Wenn ein Mercedes-Vorstand zum Chauffeur wird

In Sindelfingen bei Stuttgart steht das nächste Kapitel einer beispiellosen bundesdeutschen Erfolgsgeschichte fast beiläufig auf einem Stellplatz vor dem Center of Excellence. Die verchromten Zierleisten spiegeln die ersten Sonnenstrahlen eines kalten Februarmorgens. Ein leichter Südwind trägt das Grundrauschen der Bodenseeautobahn A81 herüber. Mercedes-Benz-Vorstandsmitglied Jörg Burzer nähert sich mit großen Schritten, öffnet die Fahrertür der neuen S-Klasse und nimmt hinter dem Steuer Platz. Also alles wie immer? Nein, nicht alles. Denn wenn Jörg Burzer beruflich auf vier Rädern unterwegs ist, sitzt er für gewöhnlich hinten rechts. Als Vorstandsmitglied bei Mercedes steht ihm der Fahrdienst und damit ein Chauffeur zur Verfügung. Burzer dreht seinen Kopf nach hinten und sagt mit einem einladenden Lächeln: „Willkommen im besten Auto der Welt, drehen wir eine Runde.”
Die neue S-Klasse liegt bei 160.000 Euro

Was Jörg Burzer, Chief Technology Officer, Entwicklung & Einkauf, in einen kurzen Satz bringt, ist über 50 Jahre gelebte Automobilgeschichte. Die S-Klasse, seit 1972 offiziell als Baureihe 116 auf dem Markt, entstand schon immer hier, in Sindelfingen, der Geburtsstätte. Sie ist Technologieträger, Projektionsfläche und ein Stück deutsches Kulturgut. Und: Womöglich jetzt wichtiger denn je. Einen Tag zuvor hat Mercedes-Benz einen massiven Gewinneinbruch für das Geschäftsjahr 2025 von knapp 49 Prozent vermelden müssen – von 10,4 Milliarden Euro Gewinn im Vorjahr runter auf 5,3 Milliarden Euro. „Für Mercedes das wichtigste Auto, auch weil es alle Werte der Marke vereint”, sagt Burzer – und lenkt das Fahrzeug, noch ein Vorserienmodell, vom Parkplatz auf die Straße.
Man fühlt sich im Fond schlagartig wie zu Hause – man muss den Impuls unterdrücken, die Schuhe auszuziehen. Das cognacfarbene, perforierte Leder fasst sich unverschämt weich an, die Materialien allesamt wertig. Vielleicht keine Überraschung, wenn man weiß, dass die S-Klasse in dieser Ausstattungsvariante preislich bei 160.000 Euro liegt. Dabei liegen viele Innovationen der neuen S-Klasse im Detail: Rund 2700 Teile sind überarbeitet oder ersetzt worden. Was bei Mercedes spielerisch Mopf, also Modellpflege heißt, ist optisch wie technologisch ein gewaltiger Sprung. Denn die S-Klasse ist für Mercedes keine existenzielle, sondern eine identitäre Frage. Was hier heute debütiert, fährt morgen in der C-Klasse. Sie ist der materialisierte Beweis, dass für Mercedes nichts weniger als das Beste gilt – ganz im Sinne von Burzers Ausspruch.
KI wird im Automobilbau immer wichtiger

