Norton kehrt auf die Straße zurück

Der außergewöhnliche Klang weckt im Herzen Englands alte Geister und zaubert ein Lächeln auf die Lippen der Wissenden. Kein Motor hat diese charakteristische Melodie – rau, ungeschliffen, scheinbar ungebändigt. Es ist aber nicht der Ausdruck einer ungezügelten Raserei, eher einer kontrollierten Explosion. Es gibt einen Ausspruch aus einer Zeit, als eine Norton auf den Straßen keine Exotin war, sondern die logische Konsequenz aus Innovation und Geschwindigkeit – ein Porsche auf zwei Rädern. Dieser Spruch lautet: „Es gibt nur einen Ton, den Nor-Ton.” Das war einmal. Oder: Ist vielleicht ganz bald wieder. Denn unweit von Birmingham, in Solihull, steht die neue Norton Manufaktur. Und das, was nun durch die einstige Geburtsstätte von Norton Motorcycles fährt, sind die ersten Prototypen der neuen Norton Manx R. Geschichte wiederholt sich immer. Auch Norton musste sich dieser Gesetzmäßigkeit bisher unterordnen. Im Jahr 1898 von James Lansdowne Norton als Hersteller von Fahrradteilen in Birmingham gegründet – vier Jahre später folgten die ersten Motorräder –, sind Licht und Schatten seither beständige Beifahrer. Die Norton-Historie ist eine Geschichte von Insolvenzen, Verkäufen, ikonischen Siegen, einzigartigen Innovationen – und alles wieder von vorne.
High-Performance-Motorrad für die Straße

Die ursprüngliche Norton Manx von 1947 hat bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man, dem bis heute härtesten Motorradrennen der Welt, nahezu alles gewonnen. Die Kultur der Cafe Racer, die bis heute weltweit gelebt wird, fußt auf dem Hersteller aus Birmingham. Die Norton Commando aus den späten 1960er-Jahren war der Liebling der zweiradbegeisterten Hollywoodstars und Ausdruck einer neuen Freiheit auf zwei Reifen. Mehr Understatement als Harley-Davidson, mehr Klasse. Eine Klasse für sich. Alles Geschichte. „Es ist gut, dass wir diese Heritage haben, aber unsere DNA ist eine andere”, sagt Simon Skinner, Head of Design.
Er muss es wissen, er war bereits beim vorherigen Eigner in führender Position und hat insgesamt 17 Jahre Norton hinter sich. Und wie lautet dieser genetische Code? „Design. Dynamik. Details. Wir nennen es die Norton-Ness.” Was nach einem Satz aus dem Positionierungspapier der Marketingabteilung klingt, hat im Prozess drei Jahre vom ersten Strich bis zum Prototyp gedauert. Skinner und sein Team haben in dieser Zeit ein Motorrad entwickelt, das nicht „neu”, sondern „modern” sein will. Mit der linken Hand klopft Skinner beiläufig auf das Heck des Fahrzeugs, das im Designstudio steht. „Dieses Heck mit den Lamellen war in wenigen Augenblicken fertig und wurde nicht mehr verändert. Es war auf Anhieb perfekt. Ich liebe es”, sagt er. Skinners Schritte sind groß und schnell. Vom Designstudio im hinteren Teil der Halle ist er schnell an den Produktionsstationen, an denen die neue Norton Manx R Stück für Stück und Teil für Teil entsteht. Sein Designkonzept: ein High-Performance-Straßenmotorrad, 209 PS stark, eher Luxusgut als Rennstrecken-Bolide.
Norton verfolgt eine neue Designstrategie

