Race Rover

Ein SUV für die Rennstrecke? Der stärkste Range Rover aller Zeiten überrascht auf jedem Terrain.
Text Alexander Bann

Vollgas. Mein linker Fuß steht auf dem Pedal, die Tachonadel hat die 200 km/h Marke längst überquert. Ich bin ein wenig nervös. Am Ende der fast einen Kilometer langen Geraden auf dem Portimão Circuit geht es steil nach unten in eine schnelle, schwer einsehbare Kurve. Hier stellt sich die Frage: Wie sehr vertraust Du dem Fahrzeug? 

Zwischen Rennstrecke und Offroad-Parcours

Die erste Edition des Range Rover Sport SV ist weltweit auf 2.000 Exemplare limitiert.

Mein letztes Mal auf einer Rennstrecke war auch in Portugal, in Estoril. Damals im knapp eine Million Euro teuren, 800 PS starken McLaren Senna. Ein Rennwagen mit Straßenzulassung, der 300 km/h auf der Geraden schaffte. Der Range Rover Sport SV, in dem ich jetzt sitze, ist dagegen fast doppelt so schwer. In meinem Kopf schieben mich 2,5 Tonnen von hinten aus der Kurve. Vollbremsung, draufbleiben. Die Meisten bremsen zu zaghaft, wenn es darauf ankommt. Die eigens für den Range Rover Sport SV entwickelte Hochleistungs-Karbon-Keramik-Bremsanlage leistet hier ganze Arbeit. Entspannung, der Blick geht auf den Scheitelpunkt der nächsten Kurve. Ein Grinsen. I’m back on track.

Das Setting: Die Algarve im Süden Portugals ist mit Sicherheit einer der abgeschiedensten Orte Europas. Wilde Natur, ein paar Surfer und ein spektakulärer Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung. Dazwischen wie ein UFO: der 200 Millionen teure Portimão Circuit, eine der modernsten Rennstrecken Europas. Hier habe ich ein Rendezvous mit dem stärksten und schnellsten Range Rover aller Zeiten. Und will die Fragen beantworten: Wie schlägt sich ein SUV auf der Rennstrecke? Wie macht sich ein Sportwagen auf dem Offroad-Parcours? Der Range Rover Sport SV nimmt beide Welten für sich in Anspruch. Es ist ein hochkarätiges Testobjekt. SV steht für „Special Vehicles“, die Abteilung für exklusive Sonderanfertigungen. Ich bin mit der „Edition One“ unterwegs, einer auf weltweit 2.000 Einheiten limitierten Kleinserie, die bereits komplett an ausgewählte Kunden vergeben ist. 

Ein SUV voller Widersprüche

Racetrack-Feeling trotz Schwergewicht: Auf dem Portimão Circuit beweist der Performance-SUV sein Können.

Ganz klar, der Range Rover Sport SV ist ein SUV voller Widersprüche. Aber gerade das macht ihn so besonders. Mit seinem 635 PS starken 4,4 Liter Twin-Turbo V8-Benziner ist er das Performance-Flaggschiff der Briten. In 3,8 Sekunden sprintet der Wagen von 0 auf 100 km/h, die Tachonadel schafft es bis 290. Das sind 911er Werte, verpackt in dem XL-Format eines knapp fünf Meter langen zweieinhalb Tonners. Statt spartanisch-ultraleichter Sportwagen-Ausstattung gibt es das komplette Luxus-Programm, inklusive sogenannter „Body and Soul“-Vordersitze mit perforiertem Windsor-Leder und Massagefunktion, die den Hi-Fi-Sound mit Vibrationen auf den Körper übertragen. Gekoppelt ist das Ganze mit dem Meridian Signature Soundsystem, das mit 29 Lautsprechern 1.350 Watt Leistung liefert. Das Ergebnis: Man hört und spürt die Musik gleichzeitig. Als würde man im Club direkt auf dem Subwoofer sitzen – nur dass man sich dabei nicht die Ohren zuhalten muss.

Überhaupt: Ich fühle mich in diesem stärksten Range Rover der Firmengeschichte wie in einem modernen Londoner 5-Sterne-Hotel. Design und Luxusambiente, gemixt mit einem Spritzer britischer Nonchalance. Jedes Detail stimmt, jede Naht sitzt: Das Interior, die Karosserie, alles ist schnörkel- und zeitlos, selbst die Karbonelemente schreien nicht nach Aufmerksamkeit. Der Range Rover Sport SV ist kein aufgepumpter Macho im Muscle-Shirt und alleine deswegen schon ein Einhorn im Performance-SUV-Segment. Aber er kann eben mehr als Understatement.

Testfahrt auf dem Portimão Circuit

Dank moderner Offroad-Technologien eignet sich der Range Rover Sport SV auch abseits der Rennstrecke.

Zurück zur ersten Begegnung auf der Rennstrecke: Ich stehe auf der Startposition des Autódromo Internacional do Algarve, dem Portimão Circuit, und drücke die SV-Taste auf dem Lenkrad. Sie beginnt rot zu leuchten und innerhalb eines Augenblicks verwandelt sich der Range Rover Sport SV. Lautlos senkt sich der Wagen ein paar Millimeter ab, die Abstimmungen von Fahrwerk, Lenkung, 8-Gang-Automatik und Gasannahme werden spürbar geschärft. Der Sound des 8-Zylinders quengelt: Es ist Zeit für die erste Runde auf der Rennstrecke. 4,684 Kilometer mit 16 Kurven – eine anspruchsvolle Kombination aus schnellen Geraden und technisch herausfordernden Abschnitten. Hier findet die Superbike-WM statt, der Große Preis von Portugal und andere Formel-1-Rennen.