Doch auch Mercedes produziert nicht im luftleeren Raum: Traditionelle Autobauer stehen unter Druck. Ein disruptiver Markt in China, ein unsicherer in den USA, regulatorisches Chaos in der EU, Zölle – die Liste ist lang. „Man sollte die deutsche Autoindustrie aber nicht so schnell abschreiben. Wir können schon was, und da meine ich nicht nur Mercedes. Wir haben sehr großen Respekt vor unseren Wettbewerbern, lassen uns aber von ihnen nicht treiben. Das ist eine Frage von Souveränität”, sagt Burzer. Er setzt den Blinker und fährt auf die Umgehungsstraße, die einmal um das Werksgelände führt. Im Fond offenbart sich bei einem Blick aus dem Fenster ein Gelände, flächenmäßig so groß wie Monaco, nur optisch weit weniger glamourös. Werkshallen, Lagerhallen, Bürokomplexe – hier arbeitet ein kräftiger Motor der deutschen Autoindustrie.
Jörg Burzer war vor seiner Rolle als Technologievorstand für Produktion und Qualität verantwortlich, alles hinter dem Fenster war einmal Teil seiner Welt. Heute ist er auch für den Bereich KI zuständig, im Automobilbau ein elementares Zukunftsthema. „Da vorne entsteht die S-Klasse”, Burzer zeigt fast beiläufig mit dem Finger auf einen gewaltigen Komplex, „das ist unsere Factory 56, im Jahr 2020 neu eröffnet, 220.000 Quadratmeter groß. Alles ist voll digitalisiert und baugruppenflexibel. EQS, Maybach und die S-Klasse auf einer Linie.” Die Factory 56 war für Mercedes-Benz der Startschuss für die weltweite Produktionsstrategie in der Transformation zur Elektromobilität. Dennoch: Die neue S-Klasse ist im Bereich der Elektrifizierung vorerst ein Hybrid. „Zum Ende des Jahrzehnts werden wir das erste Mal ein Set-up sehen, bei dem Elektro und Verbrenner auf einer Plattform stehen. Das klingt profan, ist aber hochkomplex.”
Mercedes setzt auf den chinesischen Markt

Das blinkende grüne Lenkrad-Symbol in der Instrumententafel zeigt es an: Burzer hat auf teilweise autonome Fahrt gestellt. Die S-Klasse schwimmt souverän im Verkehr mit. „Mit unserem neuen und selbst entwickelten Mercedes-Benz Operating System (MB.OS) haben wir ein Betriebssystem, das den Antriebsstrang, das autonome Fahren, Infotainment und die Karosserie- und Komfortsysteme direkt mit der Cloud verbindet. Softwareseitig ein gewaltiger Meilenstein. So etwas kann ein entscheidender Erfolgsfaktor sein – auch für den technikaffinen chinesischen Markt.” Für die Entwicklung der autonomen Systeme hat man sich Branchenführer wie NVIDIA oder Momenta als Partner geholt. Der chinesische Markt ist für Mercedes enorm wichtig. Interessant dabei: Die Käufer dort sind mit Mitte 30 ausgesprochen jung. „Für viele ist die S-Klasse ihr erstes Auto”, sagt Burzer.
Wer denkt, Software sei kein vorrangiges Kundenerlebnis, irrt. Auch im Fond spürt man, wie schnell das System auf dem großen Monitor reagiert und wie sauber es funktioniert – und dabei hat man noch nicht erlebt, wie die KI lernt oder wie reibungslos ein Call möglich ist. Und: Die neue S-Klasse ist Level-4-ready, sagte kürzlich Vorstandsvorsitzender Ola Källenius. Auch wenn gesetzliche Vorgaben die Nutzung in vielen Märkten derzeit noch unmöglich machen. „Die S-Klasse wird aber gerade in Märkten wie China mit Automatisierungsstufe 2++ an den Start gehen”, sagt Burzer. Das bedeutet eine Fahrt vom Parkplatz bis zum Ziel, bei der der Mensch aber stets in der Verantwortung bleibt und das System überwachen muss. Deshalb gilt in Deutschland noch: Hand am Lenkrad. Zumindest ein leichter Kontakt ist notwendig.
Beheizte Sitzgurte als Sicherheitsvorteil