Die Maschine, die an jeder der zehn Stationen mehr wie ein Motorrad aussieht, ist kein Retro-Bike, kein Schritt zurück. Es ist kompromisslos, zeitlos und nach vorne gedacht. Der 1200-Kubik-Motor wird in einem unglaublich schlanken Rahmen verbaut und gibt der Manx R so eine optische Leichtigkeit und Eleganz. Unter der Leitung von Skinner entstand eine klar definierte neue Designstrategie für Norton – das Prinzip der Reduktivität. Es ist die Überzeugung, dass wahre Modernität in der radikalen Vereinfachung liegt. Die Manx R Signature-Exemplare kosten je 43.750 Euro. Der Preis liegt deutlich über dem der meisten Konkurrenten in dieser Leistungsklasse. Derzeit entstehen in der Manufaktur nur acht Fahrzeuge am Tag. Alles noch Vorproduktion und Testläufe. Wenn das Team mit dem Material eingespielt ist, sollen 24 Exemplare am Tag das Werk verlassen.
100 Millionen Euro hat sich die indische TVS Motor Company die Produktionsstätte in Solihull kosten lassen. Schon im April 2020 übernahm man für 18,3 Millionen Euro die Marke und eröffnete bereits im November 2021 das Werk. TVS ist einer der größten Zweiradhersteller der Welt – das Produktionsvolumen beträgt sechs Millionen Motorräder und Roller jedes Jahr. Die Frage, ob der Einstieg von TVS ein weiterer tragischer Ausverkauf einer englischen Traditionsmarke ist, ist müßig. Der letzte Eigentümer, der britische Unternehmer Stuart Garner, lenkte die Geschicke der Marke von 2008 bis in die Insolvenz im Jahr 2020. Es gab keine Chance mehr, auf die eigenen Reifen, Verzeihung, Beine zu kommen. Was TVS nun mitbringt, sind ein Innovationsvorsprung und eine Menge Synergien – für die Marke Norton eine einmalige Chance.
Richard Arnold wurde eher zufällig CEO

„Wir können auf den gesamten TVS-Kosmos zugreifen, sind aber als Marke eigenständig”, sagt Richard Arnold. Der Norton-Chef sitzt in seinem Büro im Londoner Stadtteil Marylebone, zweieinhalb Autostunden vom Werk in Solihull entfernt, und nippt an einem Ingwer-Shot. Ein paar Fotobücher über historische Motorradrennen liegen auf dem Schreibtisch, ein Helm auf der Fensterbank und nichts Persönliches. Dieses Büro verrät: Viel Zeit verbringt der Mann nicht hier – auch heute nicht. In drei Stunden beginnt das Boarding für seinen Flug nach Indien, ein wichtiges Meeting steht an. Arnold ist der Typ Mensch, dem der Executive Director Arnold gerne eine Norton verkaufen möchte. Sein Blick ist hellwach, sein Lächeln smart, er blickt auf seine Rolex Submariner und streicht sich mit der flachen Hand entspannt über seinen Siebentagebart. Er wirkt nicht getrieben, ganz im Gegenteil. Eher verkörpert er die Ruhe im Sturm.
„Seit meinem vierten Lebensjahr sitze ich auf Motorrädern”, sagt er mit einem breiten britischen Akzent. In seinem Wohnzimmer, so erzählt Arnold, parkt schon lange eine alte Norton und zu dem Job, ja, zu dem kam er eher zufällig: „Ich bekam mit, dass Norton wieder einen Eigentümerwechsel hat, und ich wollte frühzeitig ein Motorrad für mich reservieren. Als ich sah, was TVS mit Norton plant, und so mit dem Management ins Gespräch kam, wollte ich ein Teil dieser Geschichte werden.” Das war vor drei Jahren. Arnold war da noch CEO von Manchester United. Er ist in England kein Unbekannter. Innerhalb von 16 Jahren hat er den Marktwert des Fußballklubs von 915 Millionen auf 4,9 Milliarden Euro gesteigert. Fußball und Motorrad, da ist sich Arnold sicher, sind sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick scheinen mag: „Wir verkaufen keinen Küchenmixer oder Haartrockner, wir verkaufen etwas hoch Emotionales. Das ist beim Fußball nicht anders. Es geht um Leidenschaft, Treue und um eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten.”
200 Showrooms sollen weltweit eröffnen

Immer wieder fällt auch der Begriff Luxus. Der Luxus, mit Freunden ein gemeinsames Erlebnis zu teilen. Der Luxus, einen raren Gegenstand zu besitzen. Und der Luxus, auf einem Motorrad immer im Moment zu sein. „Alles buhlt um unsere Aufmerksamkeit. Ein Motorrad ist ein Gegenentwurf dazu. Mal nicht erreichbar sein, sich auf das konzentrieren, was man gerade im Augenblick macht: Motorrad fahren. Im Jetzt leben, ein echter Luxus.” Aber auch Arnold ist sich bewusst, dass ein Motorrad dieser Preisklasse kein reines Fortbewegungsmittel ist. „Es ist schade, aber es werden bestimmt einige Manx R in Sammlungen verschwinden – dann sehen und hören wir sie weniger auf der Straße”, sagt er und lächelt breit, als hätte seine Lieblingsmannschaft gerade ein Tor geschossen.
Noch in diesem Jahr sollen 200 Showrooms in Großbritannien, den USA, Indien und Europa eröffnen – den Kernmärkten. Klar wird: Norton sieht sich im Verhältnis zu anderen wie Harley-Davidson, Ducati, Honda, Triumph oder BMW nicht als Marke für Rebellen oder Technikverliebte, sondern bei den Kreativen und Individualisten positioniert – Apple für die Straße. Ein Elektrotaxi hält vor dem Büro. Arnold blickt aus dem Fenster, es ist seine Fahrt zum Flughafen.
Elektroantrieb für zukünftige Modelle denkbar