Eine Besonderheit der Strecke: Die Achterbahn-Charakteristik mit ihren vielen Höhenunterschieden. Mal geht es mit steilen 12 Prozent Gefälle runter, dann wieder eine Steigung von über 6 Prozent. Für Fahrer und Fahrzeug ist das eine echte Herausforderung. Die Reifen signalisieren mit schrillem Ton: Wir nähern uns dem Grenzbereich. Ich komme in den Kurven ins kontrollierte Driften, so viel Racetrack-Feeling hätte ich von einem Range Rover nicht erwartet. Das hohe Gewicht des Fahrzeugs ist längst vergessen, er lässt sich fast spielerisch führen – ein leichtfüßiger Tanzpartner. Dank seines „6D Dynamics“-Fahrwerk trotzt das SUV jeglicher Physik und Logik. Das komplexe System aus hydraulisch verbundene Dämpfern, höhenverstellbaren Luftfedern und Nicksteuerung reduziert Karosseriebewegungen auf ein Mindestmaß und gewährleistet so selbst bei dynamischer Kurvenfahrt oder beim scharfen Bremsen maximale Stabilität. Die anspruchsvollste Passage ist die Galp Corner, die letzte Kurve vor der fast einen Kilometer langen Start-Ziel-Geraden. Hier ist eine gut getimte Beschleunigung für eine gute Rundenzeit gefordert. Zahllose gummischwarze Bremsspuren in der Auslaufzone machen eindringlich klar: Fehler werden hier nicht verziehen.

Mit High-Tech ins Gelände

Sportwagen oder SUV? Der Range Rover Sport SV passt in keine Schublade. 

Dann der Szenenwechsel, ein komplettes Kontrastprogramm. Ich tausche Rennstrecke gegen Schotterpiste. Der Range Rover Sport SV will beides souverän beherrschen können. Ein paar hundert Meter neben dem Portimão Circuit geht es über steinige, hügelige Pfade und schlammige Senken. Hier zeigt sich die Algarve von ihrer wilden, unberührten Seite. Im ersten Moment wirkt das matt schimmernde, bronzefarbene, über 200.000 Euro teure SUV im Terrain fehl am Platz. Doch Allradantrieb, Luftfederung und Differentialsperre sind obligatorisch. Hat sich der Wagen für die Rennstrecke noch geduckt, so geht es im Offroad-Modus ein paar Millimeter in die Höhe.

Ich bin bereit für die erste Wasserdurchfahrt und erlebe die Magie der Assistenzsysteme: Die adaptive Offroad-Geschwindigkeitsregelung erzeugt im Watmodus mit gleichmäßiger Fahrgeschwindigkeit eine perfekte Bugwelle. Der Fuß kann vom Gas, ich muss nur noch lenken. Gleichzeitig verriegelt der Range Rover automatisch den Antriebsstrang und schließt alle Lüftungskanäle. Bis zu 90 Zentimeter tiefe Wasserpassagen lassen sich so durchqueren. Das Spiel wiederholt sich bei extremen Bergabfahrten oder Verschränkungen. Ein paar Clicks durch das Menü und der Range Rover fährt sich durch anspruchsvollste Offroad-Tracks wie von selbst, während mir eine kühle Brise aus der Klimaanlage den völlig unnötigen Schweißtropfen auf der Stirn trocknet und die Wellness-Funktion der Sitze die letzten Verspannungen vertreibt. Die speziell entwickelten Soundtracks „Relax“, „Calm“, „Balance“, „Focus“, „Energise“ und „Wake Up“ beeinflussen gezielt die Herzfrequenzvariabilität und befördern mich in den Zen-Modus.

Range Rover Sport SV verbindet zwei Welten

Mit dem Range Rover Sport SV gelingt es dem britischen Traditionsunternehmen, zwei entfernte Welten zu verbinden: Luxus und Minimalismus, Coolness und Emotion, Offroad und Rennstrecke. Und all das fast ohne Abstriche. Das Resultat ist ein Fahrzeug für alle, die nicht hinnehmen wollen, warum man sich im Leben für das Eine oder das Andere entscheiden sollte – wenn man doch beides haben kann. Surf and Turf. Klar, man kann den Range Rover Sport SV nicht mit Supercars vergleichen. Die hohe Sitzposition, das Gewicht, das ganze Ambiente sind komplett anders. Aber genau hier ist der Sweet Spot. Der Wagen passt eben in keine vorhandene Schublade.

Damit bleibt sich die Marke treu. Anfang der 70er kam der Range Rover als neue Modellreihe ins Land Rover Portfolio. Ein Coup. Es ist die Geburtsstunde eines neuen Fahrzeugsegments: der komfortable Luxus-Geländewagen. Perfekt für den britischen Landadel, für den Ausritt in den Highlands, für die Fasanenjagd. Mit Allradantrieb und bequemer Federung. Seit 2005 ist der Range Rover Sport als dynamischer Luxus-SUV Teil der Modellpalette. Aber so konsequent, so stark, so kompromisslos wie der neue Range Rover Sport SV war noch kein Fahrzeug der Marke zuvor. Ich drücke nochmal den SV-Knopf und genieße alle Welten: Land Rover. Range Rover. Race Rover. Ergibt irgendwie Sinn.