bruder Miguel beschäftigen sich sehr mit dem Klimawandel und den Folgen und Möglichkeiten, die aus ihm für den Weinanbau resultieren. Dazu gehören die Wiederentdeckung und Vermehrung nahezu ausgestorbener Rebsorten, die extremen Temperaturen und Dürreperioden besser standhalten. „Wir teilen die Erkenntnisse über verschiedene Rebsorten aus unseren Forschungsweinbergen”, sagt Symington. „So lernen wir viel darüber, was die anderen Familien in ihren Regionen ausprobieren.”

Neben den Besprechungen des technischen Komitees oder Zusammenkünften zu besonderen Anlässen wechseln sich die Mitglieder als Gastgeber des großen jährlichen „Familientreffens” auf ihren Gütern ab. Es findet immer Ende Juni statt, wenn die Lese zwar absehbar, aber noch kein unmittelbares Thema ist. Manchmal kommen bis zu siebzig Teilnehmer, die vier Generationen repräsentieren: von halb pensionierten oder noch aktiven Patriarchen und Matriarchinnen bis hin zu Kleinkindern, die noch Jahre davon entfernt sind, einen Beruf zu ergreifen oder ihr erstes Glas Champagner zu halten.

Mitglieder helfen einander bei der Nachfolge

Camille Sereys de Rothschild, Philippe Sereys de Rothschild und Julien de Beaumarchais de Rothschild – die Familie trat früh der Primum Familiae Vini bei.

Jean-Frédéric Hugel von Famille Hugel aus dem Elsass erinnert sich da ran, wie er sein erstes Primum-Familiae-Vini-Treffen als Vorpubertierender auf Château Mouton Rothschild besuchte und dort viele Freunde unter den Gleichaltrigen fand. „Mein Vater hat meine Schwester und mich schon früh ins Geschäft eingebunden und unser Interesse für Wein geweckt. Das war sehr klug von ihm”, sagt er. Die jährlichen Besuche führender Weingüter waren zudem ein hervorragendes „Trainingslager”, um die wichtigsten Weinregionen Europas kennenzulernen. Die Mitglieder helfen einander nicht nur bei ganz praktischen Dingen, sie sind auch Vertraute bei persönlichen Fragen. Egon Müller sprach zum Beispiel mit seinen Kollegen darüber, wie er die Nachfolge regeln könnte. 

Lange ging er davon aus, dass sein Sohn das Unternehmen weiterführen würde. Doch dann erkannte er, dass seine Tochter Isabelle aufgrund ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten eher zum Gesicht der Marke geeignet war. Sein Sohn kann sich so besser auf die Herstellung des Weins konzentrieren. Daher suchte Egon Müller nach einer Lösung, „wie ich das Eigentum so übertrage, dass beide Kinder gut zusammenarbeiten können”. Man fand als Familie eine Lösung. Auch Jean-Frédéric Hugel, der 2016 nach dem plötzlichen Tod seines Vaters gezwungen war, die Leitung von Famille Hugel zu übernehmen, war dankbar, sich mit seinen Fragen an die Mitglieder wenden zu können.

Ein Preis für traditionelle Handwerksbetriebe

Das Weingut wechselt, die Gäste kennen sich – beim Jahrestreffen der Primum Familiae Vini im Juni.

Die Familie de Billy von Pol Roger diente ihm und seiner Schwester als konkretes Lösungsmodell für ihr Problem: „Sie haben uns gezeigt, dass es in Ordnung ist, wenn wir einen Geschäftsführer einsetzen, der nicht aus der Familie stammt”, sagt Hugel. „Ohne dieses Vorbild wäre das in unserer Familie vielleicht ein Tabu geblieben.” Um auch Familien aus anderen Branchen die Chance zu geben, ihre Traditionen zu schützen, hat Primum Familiae Vini einen Preis gestiftet. Er ist mit 100.000 Euro dotiert. Als die Idee im Jahr 2020 dazu entstand, saß Prinz Robert von Luxemburg im Exekutivkomitee: „Wir suchen seither nach familiengeführten Handwerksbetrieben mit den gleichen Werten, wie wir sie in unseren Weinunternehmen vertreten, mit ähnlichen Interessen, Sorgen und Chancen.” Der Preis ging bereits an die Geigenbauwerkstatt Maison Bernard in Brüssel und an Brun de Vian Tiran, einen zweihundert Jahre alten Hersteller von Decken und Tüchern aus dem französischen Arrondissement Avignon. 2025 wurde Tsutsumi Asakichi Urushi ausgezeichnet. Das Unternehmen stellt den gleichnamigen japanischen Naturlack Urushi her. Der arbeitsintensive Prozess erfordert das händische Gewinnen von Baumharz über einen Zeitraum von fünf Monaten. Das 1909 gegründete Familienunternehmen muss sich ähnlichen Herausforderungen stellen wie die Weinbranche – beide arbeiten eng mit der Natur.