„Elektro ist wichtig für die Mobilität”, sagt er. Auch für eine Norton denkbar? „Ja, zukünftig, warum nicht? Ich bin der Überzeugung, dass unsere DNA nicht an einem Verbrennungsmotor hängt. Möglicherweise ist ein Elektroantrieb vorerst nichts für die Manx R, aber für andere Einsatzgebiete eignen sich eben auch andere Antriebsarten.” Dass man so weitreichende Modellkonzepte schmiedet, zeigt: Über den Neuaufbau von Norton hat man sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht, über das, was geht, und das, was nicht geht. Vertrieb und Marketing, Tracking und Research – Norton ist keine Bastelbude oder Liebhaberei eines Nostalgikers wie einst, es ist womöglich zum ersten Mal in seiner fast 130-jährigen Geschichte ein richtiges Unternehmen und keine Unternehmung.
Start-up-Mentalität. Es ist diese seltsame Wortkonstruktion, die einem in Solihull einfällt, wenn man durch die automatische Glasschiebetür das Foyer betritt. Dem in Weiß gehaltenen Empfangsbereich nach könnte man überall sein, doch die großformatigen Motorradbilder und die historischen Fahrzeuge verraten den Ort. Ein paar Holzkisten mit frischem Obst stehen am Eingang für jedermann, offene Arbeitsplätze im Managementbereich, eine Vielzahl junger Menschen mit einem Laptop unter dem Arm wuseln durch die Räumlichkeiten – auch eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Norton wird zum Marktstart vier Fahrzeugtypen präsentieren, aber hier in Solihull wird nur die Manx R gefertigt – das Spitzenmodell. Nicht alle Teile stammen von hier – oder gar aus England. Der Motor kommt aus Indien, die Bremsen aus Italien, der Rahmen aus England, Teile der Elektrik aus Deutschland. „Es kommen die besten Komponenten aus aller Welt hier zusammen und wir lassen daraus die Manx R entstehen”, sagt Simon Skinner.
Die meiste Arbeitszeit floss in die Akustik
Eine Vielzahl von Tests waren bis zu diesem Punkt nötig – zweihunderttausend Kilometer, ein Ausreizen der Grenzbereiche, Mensch und Maschine am Limit. „Für die Zulassung hatten wir am Ende am meisten mit der Akustik zu kämpfen. Es war nicht direkt die Lautstärke, eher die Frequenz. Mehr als 18 Monate haben wir daran gearbeitet, einen Sound zu kreieren, der uns und die Testmikrofone überzeugte”, sagt Skinner. Bei der Entwicklung hat man noch etwas anderes berücksichtigt – die Alltagstauglichkeit. Man gab Testfahrzeuge an „normale” Fahrer aus und protokollierte das Fahrverhalten. Schnell war klar: Kaum jemand stößt je in den Drehzahlbereich vor, in dem der Motor seine volle Leistung entwickelt. Das sind Grenzbereiche für Rennfahrer. Also legten die Ingenieure das Leistungsspektrum viel tiefer an – ein neuartiges Fahrgefühl entstand.
Der erste Knall zerreißt die geschäftige Stille in der Halle. Der zweite Kolben schießt nach oben. Ansaugen. Verdichten. Zünden. Ausstoßen. Da ist der Klang, der Norton berühmt gemacht hat. Unverkennbar. Am Ende der gut 7000 Quadratmeter großen Halle, nahe am Werkstor 1, hat ein Mechaniker den Motor einer Manx R gestartet. Letzte Abstimmungen, ein letzter Test. Man kann hören, wie die Drehzahl nach oben schießt, während der Klangteppich sich in Richtung Birmingham entfernt. Die Geschichte wiederholt sich – doch dieses Mal scheint Norton sie fortzuschreiben.
