So machte Stefanie Hering Porzellan zum Luxusobjekt

Die besten Restaurants und Hotels der Welt setzen auf Porzellan von Stefanie Hering. Denn ihr gelang, was eigentlich unmöglich schien: Sie hat den runden, weißen Teller neu erfunden.
Text Sebastian Späth
Leise Revolution: Die deutsche Designerin Stefanie Hering hat den weißen Teller neu erfunden.

Montag, Anfang Februar, kurz vor Mitternacht in Berlin. Stefanie Hering fährt im mausgrauen VW Caddy am Brandenburger Tor vorbei. Es ist jenes Wahrzeichen, das sie und ihren Lebensgefährten schon seit Beginn des Abends beschäftigt, seit sie noch in geselliger Runde im Restaurant Verōnika saßen. Genauer gesagt: ein Video davon, das sich zeitgleich auf Instagram verbreitet. Darin leuchtet über den Säulen in fetten Lettern der Name ihres Unternehmens: Hering Berlin. 

Wer den Clip sieht, glaubt an eine spektakuläre Projektion im Herzen der Hauptstadt. Eine gewaltige Marketingaktion. Nur leider eine, die im vergangenen Jahr schon einmal gründlich schiefging: Als die Grünen das Konterfei ihres Kanzlerkandidaten Robert Habeck auf prominente Flecken deutscher Großstädte projizieren ließen, unter anderem auf das Münchner Siegestor. Entsprechend groß ist die Aufregung im Wagen. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass es sich lediglich um eine Videomontage handelt, die ihre amerikanischen Partner ohne Absprache in den sozialen Netzwerken veröffentlicht haben. Denn abgesehen davon, dass dies einen Vertragsbruch darstellt, widerspricht ein solches marketingtechnisches Brusttrommeln dem Selbstverständnis der Marke Hering in fundamentaler Weise. Wahrscheinlich ist es dieser Moment der Begegnung, der am deutlichsten zeigt: Hering ist längst ein Global Player – und mit ihrer internationalen Präsenz wächst auch die Sensibilität für jeden noch so kleinen Clip, der in die Welt hinausgeht.

Die Marke hat viele prominente Bewunderer

Villa Hering: Das Unternehmen hat seinen Sitz in einem 120 Jahre alten Anwesen in Berlin-Zehlendorf.

Hering Berlin: Für viele ist das eine Chiffre für Porzellan von allerhöchster Güte, made in Germany. Man begegnet ihm in Luxushotels und Sternerestaurants auf der ganzen Welt – und in den Haushalten von Menschen, die bereit sind, einen fünfstelligen Betrag in ihr Gedeck zu investieren. Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass Stefanie Hering sich einen Platzes in der Geschichte des abendländischen Keramikhandwerks gesichert hat – als die Frau, die das schlichte, weiße Porzellan zurück in den Rang des absoluten Luxus erhob. Als Hering auf den Plan trat, glichen ihre Entwürfe einer ästhetischen Revolution. Es war die Zeit, in der große Porzellanhersteller wie Villeroy & Boch, Hermès oder Ginori einander mit manierierten Verzierungen und Formen zu überbieten suchten. Hering tat das Gegenteil: Sie setzte auf das pure Material. Gut zwanzig Jahre ist das her. Heute finden sich unter ihren Sammlern und Bewunderern Namen wie Oprah Winfrey, Pierce Brosnan oder Beyoncé.

Doch zurück an den Anfang dieser Geschichte: Die Begegnung mit Hering beginnt an diesem Tag deutlich früher. Es ist 11 Uhr vormittags. Ihr Caddy steckt in einem kilometerlangen Stau auf der thüringischen Autobahn. Diese Fahrt – wenn es denn überhaupt einmal vorangeht – ist im Mikroformat ein Sinnbild für Herings beruflichen Spagat: zwischen internationaler Bühne und der kleinen ostdeutschen Gemeinde Reichenbach, in der der Name Hering einen Klang hat wie Daimler im Raum Stuttgart. Ihr Porzellan ist hier der unangefochtene Exportschlager. Am Ortsrand, gleich neben einer Schafweide, liegt die 1900 gegründete Porzellanmanufaktur Reichenbach. Ein Familienbetrieb, mit dem Hering bereits in zweiter Generation zusammenarbeitet. Wobei man auch sagen könnte: Sie sichern einander gegenseitig die Existenz.

Herings Geschirr ist größtenteils unglasiert

Hering vertraut auf die reine Biskuitporzellanoberfläche. Durch einen aufwendigen Diamantschliff wird sie so fein poliert, dass sie die Glätte von Glas annimmt.

Kurz vor der Jahrtausendwende erlebte Hering einen solchen Boom, dass die Produktionskapazitäten ihrer Werkstatt im Prenzlauer Berg mit ihren sieben Mitarbeitern dem Marktecho nicht mehr ansatzweise gerecht werden konnten. Hering stand kurz davor, den Betrieb einzustellen und sich allein auf das Entwerfen für andere zu konzentrieren. Das war der Moment, in dem die Reichenbacher in ihr Leben traten. Seither sorgen sie dafür, dass Hering ihre stetig wachsende Nachfrage bedienen kann – und Hering als Hauptauftraggeberin dafür, dass in Reichenbach die Öfen nicht erkalten, anders als in vielen anderen Betrieben der einst traditionsreichen Keramikregion. 

