Diese britische Manufaktur legt den 33 Stradale neu auf

Der Alfa Romeo 33 Stradale von 1967 gilt als einer der schönsten und exklusivsten Sportwagen der Welt. Nur 18 Exemplare wurden gebaut, die heute bis zu 17 Millionen Euro wert sind. Eine britische Manufaktur hat die Italo-Ikone nun neu interpretiert.
Text Tim Pitt
Das analoge Cockpit des R33 ist mit Leder und gebürstetem Aluminium ausgestattet.

Als teuerstes Serienauto der Welt kam er 1967 auf den Markt. 70.000 D-Mark mussten Fans italienischer Sportwagen für einen neuen Alfa Romeo Tipo 33 Stradale zahlen. In heutiger Kaufkraft entspricht das rund 250.000 Euro – rückblickend dennoch ein Schnäppchen. Nur 18 Exemplare des 33 Stradale wurden damals gebaut, inzwischen ist er seltener als ein Ferrari 250 GTO. Und wertvoller als alle klassischen Maseratis, die jemals bei einer Auktion verkauft wurden: Auf mehr als 17 Millionen Euro schätzen Experten seinen Wert. Alfa Romeo hat im Jahr 2023 eine eigene Neuinterpretation seines legendären Meisterwerks vorgestellt. Die 33 Stück waren bereits vor der offiziellen Premiere verkauft. Jetzt legt die englische Manufaktur Automotive Artisans nach: mit einem Auto, das dem Original von 1967 noch deutlich näher kommt als das italienische Remake. Die in Handarbeit geformte Aluminiumkarosserie ihres R33 ist von der des historischen 33 Stradale kaum zu unterscheiden. Doch darunter verbirgt sich eine leistungsstarke, konsequent durchdachte Technik.

Automotive Artisans entwirft Replikat

Automotive Artisans hat einen 4,2-Liter-Saugmotor mit acht Zylindern verbaut, der 376 PS leistet.

„Unser R33 war ursprünglich als Unikat für einen Kunden gedacht”, sagt Lee Irish von Automotive Artisans. Im Sommer des vergangenen Jahres nahm er den Prototyp erstmals zu einer Oldtimerveranstaltung mit – das positive Echo war überwältigend. Irish begann seine Karriere beim renommierten britischen Autohersteller Morgan Motor Company. Dort arbeitete er an den Modellen 3-Wheeler und AeroMax Coupé. Später lebte er zwei Jahre lang in Italien, wo er den Ferrari Portofino mit entwickelte. Dann kehrte er nach Großbritannien zurück und gründete sein eigenes, auf Restaurierung und Karosserie spezialisiertes Unternehmen – Automotive Artisans. 

Mit seinem R33 stellt er nun seine ganze automobile Expertise unter Beweis: Der Motor des historischen 33 Stradale, ein mittig eingebauter 2,0-Liter-V8, hatte 230 PS. Beim R33 entschied sich Irish für alte, aber werksneue 4,2-Liter-V8-Motoren von Maserati, die er aus Lagerbeständen erwarb. Die Leistung: 376 PS. Wo beim originalen 33 Stradale ein Renngetriebe mit geradverzahnten Zahnrädern montiert war, verbaute Irish beim R33 ein Sechsgang-Schaltgetriebe aus der 997er-Generation des Porsche 911. Fast 60 Jahre ist es her, seit Franco Scaglione die Welt mit seinem Design für den 33 Stradale verblüffte. Noch heute stockt einem beim Anblick des Autos der Atem. Es wirkt überraschend klein, ist gerade mal 99 Zentimeter hoch. „Das war wohl unsere größte Herausforderung – alles innerhalb der ursprünglichen Abmessungen unterzubringen”, sagt Irish.

Der R33 ist kompromisslos analog

Der Wagen wiegt nur 1000 Kilogramm und ist auf 33 Stück limitiert. Sein Preis: 750.000 Euro.

Nur an einem Punkt, bei den 15-Zoll-Leichtmetallrädern, unterscheidet sich der R33 optisch klar erkennbar vom Original: Alfa Romeo hat damals 13-Zoll-Felgen verwendet. „Doch dafür gibt es heute keine adäquaten Reifen mehr”, so Irish. Also: Flügeltür öffnen, über die breite Schwelle einsteigen, sich dann in den tief liegenden Sitz hinabgleiten lassen. Die umlaufende Verglasung des R33 vermittelt fast das Gefühl, man würde in einem Fischglas sitzen – einem besonders eleganten allerdings, verkleidet mit butterweichem Leder und gebürstetem Aluminium. Ein Handschalthebel steht neben dem Fahrersitz selbstbewusst in einer offenen Schaltkulisse. Von einem Touchscreen oder Infotainmentsystem ist hier nichts zu sehen. Und wer würde so etwas auch vermissen, wenn der Mittelmotor mit seinen acht Ansaugtrichtern dicht hinter den eigenen Ohren aufheult?

Der R33 ist kompromisslos analog. Er hat weder Servolenkung noch Bremskraftverstärker, weder Antiblockiersystem noch Traktionskontrolle. Sein Getriebe will sorgsam behandelt werden, vor allem auf den ersten Kilometern nach dem Anlassen, bei kaltem Öl. Doch der V8-Motor – eine verwandte Variante findet sich auch im Ferrari F430 – spricht sofort an und dreht willig hoch. Obwohl der R33 nur rund 1000 Kilogramm wiegt, verlangt er mehr körperlichen Einsatz als die meisten modernen Supersportwagen. Sein Holzlenkrad meldet exakt zurück, was auf der Straße geschieht. Das Chassis fühlt sich spielerisch und zugleich kontrolliert an, die Bremsen von Wilwood packen entschlossen zu. Und dann wäre da noch der Sound: Wenn man sich der maximalen Drehzahl von 7500 nährt, klingt der R33 auf fast überwältigende Weise wuchtig, so als würde das Auto vor ungebändigter Energie platzen wollen.

Zweifelsohne hat Automotive Artisans etwas Besonderes geschaffen: ein Auto, das sein visuelles Versprechen während der Fahrt vollständig einlöst. Wie es sich anfühlt, hinter dem Steuer eines originalen Alfa Romeo Tipo 33 Stradale zu sitzen, werden die meisten Menschen nie erleben. Der R33 bietet nun eine ähnliche Erfahrung, die aber souverän für sich steht – leider auch nur 33-mal.