Der Traum von der Riviera

Manche Träume sind flüchtig und wiederum andere hat man so klar vor Augen, dass man sie am nächsten Morgen detailgetreu wiedergeben kann. Der kollektive Traum von Saint Tropez sieht meist so aus: Ein verschlafenes Fischerdorf mit schmalen Gassen, pastellfarbenen Häusern und einem Hafen, in dem alte Segelboote gemächlich hin- und herschaukeln. Wahrscheinlich taucht darin auch Brigitte Bardot auf, die mit ihrem Mini Moke und wehenden Haaren die Route des Plages entlangfährt. Man könnte meinen, diese Idylle sei längst der Realität gewichen: Den Beachclubs, den Luxusboutiquen und den Superyachten, die in den Sommermonaten vor der Küste ankern. Doch die unbeschwerte Leichtigkeit der französischen Riviera existiert noch – man muss sie nur finden.
Gäste sollen sich nicht wie im Hotel fühlen

Nur wenige Minuten vom Place des Lices entfernt, verbirgt sich ein Ort, der genau diese Illusion aufrechterhält: das Arev Hotel. Schon der Name spielt mit der Sehnsucht, denn Arev erinnert an das französische Wort für Traum („rêve”). Gleichzeitig bedeutet es auf Armenisch, der Muttersprache des Eigentümers, Sonne. Ein Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Anwesen zieht: Es ziert Bademäntel und Handtücher und findet sich in den Keramikobjekten wieder, die eine Töpferin aus dem benachbarten Bergdorf Ramatuelle eigens für das Hotel angefertigt hat. Wer in den Pool eintaucht, entdeckt das Sonnenmotiv sogar auf dem gefliesten Boden, oberhalb des verheißungsvollen Schriftzuges „A Rêve in the Sun“.
Das Anwesen ist als „Dorf im Dorf“ konzipiert: Sechs Gebäude im neo-provenzalischen Stil verteilen sich in einem Garten aus Oliven- und Zitronenbäumen. Klassische Canal-Ziegel, gelbe Kalkputzfassaden und blaue Fensterläden greifen die traditionelle Architektur der Region auf. Damit sich Gäste nicht wie in einem Hotel, sondern wie bei Freunden fühlen, beauftragte man den spanischen Designer Luis Bustamante, der bis dahin nur Privatvillen gestaltet hat. „Die überschaubare Größe und die Aufteilung waren ein großer Vorteil, um diese private Atmosphäre überhaupt erst zu schaffen“, erklärt der Architekt. „Die Häuser haben nur zwei Etagen und sind von Gärten umgeben. Der Pool in der Mitte trägt ganz natürlich dazu bei, ein Gefühl von Intimität und Geborgenheit zu vermitteln.“
Alle 35 Suiten sind individuell gestaltet

Im Inneren verweigert sich das Arev ebenfalls gängigen Hoteltrends. Statt auf die Zurückhaltung des „Quiet Luxury“-Designs zu setzen, feiert es einen exzentrischen Maximalismus. Keine der 35 Suiten gleicht der anderen. Geeint werden sie durch ein markantes Farbschema aus Rot, Blau und Weiß – eine Referenz an die Sonnenschirme der Riviera. Gestreifte Tapeten treffen in den Räumen auf verspielte Toile-de-Jouy-Drucke. Bustamante vertritt eine klare Meinung: „Dass Hotels völlig generisch wirken, ist ein Problem großer Ketten – kurioserweise wird genau diese Austauschbarkeit oft als Qualitätsmerkmal verkauft. Man erwartet, dass sich eine Marke in Tokio genauso anfühlt wie in Paris. In Wahrheit erleben wir durch diese Globalisierung eine kreative Rezession.“
Stattdessen setzt das Arev auf den Charme der 1960er-Jahre. Auf den Zimmern liegen Bildbände von Helmut Newton neben gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien jener Zeit. Helles Holz und nautische Elemente zitieren die Welt des Segelsports und im Weinkeller versammelt man sich um einen Tisch aus Bootsholz, der über Nassau seinen Weg nach Frankreich fand. Kulinarisch knüpft das Hotel ebenfalls an das goldene Zeitalter an. Das Restaurant „The Strand“ lässt einen legendären Treffpunkt von Saint Tropez wieder aufleben und die „Q's Bar” ist nach dem besten Freund des Besitzers benannt. Abends lassen sich Gäste unter den Lichterketten des Place des Oliviers nieder, der die Atmosphäre eines südfranzösischen Dorfplatzes einfängt.
Im September kehrt in Saint Tropez Ruhe ein
Seine wahre Magie entfaltet der Ort ohnehin erst nach der Hauptsaison. Wenn die Touristen im September langsam weiterziehen, beginnt in Saint Tropez der sogenannte „Milliardärsmonat“. Dann kehren all diejenigen zurück, die auf der Halbinsel Ferienhäuser besitzen und den sommerlichen Trubel lieber meiden. In den umliegenden Weingütern fängt die Weinlese an und die Motoryachten müssen den Holzbooten der jährlich stattfindenden Segelregatta weichen. Morgens sitzen die Einheimischen dann wieder bei einem Kaffee im „Clémenceau“, blättern in der Lokalzeitung Var Matin und spielen im Schatten der Platanen ungestört Pétanque. Wer im Herbst durch die schmalen Gassen schlendert, hat den Eindruck, als hätte jemand für einen kurzen Moment die Zeit zurückgedreht – oder war etwa doch nur alles ein Traum?
