Wer ist Pieter Mulier?

Es war eine Überraschung: Als neuen Creative Director von Versace hatten wohl nur Kenner Pieter Mulier auf dem Zettel. Jetzt soll er die Marke retten – und es könnte der größte Coup der Modewelt werden.
Text Benjamin Schiffer
Kein Schmuck, keine Accessoires: Bei Pieter Muliers letzter Show für Alaïa stand der Schnitt im Vordergrund.

März 2026. Paris. Die letzte Alaïa-Show von Pieter Mulier beginnt, und es fehlt etwas. Oder besser: fast alles. Keine Taschen. Kein Schmuck. Keine Accessoires. Nur Kleider, nur Körper, nur Schnitt. In der ersten Reihe sitzen die Designer Raf Simons und Matthieu Blazy sowie die Journalistin Anna Wintour. Diese Menschen kommen nicht, wenn jemand einfach nur gut ist. Mulier verbeugt sich zu stehender Ovation. Das Atelier tritt auf den Laufsteg. „Ich fühle mich leer und glücklich zugleich”, sagt er danach. 

Pieter Mulier inszeniert sich selbst nicht

Im Archiv von Versace der Achtziger könnte Mulier seinen kreativen Ausgangspunkt finden.

Drei Wochen später gibt die Prada Group bekannt: Pieter Mulier wird neuer Creative Director der Marke Versace und übernimmt damit eine der lautesten Brands der Gruppe. Mulier selbst ist ein Leisetreter: kein eigener Instagram-Account, keine Statements, kein Krach. Und doch ist Pieter Mulier seit zwei Jahrzehnten eine der einflussreichsten Figuren der Modewelt – außerhalb kennt ihn kaum jemand. Mulier, der unsichtbare Mann. Sein Auftritt ist konform: meist in einem weißen T-Shirt und Jeans, mit einem Lächeln, das denjenigen, die ihn nicht kennen, im Gedächtnis bleibt. Und nun Versace. Erste Reihe, Rampenlicht. Eine Marke, die für den Exzess steht, für das Spektakel. Der stille Belgier und die laute Medusa.

Versace war einmal das Haus der Ikonen. Naomi Campbell, Cindy Crawford, Claudia Schiffer – sie machten Giannis Laufsteg zur Bühne der Welt. Nach seinem Tod 1997 führte seine Schwester Donatella Versace das Haus fast drei Jahrzehnte weiter – mit Leidenschaft, mit Lautstärke, mit einer Unbedingtheit, die oft brillant war. Ihr bekanntester Moment: Jennifer Lopez im Dschungelkleid bei den Grammys 2000 – die Suchanfragen danach sollen Google dazu gebracht haben, die Bildersuche zu erfinden. 2018 übernimmt Capri Holdings – das amerikanische Konglomerat hinter Michael Kors und Jimmy Choo – Versace für 2,1 Milliarden Dollar. Der Plan ist Wachstum. Was folgt, ist das Gegenteil. Zu aggressive Preiserhöhungen, zu viele Outlets, zu viel Logo auf zu wenig Substanz. Der Umsatz sinkt, die Markenwahrnehmung leidet. 

Seit 2025 gehört Versace zur Prada Group

2025 verkauft Capri Holdings Versace für 1,25 Milliarden Euro an die Prada Group – rund 40 Prozent unter dem eigenen Einstiegspreis. Dario Vitale, zuvor Design-Direktor bei Miu Miu und erster externer Designer nach Donatella, zeigt eine einzige Kollektion und ist bereits wieder weg. Vitale scheitert nicht an der Arbeit – seine Kollektion wird von Händlern gut aufgenommen. Er hat schlicht keine Rückendeckung: berufen, bevor die Übernahme abgeschlossen ist, sitzt er zwischen zwei Eigentümern ohne echtes Mandat. Jetzt also Mulier.

Mulier, 1976 geboren, wächst in Belgien auf, in den Werkstätten seines Großvaters – einem Hemdenmacher, der ihm beibringt, dass ein Kleid gebaut wird, Stück für Stück, mit den Händen. Später studiert er Architektur am Institut Saint-Luc in Brüssel. Bis Raf Simons in seiner Abschlussjury sitzt, die Arbeit betrachtet und ihm sagt: Er glaube nicht, dass er für die Architektur gemacht sei. Er glaube, er sei Modedesigner. Es folgen zwanzig Jahre an Rafs Seite. Jil Sander. Dior. Calvin Klein. Mulier formt Kollektionen, baut Marken mit auf – ohne sich je selbst nach vorne zu drängen. Nach dem Abgang bei Calvin Klein kommt ein Burn-out. Mulier zieht zurück nach Antwerpen und denkt ernsthaft daran, den Modekosmos zu verlassen. Vielleicht Architektur. Vielleicht Möbeldesign. Dann ruft Alaïa an.

Wie passt Muliers Minimalismus zu Versace?

Was Mulier bei Alaïa leistet, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Er verdoppelt den Umsatz des Hauses in fünf Jahren. Und er entwirft fast am Fließband ikonische Stücke: Mesh-Ballerinas – flache Schuhe aus Netzgewebe, die sofort zum Kultprodukt werden –, die Teckel-Tasche, benannt nach dem Dackel, mit ihrem langen schmalen Körper unverkennbar. Jedes dieser Stücke folgt derselben Logik: Form vor Ornament, Struktur vor Effekt, der Körper als Grundriss. Bei Alaïa zeigt Mulier, was er kann. Aber Versaces Erbe spricht eine völlig andere Sprache. Was bedeutet es, wenn ein Mann, der alles weglässt, zu einer Marke wechselt, die noch nie genug hatte?

Glenn Sestig, belgischer Architekt, hat Muliers Penthouse in Antwerpen gestaltet und kennt ihn seit Jahren. Er vermutet, dass Mulier bei Versace an die Achtziger anknüpfen wird. An Gianni. Mulier selbst sagt dazu nichts. Interessant ist: Gianni Versace und Azzedine Alaïa waren Freunde, Zeitgenossen, beide Verehrer des weiblichen Körpers – mit völlig verschiedenen Mitteln. Alaïa baute den Körper. Versace inszenierte ihn. Die Frage ist wohl nicht, ob Mulier den neuen Job kann. Die Frage ist, ob er die Zeit bekommt, es zu zeigen. Am 1. Juli tritt er seine neue Position an. In der offiziellen Bekanntgabe kommt er nicht zu Wort. Man könnte das als Arroganz lesen. Wahrscheinlicher ist es Konzentration – er hat sich bei Alaïa ein Jahr genommen, um zuzuhören, bevor er das erste Kleid entwarf. Anfang 2027 wird man viele Antworten erhalten, denn dann kommt Muliers erste Versace-Kollektion. Und der Unsichtbare tritt ins Rampenlicht.