Warum ich nach Mallorca flog, um ein Turnier zu gewinnen

Unser Kolumnist Philipp Jessen spielt exzessiv Padel-Tennis – und meldete sich vor kurzem für den Mallorca Padel Cup an. Nicht um mitzuspielen, sondern in dem festen Glauben, zu gewinnen.
Text Philipp Jessen

Mein größter sportlicher Erfolg ist so hoch wie ein Geodreieck lang. Bei einem Hallen-Turnier nahe Hannover, in einem Ort namens Garbsen, belegte ich mit meiner Fußballmannschaft, der E-Jugend des SC Sperber Hamburg, den undankbaren vierten Platz. Ich war damals gerade neun Jahre alt geworden. Pokale bekamen nur die ersten drei Mannschaften. Wir also keinen. Allerdings gab es auch ein paar Extraauszeichnungen. Ich gewann, zu meiner Überraschung, auch eine kleine Trophäe. Nur für mich. Die Auszeichnung für den besten Torwart des Turniers. Dazu hatten mich die anderen Teams gewählt.

Der Pokal steht heute auf meinem Schreibtisch

Kaum etwas aus meiner Jugend habe ich behalten. Aber dieser Pokal hat mich die letzten 40 Jahre immer begleitet. Bis heute hat er einen festen Platz auf meinem Schreibtisch – und in meinem Herzen. Vielleicht war der Tag, an dem ich ihn bekam, der schönste meiner Kindheit. Wahrscheinlich spiele ich deshalb heute so exzessiv Padel-Tennis. Natürlich macht es mir Spaß, mit den Rabauken aus meiner Mannschaft zu zocken. Aber mein krankhafter Fanatismus, was diesen Sport angeht, ist damit nicht hinreichend zu erklären. Seitdem ich etwas mehr Zeit habe, stehe ich drei bis fünf Mal die Woche auf dem Court

Hätte Sigmund Freud mich einmal auf dem Platz gesehen, käme er garantiert zu der Erkenntnis, dass ich dort etwas aus meiner Kindheit kompensieren will. Nur mit psychischen Problemen ist es zu erklären, dass ich diesen Monat mit meinem Trainer und Kumpel Leif nach Mallorca geflogen bin, um den Mallorca Padel Cup zu gewinnen. Das größte Amateur-Padel-Turnier auf den Balearen. Wichtig: nicht um mitzuspielen – sondern in dem festen Glauben, dass wir gewinnen werden.

Ich will nochmal einen Wettkampf gewinnen

Dabei sein ist alles? Nicht für mich! Ich will diesen verdammten Pokal. Einmal wieder dieses Gefühl haben wie damals mit neun Jahren. Die beiden Vorrundenspiele gewinnen wir klar. Ich erwische mich dabei, wie ich ernsthaft überlege, ob ich den Pokal später im Koffer oder doch lieber als Handgepäck transportieren soll. Er ist skulptural, kombiniert einen silbernen Padel-Schläger – der irgendwie aussieht wie ein Hähnchenschenkel – mit einem goldenen Ball und einem angedeuteten Netz. So sieht es aus, das Objekt meiner Begierde. Dann kommt das Achtelfinale. Wir spielen gegen zwei Spanier mit Hals-Tattoos. Beim Stand von 7 : 5, 6 : 5 und 30 : 0 ist das Spiel zu unseren Gunsten entschieden – denke ich. 

Falsch gedacht. Wir verlieren in drei Sätzen. Ich könnte vor Wut heulen. Ich muss mich ernsthaft zusammenreißen, damit ich mit meinen 48 Jahren nicht vor Enttäuschung weine wie der kleine Junge von damals. Viele Chancen, einen sportlichen Wettkampf zu gewinnen, werde ich nicht mehr haben. Und vielleicht würde es auch helfen, mich mal ernsthaft damit auseinanderzusetzen, warum mir das überhaupt so wichtig ist, in meinem Alter noch ein Turnier zu gewinnen. Aber dazu habe ich weder Lust noch Zeit, denn ich muss jetzt schnell zum Training. Die Padel-Clubmeisterschaften sind nämlich bereits in zwei Wochen – und ich will den Pokal gewinnen. Unbedingt.