„Die Bedeutung des Preises liegt in der Anerkennung von Unternehmen, die wie wir jeden Tag dafür kämpfen, Familie und Tradition in ihrer Arbeit zu bewahren”, sagt Pablo Álvarez, Inhaber von Vega Sicilia im Norden Spaniens. Er weist darauf hin, dass der Großteil aller Unternehmen weltweit familiengeführt ist, und ergänzt: „Familien sind die Einzigen, die den Keimling für künftige Großunternehmen pflanzen können. Nur sie haben die Geduld und die Fähigkeit, mit einem lebendigen Organismus etwas Großes zu schaffen. Im Weinbau ist die Familie entscheidender als in jeder anderen Branche.” Warum also bei einer Familie bleiben, wenn man zwölf haben kann?

Isabelle Müller: „Es ist eine Ehre, keine Bürde”

Isabelle Müller repräsentiert nun das Weingut Egon Müller bei der Primum Familiae Vini – sie und ihr Bruder teilen sich zukünftig die Aufgaben auf dem Gut.

Das Weingut Egon Müller-Scharzhof, in einem Seitental der Saar gelegen, bewirtschaftet 16 Hektar Weinberge. Seit August 2025 trägt die 22-jährige Tochter des Hauses, Isabelle Müller, Verantwortung – und ist als einziges deutsches Mitglied in der Primum Familiae Vini vertreten. Unser Autor Matthias Neske hat mit ihr gesprochen.

Die Primum Familiae Vini gehört zu den exklusivsten Kreisen von Familienweingütern weltweit. Sie vertreten dort das Weingut Ihres Vaters. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erstmals mit den anderen Mitgliedern der Primum Familiae Vini zusammentrafen?

Natürlich hatte ich Bedenken, nicht ernst genommen zu werden. Zum einen wegen meines Alters, aber auch, weil ich nicht Weinbau studiert habe, sondern die École Hôtelière de Lausanne, eine Hotelfachschule in der Schweiz, besuchte. Ich habe mich jedoch schnell daran gewöhnt, immer die Jüngste im Raum zu sein. In unserer Branche ist es ohnehin eher selten, Menschen in meinem Alter zu treffen. Mittlerweile würde ich sagen, dass ich mit jeder Generation diskutieren, aber auch feiern kann.

Die Primum Familiae Vini ist auf zwölf Mitglieder begrenzt. Der Zugang nur auf Empfehlung und mit einstimmiger Entscheidung aller Mitglieder möglich. Was wiegt schwerer: die Ehre – oder die Bürde, sich mit den Besten der Branche vergleichen zu lassen?

Ehre, definitiv. Wenn man im Zusammenhang mit dem Weingut Egon Müller überhaupt von einer Bürde sprechen kann, dann trägt sie wohl eher mein Bruder, da er für die Weinberge und den Keller verantwortlich ist. Bislang wurde die Leitung unseres Weinguts stets an eine einzige Person übergeben. Nun aber wollen mein Bruder und ich das Weingut gemeinsam übernehmen – eine ganz besondere Konstellation. Zum ersten Mal verteilt sich die Verantwortung auf zwei Schultern. Wobei mein Bruder glaubt, die eigentliche Bürde liege bei mir, schließlich bin ich es, die den Wein verkaufen muss.

Gibt es ein strategisches Ziel, das sich aus der Partnerschaft innerhalb der Primum Familiae Vini ableiten lässt?

Letztlich haben wir alle zwölf ein gemeinsames Zielpublikum, sind dabei aber komplementär aufgestellt. Wir sind die einzigen Deutschen und stellen ausschließlich hochwertige fruchtsüße Rieslinge her. Dadurch konkurrieren wir auf Sternekarten nicht mit rotem Bordeaux oder Burgunder. 

Eröffnen sich durch den Verbund neue Märkte?

Absolut. Da mein Vater noch im Weingut aktiv ist und viele Stammkunden betreut, habe ich die Möglichkeit, mich Märkten zu widmen, in denen andere Weingüter bereits präsent sind, wir jedoch noch nicht. So war ich beispielsweise in Mexiko und Brasilien – beides Wachstumsmärkte für Premiumweine.

Viele Weingüter weltweit beklagen eine schwierige Marktsituation, Handelsbarrieren und rückläufigen Konsum in klassischen Zielländern. Spüren Sie das ebenfalls?

Es fällt uns schwer, das derzeit wirklich valide einzuschätzen. Das liegt vor allem an den beiden letzten Jahrgängen. 2024 hatten wir durch Frost so hohe Verluste, dass es nur 10.000 statt der üblichen 75.000 Flaschen zu verkaufen gab. Diese waren natürlich sofort vergriffen. Und 2025 gab es viel Regen. Wir haben deshalb priorisiert und uns auf die Top-Qualitäten konzentriert. Das bedeutet, dass wir erneut nicht genügend Wein im „Einstiegsbereich“ haben – also unseren Riesling Scharzhof und das Kabinett, die auf den meisten Karten unserer Kunden stehen. Daher haben wir einige ältere Jahrgänge angeboten, die ebenfalls sehr gut angekommen sind.