Wie Matteo Tartufoli ein historisches Chalet bei St. Moritz zum Leben erweckte

Für Architekten ist es eine heikle Abwägung, einen Auftrag aus dem Freundeskreis anzunehmen. Allzu leicht kollidieren eigene Visionen mit den Erwartungen des Gegenübers und setzen in dieser Konstellation nicht nur ein Auftragsverhältnis, sondern gleich eine ganze Beziehung aufs Spiel. Nicht grundlos lautet eine elementare Regel im Unternehmertum: Privates und Geschäft trennt man besser. Und wenn es um ein Haus geht, gilt das umso mehr. Schließlich sind Freundschaften schon an weit Geringerem zerbrochen. Vor einer ähnlichen Prüfung stand auch Matteo Tartufoli, als zwei alte Freunde aus Mailand – ein vermögendes Paar mit vier Kindern, das Wert auf äußerste Diskretion legt und hier namentlich nicht genannt werden möchte – ihn baten, ein Chalet in der Schweiz in ihr Traumhaus zu verwandeln. Hält ihre Beziehung dem finanziellen Druck, den Unwägbarkeiten und dem Stress stand, die ein Bauprojekt naturgemäß mit sich bringt, zumal eines von dieser Komplexität? Tartufoli entschied sich für ein Ja.
Tartufoli ist für Restaurierungen bekannt

Von klein auf verbrachte seine Auftraggeberin die Winter beim Skifahren im schweizerischen Engadin, nur knapp drei Autostunden von ihrem Zuhause in Mailand entfernt. Das Hochtal wurde für sie zu einem selbstverständlichen Rückzugsort – ideal, um für ein paar Tage dem Trubel der Stadt zu entfliehen und in eine Ursprünglichkeit einzutauchen, wie sie die Welt nur noch an wenigen Orten bewahrt hat. Einer davon: jene Region im Kanton Graubünden mit seiner eindrucksvollen, kontrastreichen Bergwelt, die lange von den Aufgeregtheiten der europäischen Zivilisation abgeschnitten war. Als die Schweiz vor einigen Jahren den Immobilienerwerb für Ausländer deutlich leichter machte und der Wunsch nach einem Eigenheim in den Alpen nicht mehr einem bürokratischen Kampf gegen Windmühlen glich, nahm für das Paar ein lang gehegter Wunsch Gestalt an – und erfüllte sich mit einem alten Chalet in Celerina, der beschaulichen Nachbargemeinde von St. Moritz. Und hier kam Tartufoli ins Spiel. Als einer der beiden Chefs des Architekturbüros M2P Studio sollte der Mailänder das alte Gebäude – gemäß den Wünschen des Paares – neuen Glanz verleihen. Oder wie man in Italien sagt: Sprezzatura. Zeitlose Eleganz, formvollendet in Leichtigkeit.
M2P Studio hat sich mit aufwendigen Restaurierungen in der Architekturszene einen Namen gemacht, und Tartufoli fand in seinen Auftraggebern Geschwister im Geiste. Sie hätten das alte Haus auch einfach abreißen und an gleicher Stelle einen Neubau nach hochmodernen Standards hochziehen können, ohne am Ende auch nur einen Cent mehr investieren zu müssen. Stattdessen entschieden sie sich gemeinsam mit Tartufoli für einen anderen Weg: Es sollte ein Haus werden und bleiben, das die Tradition jener ehrwürdigen Bauten fortschreibt, die das Engadiner Panorama bis heute bestimmen. Und damit für eine aufwendige architektonische Neuinterpretation. Tartufoli, bekannt für seine kompromisslose Liebe zum Detail, studierte die lokale Bauweise akribisch. Etwa die leicht geneigten Wände – ein Kniff, den die Engadiner vor Jahrhunderten entwickelten, damit der Schnee besser abrutschen konnte. Ein architektonisches Detail, das in dieser Form kaum irgendwo sonst auf der Welt zu finden ist.
Das Chalet greift die Engadiner Bauweise auf