Beim Betreten der Produktionsstätte fallen zuerst die großen Tankbehälter ins Auge, die wie im Takt ein Geräusch von sich geben, das man im ersten Moment mit dem herabschnellenden Fallbeil einer Guillotine assoziiert: schlack! So klingt es, wenn der darin lagernde Schlicker umgepumpt wird – die flüssige Rohmasse aus Kaolin, Feldspat und Quarz, aus der später Porzellan entsteht. Seit die Reichenbacher mit Hering zusammenarbeiten, wird er mit fast schon laborhafter Sorgfalt gefiltert, damit selbst kleinste Verunreinigungen keine Chance haben. Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Herstellern: Herings Geschirr ist größtenteils unglasiert.

Der weiße Teller wurde zum Luxusobjekt

Das Geschirr von Hering Berlin wird in der ostdeutschen Porzellanmanufaktur Reichenbach angefertigt.

„Bevor ich vor 34 Jahren damit begann, wurde so etwas ausschließlich im dekorativen Bereich verwendet”, erklärt Hering. Gemeinsam mit den Reichenbachern hat sie eine porenfreie Hartporzellanmasse entwickelt, deren Oberfläche mit Diamantwerkzeugen so geschliffen wird, dass sie samtweich und pflegeleicht ist – mit einer Haptik wie Marmor, fast als wäre sie imprägniert. Mit ihrem unglasierten Teller, so Hering, sei sie zunächst auf erhebliche Vorbehalte gestoßen. Einer der hartnäckigsten Skeptiker damals: Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt, seinerzeit Küchenchef der Schwarzwaldstube. Erst als sie die Teller vor seinen Augen in Rotwein einweichen ließ und sie strahlend weiß wieder herauskamen, habe er seine Meinung geändert.

Für jene, die Kochen als Kunstform begreifen, ist Porzellan nicht nur ein Gebrauchsgegenstand; oft gleicht seine Wahl einem Glaubensbekenntnis. Und in der Hering-Gefolgschaft finden sich bisweilen besonders eifrige Missionare. Manche sprechen gar von einer Tischkultur vor und nach Hering. Weiße Teller? Das schien damals im Zeitalter dekorativer Üppigkeit kaum vorstellbar. „Ich weiß noch, ein Journalist schrieb: Wie kann man nur meinen, wieder mit einem runden, weißen Teller an den Start gehen zu können?”, erinnert sich Hering. Der runde, weiße Teller – für viele war er das Sinnbild bürgerlicher Behaglichkeit, ein Relikt aus Großmutters Zeiten, so überholt wie Häkeldeckchen und Spitzengardinen. „Aber ich wusste: Genau diesen Teller braucht es”, sagt Hering.

Sterneköche setzen auf Herings Porzellan

Stefanie Hering ist nicht nur die kreative Kraft hinter ihrer Marke, sondern auch ihre wirksamste Werbefigur.

Als Erster servierte Michael Hoffmann im Berliner Margaux auf Herings Porzellan, es folgten Johannes King, Thomas Bühner, Heinz Winkler. In Spanien entdeckte Santi Santamaria ihre Stücke, in den USA Charlie Trotter und Thomas Keller. Allesamt die Größten ihres Fachs. Was man sich etwa so vorstellen muss, als würde eine Hollywood-A-Ligistin bei den Oscars im Kleid eines bis dahin unbekannten Designers über den roten Teppich gehen: Am nächsten Morgen wäre sein Name weltweit bekannt. So muss es sich für Hering angefühlt haben. Sie war plötzlich in den führenden Restaurants der Welt vertreten. Und ihr weißer Teller: Avantgarde.

Heute steht Hering Berlin längst für mehr als Geschirr: Zur Markenwelt zählen Glaswaren, Lampen, Vasen und sogenannte Collectables. Die Preisrange reicht dabei bis knapp 140.000 Euro, wie etwa für den „Raydance 5”, einen Kronleuchter aus mundgeblasenen Glaskörpern. Hinzu kommen nach Kundenwunsch gefertigte Einzelstücke, die zu einem eigenen Geschäftsfeld geworden sind. Hering-Porzellan findet sich als Sonderanfertigung in Privatgemächern, Jets und Yachten der internationalen Geldelite.

Hering als wirksamste Werbefigur ihrer Marke

Herings wasserstoffblonder Wuschelkopf und ihr schwäbischer Singsang, der ihr auch nach vielen Jahren in Berlin geblieben ist, sind im internationalen Luxussegment zum Synonym für deutsches Design geworden. Noch nicht in jener ikonischen Eindeutigkeit wie Karl Lagerfelds streng gebundener weißer Zopf, die schwarze Sonnenbrille und seine rasende Sprache. Doch wie der legendäre Modeschöpfer hat auch die Porzellandesignerin erreicht, was im Geschäftsleben selten ist: Sie ist nicht nur die kreative Kraft hinter ihrer Marke, sondern auch ihre wirksamste Werbefigur. Es gibt nur wenige Momente in ihrem Leben, in denen Hering einfach mal privat ist und nicht das Gesicht und die Stimme ihres Unternehmens. 

Essen gehen? Unerkannt: keine Chance. Und spätestens wenn ihr Porzellan mit abgeschlagenen Ecken weiter im Service geführt wird, ist der Restaurantbesuch gelaufen. Urlaub? Sie könne sich an keine Reise erinnern, die nicht am Ende in eine Akquise-Tour umkippte. Vielleicht klappt es ja dieses Jahr. Sie und ihr Partner haben extra Griechenland gebucht, wo es, so unglaubwürdig es klingt, unter Spitzengastronomen und -hoteliers ihres Wissens bislang noch keine Abnehmer ihres Geschirrs gibt. Doch wer Hering kennt, weiß: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich das bis zum Ende des Urlaubs geändert hat. Und solange niemand auf die Idee kommt, ihren Namen auf die Akropolis zu projizieren, dürfte das auch im Sinne der Marke sein.