Jérôme Lambert: „Gefühlt ging es jeden Tag um alles”

Jérôme Lambert war der jüngste CEO einer globalen Uhrenmarke. Nach sieben Jahren als Richemont-Chef ging er den ungewöhnlichen Weg zurück zu seinen Wurzeln – zu Jaeger-LeCoultre, jenem Maison, bei dem seine große Karriere begann. Wie er die Traditionsmarke seither neu prägt.
Text Sebastian Späth
Die Manufaktur von Jaeger-LeCoultre vereint 180 verschiedene Handwerkskünste, einige davon sind fast vergessen.

Monsieur Lambert, als Sie im vergangenen Jahr als CEO zu Jaeger-LeCoultre zurückkehrten, sprachen Sie von einer Herzensentscheidung. Ist es wirklich klug, sich in Karrierefragen von Gefühlen leiten zu lassen?

Ja! Vorausgesetzt, Emotion und Überlegtheit schließen sich nicht gegenseitig aus. Mir wurde mein Traumjob auf dem Silbertablett serviert. Wenn das nicht hochrational ist, sofort zuzusagen – was dann?

So, wie Sie es schildern, klingt es ganz danach. Verstehen Sie dennoch, dass manche Menschen diese Entscheidung ungewöhnlich finden? Sie waren zuvor CEO des gesamten Richemont-Konzerns und stehen nun hierarchisch eine Stufe tiefer.

Ich war 33 Jahre alt, als ich 2002 zum ersten Mal CEO von Jaeger-LeCoultre wurde. So jung war vor mir kein anderer Geschäftsführer einer globalen Luxusuhrenmarke – und nach mir auch nicht. In den 22 Jahren danach war ich in unterschiedlichen Spitzenpositionen bei Richemont – bei A. Lange & Söhne, Montblanc und schließlich sieben Jahre an der Konzernspitze. Nun können Sie natürlich sagen: Nach einer so langen C-Level-Karriere wäre das ein passender Abschluss gewesen. Aber ich bin erst 56 Jahre alt. Also stellte sich mir die Frage: Was mache ich in den nächsten zehn Jahren? Natürlich habe ich darüber nachgedacht, was bislang die erfüllendste Aufgabe meines Lebens war. Und wie es der Zufall will, sind die Herausforderungen der Uhrenbranche derzeit so groß, dass ein wenig mehr Erfahrung zumindest kein Nachteil ist.

Bei der Gyrotourbillon à Stratosphère Hybris Inventiva trifft Uhrmacherkunst auf Innovation.

Worin unterscheidet sich Ihre erste Amtszeit von der jetzigen am meisten?

Beim ersten Mal war es einfach die pure Begeisterung, überhaupt so eine Verantwortung zu übernehmen – im Alter von 33 Jahren CEO zu sein, das gibt einem einen riesigen Push. Heute ist es anders: Jetzt treibt mich vor allem, dass ich mich ganz bewusst für genau diesen Job entschieden habe.

Das heißt, Ihr Entschluss hat sich auch persönlich ausgezahlt?

Die sieben Jahre an der Konzernspitze haben mich als Mensch stark wachsen lassen. Wirtschaftliche Herausforderungen, die Corona-Pandemie – gefühlt ging es jeden Tag um alles. Doch die Rolle an der Konzernspitze unterscheidet sich grundlegend von der Führung einer einzelnen Marke. Als Group-CEO geht es eher darum zu lenken, als einzugreifen. Man ist zu weit von den einzelnen Marken entfernt, um mit eigenen Entscheidungen wirklich Risiken einzugehen – vor allem bei 25 Maisons. Heute ist das ganz anders. Auch wenn Jaeger-LeCoultre eine Weltmarke ist, sind wir im Kern ein Handwerksbetrieb geblieben. Mit rund 900 Mitarbeitenden im Vallée de Joux und einer Fluktuation von gerade einmal drei Prozent im Jahr ist es fast schon familiär. Es ist ein großes Privileg, an der Spitze einer solchen Gemeinschaft zu stehen. Und wenn ich einmal zweifle, reicht ein Spaziergang durch das wunderschöne Tal – danach bin ich sofort wieder im inneren Gleichgewicht.

Auf der Watches and Wonders präsentierte Jaeger-LeCoultre eine Vielzahl neuer Modelle. Welches verkörpert Ihre Vision für die Marke am deutlichsten?

Ganz klar: die Gyrotourbillon à Stratosphère Hybris Inventiva. Damit erweitern wir die Master-Hybris-Reihe um eine dritte Unterkategorie. In dieser Linie steht jede Uhr für eine radikale technische Neuerung. Wir haben damit eine Produktreihe geschaffen, die die DNA unseres Hauses so klar wie nie zuvor definiert: höchste Uhrmacherkunst und kompromisslose Innovation. Die Gyrotourbillon à Stratosphère besteht aus drei ineinander gelagerten Käfigen, die sich gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen bewegen. Dadurch wird der Einfluss der Schwerkraft, der die Ganggenauigkeit normalerweise beeinträchtigt, nahezu vollständig ausgeglichen. Kurz gesagt: Egal, in welche Extremlage man diese Uhr bringt – auf die exakte Zeit ist Verlass.

Jaeger-LeCoultre gilt als „Uhrmacher der Uhrmacher”. Welchen Anspruch leiten Sie daraus ab?

In unserer Manufaktur vereinen wir 180 verschiedene Handwerkskünste. Einige davon sind fast vergessen – zum Beispiel das Emaillieren. In manchen Techniken haben wir genau zwei Leute, die unserem Exzellenzanspruch gerecht werden. Und wenn wir eine dritte Person ausbilden wollen, müssen wir für die Einarbeitung unsere Produktionskapazität drosseln. Unsere Handwerker melden jedes Jahr bis zu zehn Patente an. Auch nach 193 Jahren Firmengeschichte ist Innovation unser zentrales Anliegen. Gleichzeitig ist uns die Verbundenheit mit unserer DNA besonders wichtig – das habe ich auch während meiner ersten Amtszeit mit der Gründung der Jaeger-LeCoultre Heritage Gallery vorangetrieben. Dass wir heute historische Uhren aus nahezu allen Epochen restaurieren können, verdanken wir vor allem unserem umfassenden Archiv und einer eigenen Heritage-Abteilung. Wir können alles nachvollziehen – unsere Geschichte lebt und beflügelt unsere Zukunft.