Warum ich alles stehen ließ, um endlich eine Monsterwelle zu sehen

Jahrelang war Philipp Jessen der Mann, der von Abenteuern nur träumte. Doch als der Wellen-Alarm auf seinem Handy losging, tat unser Kolumnist das, was er bisher verpasst hatte: Er buchte einen Flug.
Text Philipp Jessen

Den Surfer-Film „Point Break” mit Patrick Swayze habe ich 16 Mal im Kino gesehen. In meiner Kindheit lag ganz in der Nähe unseres Supermarkts in Hamburg-Winterhude das „Magazin”. Ein Kino, das aus Kostengründen das ganze Jahr immer die gleichen Filme zeigte. Deshalb kostete der Eintritt auch nur drei Mark. Meine Mutter parkte erst das Auto und dann mich dort, wenn sie einmal 90 Minuten in Ruhe einkaufen wollte. Ich muss sie wohl sehr genervt haben. Denn statt im Edeka mit ihr an der Fleischtheke zu anzustehen, durfte ich „Bodhi” zigmal dabei zugucken, wie er die größten Wellen bezwang und nebenbei ein paar Banken ausraubte, um sich seinen ewigen Sommer zu finanzieren. Jedes Mal, wenn Swayze zum letzten Mal zu den Monsterwellen rauspaddelte, um bei dem, was er am meisten liebte, zu sterben, dachte ich: Genau so will ich sein. Problem: So war und bin ich nicht. So gar nicht … Bei jeder Sportart, bei der es auf Gleichgewicht ankommt, habe ich mich stets fahrlässig dumm angestellt.

Die Wellen in Nazaré wirken wie im Film

Doch die Faszination fürs Surfen hat mich nie verlassen. Den Film schaue ich mir immer noch einmal im Jahr an. Ich fahre dort in den Urlaub, wo gesurft wird, und ich habe seit Jahren einen Alarm auf meinem Handy, der anschlägt, wenn in Nazaré, Portugal, dem Mekka der Big-Wave-Surfer, Monsterwellen angesagt sind. Jedes Mal über die Jahre, wenn der Alert losging, dachte ich: Eigentlich müsste man jetzt sofort zum Airport und einen Flug buchen. Träumte mich für ein paar Minuten zu dem roten Leuchtturm direkt an der Bucht von Nazaré, von dem man die Surfer am besten sehen kann. Blieb aber daheim. Dieses Mal kommt der Alert an einem Mittwoch, um 22.17 Uhr. Um 22.34 ist alles gebucht. Ich fahre am Morgen zum Airport, fliege nach Lissabon. Zum Lunch bin ich in Nazaré. Aber ich habe keine Zeit zu essen. 

Zu Fuß gehe ich zum Leuchtturm an der Praia do Norte. Vor der Küste erstreckt sich ein bis zu fünf Kilometer tiefer Unterwasser-Canyon. Bei Sturm türmen sich hier Wellen auf über 30 Meter Höhe. Das Meer rauscht hier nicht. Es tobt. Der Boden erschüttert, bei jeder Welle. Wer ist so verrückt, freiwillig da rauszupaddeln? „Bodhi”, denke ich. Ich brauche ein paar Minuten, bis mein Hirn kapiert hat, dass das, was sich dort unten in der Bucht abspielt, kein Film ist. So unwirklich wirken diese hochhaushohen Wellen auf mich. Dann sehe ich die Surfer, wie sie sich von Jetskis in die größten Wellen ziehen lassen. Einer von ihnen hat lange blonde Haare, wie Swayze in „Point Break”. Und es ist für eine Sekunde so, als wäre ich mit ihm auf der Welle. Ich gehe sogar etwas in die Knie und breite die Arme aus, so wie er es tut. Tat. Genau deshalb bin ich hier. Es klingt banal. Aber es ist schon etwas wirklich Besonderes, genau dort zu sein, wo man gerade sein will.