Gemeinsam mit seinem Team vermaß er mithilfe modernster Technik die historischen Bauernhäuser der Region, um in seiner eigenen Interpretation deren Proportionen exakt zu treffen – und so jene gewachsene, beinahe zufällige Harmonie zwischen Häusern und Landschaft nicht zu stören, die sich über Jahrhunderte hinweg eingestellt hat. Eine der wichtigsten Inspirationsquellen für das Projekt war der Schweizer Architekt Hans-Jörg Ruch, der seine Haltung zur Architektur gern in prägnante Sätze fasste wie: „Das alte Haus hat immer recht.” Oder: „Die alten Stallungen und Scheunen sind die Kathedralen des Engadins.” Zwar realisiert Ruchs St. Moritzer Büro auch zeitgenössische Neubauten aus Holz, Glas, Stahl und Beton, doch es sind vor allem seine sensiblen Arbeiten an historischen Bauernhöfen und Bürgerhäusern, die die heutige Ästhetik des Engadins nachhaltig geprägt haben – eine Linie, in der sich Tartufoli bewusst wiederfindet: „Wir wollten typische Merkmale aufnehmen, damit es wirkt, als sei das Gebäude vor mehr als 200 Jahren entstanden.” Die Idee war ein Haus für die Ewigkeit – aus der Tiefe der Zeit heraus gedacht.
Nach zwei Jahren intensivsten Brainstormings und drei Jahren Bauzeit wurde das Chalet im April 2022 fertiggestellt. Die nun weiße Fassade fügt sich nahtlos in die alpine Schneelandschaft ein, während Holzlamellen vor den Fenstern der oberen Etagen dem Bau Tiefe verleihen. Sie zitieren die Gestaltung lokaler Stallgebäude. Insgesamt wurde Holz jedoch nur punktuell als Baumaterial eingesetzt, da es für die traditionelle Engadiner Architektur – auch wenn es überraschend sein mag – nicht typisch ist. Eine Entscheidung, die das Haus, wie Tartufoli betont, deutlich von jenen alpinen Rückzugsorten in der Schweiz und in Italien abhebt, die gestalterisch auf folkloristischen Alpenkitsch setzen. Ein weiteres traditionelles Element, das sein Team bewusst priorisierte, ist das sogenannte Sgraffito: eine ornamentale Technik, bei der dekorative Ritzungen in den Putz der Außenfassade gearbeitet werden. Für diese Arbeiten kooperierte M2P Studio mit einem Kunsthandwerker aus der Region. „Er leistet Großartiges – er ist der Beste im ganzen Tal”, sagt Tartufoli mit Nachdruck. Die Sgraffiti, fügt er hinzu, „prägen das Wesen des gesamten Gebäudes.”
Helle Räume mit Schweizer Materialien

Der Wohnbereich erstreckt sich über vier Ebenen auf insgesamt 315 Quadratmeter. Das Foyer ist mit Rischi-Stein gepflastert – einem für diese Region der Schweiz typischen, grau-weiß gemaserten, bräunlich anwitternden Quarzsandstein, der üblicherweise im Außenraum verwendet wird. Hier dient er, dem architektonischen Konzept folgend, als Verbindung zwischen Innenraum und Natur. Der Grundriss blieb weitgehend unverändert. Nur an einem Punkt entschied sich Tartufoli für eine wesentliche Intervention: Der Kamin wurde nicht – wie üblich – an die Wand gesetzt, sondern ins Zentrum des Raumes verlegt. Dort fungiert er als verbindendes wie trennendes Element zwischen Wohn- und Essbereich, während der Schornstein scheinbar schwerelos über der Feuerstelle schwebt.
Die geschwungene Treppe, die zu den Schlafzimmern und Bädern führt, wirkt auf den ersten Blick beinahe unspektakulär. Das feine Detail jedoch, das Tartufolis unverwechselbare Handschrift verrät, offenbart sich erst ganz oben: Das Ende der Wendeltreppe ist aus filigranen Metallgitterplatten gefertigt, durch die das Licht bis hinunter ins Erdgeschoss fällt. Gemeinsam mit Tartufolis Team entwarf die Bauherrin maßgefertigte Kleiderschränke aus spanischer Zeder, deren charakteristischer würzig-ledriger Duft wie ein natürlicher Raumparfümeur wirkt und dem Interieur eine besondere Atmosphäre verleiht. Ein Einrichtungselement, das die Bauherrin so sehr schätzt, dass sie eine ähnliche Lösung aus japanischem Bambus auch in ihrem Ferienhaus an der italienischen Riviera umsetzen ließ.
Sgraffito-Technik ziert die Hauswände
Den Kunden zu geben, was sie wollen, sei ein wesentliches Prinzip seiner Arbeit, so Tartufoli. Ebenso wichtig wie die Balance zwischen Funktionalität und Schönheit zu wahren. „Der Drahtseilakt zwischen Kopf und Herz ist für mich ein zentrales Leitprinzip meiner Arbeit”, sagt Tartufoli. Eine weitere Ehrerbietung an die Tradition des Engadins sind die großflächig verzierten Innenwände – eine Hommage an das Sgraffito, jene für diese Region so typische traditionelle Kratzputztechnik, bei der mehrere farbige Putzschichten übereinander aufgetragen und im noch feuchten Zustand partiell wieder freigelegt werden. Je nachdem, wie tief in den mehrlagigen Putz hineingekratzt wird, tritt eine andere Farbe zutage. Für ihr Haus erlaubten sich die Mailänder dabei einen bewussten Regelbruch: Statt lokaler Handwerker engagierten die Bauherren einen portugiesischen Künstler, der dem Inneren des Hauses mit farbigen Akzenten eine zeitgenössische Note verlieh.
Im Wohnzimmer setzen Kunstwerke gezielte Akzente, darunter eine großformatige Waldszene des italienischen Malers Giovanni Frangi. Das intensive Kobaltblau des Bildes kehrt schließlich auch im Außenraum wieder, wo ein in dieser Farbe gehaltener Wolf im Garten Wache hält. Die Skulptur stammt vom italienischen Künstlerkollektiv Cracking Art. Nicht jede Freundschaft übersteht ein Bauprojekt dieser Größenordnung. Doch wenn Vertrauen, gemeinsame Werte und ein geteiltes Verständnis von Schönheit zusammenkommen, entsteht manchmal mehr als nur ein Haus.