„Auch wenn ich das Selbstfahren liebe, für den Stadtverkehr sind die Systeme ein Traum. Sollten sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern, ist das Fahrzeug für jedes Up grade vorbereitet. Das geht dann schnell über die Cloud.” Spurwechsel – Burzer hat wieder die Kontrolle übernommen und steuert die S-Klasse am hauseigenen Testcenter vorbei. „Und dahinter”, sagt er, „sitzen unsere Software-Kollegen.” Heutzutage braucht der Automobilbau nicht nur Spengler, Lackierer oder Werkzeugmacher – gefragt sind immer mehr digitale Fähigkeiten. Das war noch anders, als Burzer im Jahr 1999 in die damalige DaimlerChrysler AG eintrat. Und: Die S-Klasse war schon damals prägend für ihn. „Ich habe in der Vorentwicklung angefangen und sehr intensiv an der Baureihe 221 gearbeitet, die von 2005 bis 2013 produziert wurde. Ich war damals auf der Rohbauseite tätig, mit vielen Materialinnovationen – da hat mich die Innovationskraft unserer Marke schon sehr beeindruckt.”
Auch heute, 27 Jahre später, kann man in Sindelfingen den ungebrochenen Willen, Innovationen zu schaffen, fast greifen. „Für uns gilt bei aller Machbarkeit immer die Frage: Wie nutzt diese oder jene Entwicklung dem Kunden?” Und manchmal erschließt sich der Nutzen nicht auf den ersten Blick. Wie beispielsweise bei den neuen Gurtwärmern in der S-Klasse für Fahrer und Beifahrer. Auf Knopfdruck lassen sich die Sicherheitsgurte auf 44 Grad Celsius erwärmen. Was nach einer Spielerei oder vielleicht einem Innovationsfetisch klingt, ist ein massiver Sicherheitsvorteil. Denn klar ist: Wer zusätzlich mit der Sitzheizung einen warmen Platz in seinem Fahrzeug erwarten kann, zieht im Winter die dicke Jacke aus – bei einem Unfall kann das Leben retten.
Per Knopfdruck auf Liegeposition
Die Ampel springt von Rot auf Grün, Burzer beschleunigt und nutzt den Abbieger zum Wenden. Es ist beachtlich, wie eng ein 5,29 Meter langes Fahrzeug um die Ecke gleitet – der Wendekreis ist ungewöhnlich klein. Das liegt an der aktiven Hinterachslenkung, die bis zu zehn Grad einschlägt. Eine Innovation, die Daimler bereits 1907 in einem Fahrzeug realisierte. „Souverän eben”, sagt Burzer und lächelt. Souverän – da ist wieder dieses Wort. Was bedeutet es für ihn? „Ich mag das Wort im Zusammenhang mit Mercedes. Souveränität spiegelt gut die Balance von Kompetenz, Selbstvertrauen, Erfahrung und Understatement wider.”
Als Beifahrer ist man in der neuen S-Klasse nur einen Knopfdruck und einige Sekunden von einer Liegeposition entfernt. Leise schieben die Elektromotoren den Sitz in die Horizontale. Perfekt. Oder anders: genau so, wie man es von einer S-Klasse erwartet. Ist Perfektion manchmal ein Hindernis? „Nun”, sagt Burzer, „da muss man aufpassen, dass man Mut zur Innovation hat, die am Ende in Perfektion mündet. Und in diesem Prozess ist es wichtig, dass Perfektion die Innovation nicht verhindert.” In der Liegeposition – Achtung, ein schiefes Bild – fühlt man sich überaus erhaben.
Prominente schätzen die Limousine
Schon immer war die S-Klasse ein Vehikel der Prominenten und Mächtigen: Muhammad Ali, John Lennon, David Bowie, Madonna, Helmut Kohl oder Roger Federer. Bei der Weltpremiere Ende Januar in Stuttgart hat Mercedes mit einem klassischen Orchester und einer digitalen Installation diese Menschen sogar wieder ihrem jeweiligen Modell zugeführt – Kunst trifft Können. Und Burzer weiß auch, wen er gerne in der neuen S-Klasse sehen möchte. „Ich bin seit jeher ein großer Tennisfan. Daher wünsche ich mir weiterhin Roger Federer in unserer S-Klasse.” Nach einer etwa 20-minütigen Fahrt um die Geburtsstätte der S-Klasse bringt Jörg Burzer den Wagen wieder auf dem Parkplatz vor dem Center of Excellence zum Stehen. Beide, S-Klasse und Burzer, sind ausgezeichnet gefahren. Man möchte sagen: souverän.
