Wenn der Bass verstummt: Zu Besuch im Bodrum Edition

Es gibt viele Dinge, die einem zu Ian Schrager einfallen. Breathwork gehört nicht dazu. In den 1970er-Jahren eröffnete der US-Amerikaner das sagenumwobene Studio 54 in New York. Mit seinen fliegenden Bühnenbildern und den ausschweifenden Partys bot der Nachtclub eine willkommene Flucht aus der Realität. Bianca Jagger ritt hier auf einem Pferd über die Tanzfläche und Valentino Garavani trat als Zirkusdirektor auf. Nachdem in seinem Club endgültig das Licht ausging, wechselte Ian Schrager die Branche. Mit der Vision, anonymen Hotelketten eine neue Art von Unterkunft entgegenzusetzen, investierte er in sein erstes Hotel. Es sollte individuell gestaltet sein und nur eine kleine Zielgruppe ansprechen. Die öffentlichen Räume machte er zu einem sozialen Treffpunkt – und gilt heute als Erfinder des Boutiquehotels.
Bodrum hat sich zum Luxusziel entwickelt

Dass ausgerechnet dieser Mann zwanzig Jahre später mit dem größten Hotelkonzern der Welt kooperierte, entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie. Doch mit den Edition-Hotels bewies der Unternehmer, dass sein Konzept global skalieren kann. Die Marke, die er gemeinsam mit Marriott entwickelt hat, ist inzwischen an 21 Standorten vertreten. Ob in Dubai, New York oder Shanghai, trägt jedes Haus die unverkennbare Handschrift des Hoteliers. Betritt man eines davon, findet man sich in einer strahlend weißen Lobby wieder, durch die der charakteristische Duft von Bergamotte und schwarzem Tee strömt, den Ian Schrager bei Le Labo in Auftrag gegeben hat.
Bei der Wahl der Standorte verfolgt er ebenfalls eine klare Strategie. Neben Metropolen in Asien, Europa und den USA sucht der 79-Jährige Reiseziele, die die kreative und finanzielle Elite anziehen. Genau so einen Ort fand er in Bodrum. Das ehemalige Fischerdorf liegt an der türkischen Riviera und wurde durch den Schriftsteller Cevat Şakir bekannt. Wo früher Intellektuelle und Künstler aus Istanbul Zuflucht fanden, ankern heute Superyachten. Schauspieler und Supermodels schätzen die Privatsphäre, die durch die besondere Topographie entsteht: Statt um einen langen Küstenabschnitt, handelt es sich bei Bodrum um eine zerklüftete Halbinsel mit vielen versteckten Buchten, die vom Land kaum einsehbar sind.
Die Zimmer und Suiten blicken auf die Ägäis

Einen ähnlichen Rückzug bietet The Bodrum Edition durch seine terrassenförmig angelegte Architektur. Das Hotel setzt sich aus mehreren kubistischen Gebäuden zusammen, die über einen Hang verteilt sind und sich zur Yalıkavak-Bucht hin öffnen. Mit schlichten Eichenholzmöbeln, cremefarbenen Textilien und weißen Marmorbädern ist das Design der 110 Zimmer und Suiten radikal reduziert. Alles lenkt den Blick nach draußen, wo die glitzernde Ägäis von Olivenbäumen und Bougainvilleen eingerahmt wird. Gäste sonnen sich am Privatstrand, dessen feinkörniger Sand eigens importiert wurde, oder verbringen den Tag in einer der Cabanas, die entlang des Bootsstegs errichtet worden sind.
Beim Frühstück am nächsten Morgen kann man eine Türkin beobachten, die auf traditionellen Steinplatten Gözleme zubereitet. Die dünnen Fladenbrote werden mit Spinat und Schafskäse gefüllt und gemeinsam mit Çılbır, einer türkischen Eierspeise, serviert. Abends hat man die Wahl zwischen mehreren Restaurants: Während das DAHA Mehmet Akdağ die anatolische Küche neu interpretiert, werden in der Trattoria von Stefano Ciotti italienische Klassiker serviert. Herzstück ist das Kitchen, wo Sternekoch Osman Sezener Fisch und Meeresfrüchte auf den Teller bringt.
Doch selbst Hedonisten wie Ian Schrager müssen sich irgendwann dem Diktat der Selbstoptimierung beugen. So präsentiert das Bodrum Edition in diesem Sommer ein neues Wellness-Angebot, das auf Langlebigkeit abzielt. Auf einer Terrasse mit Meerblick finden täglich Yogakurse statt und bei Breathwork-Sessions lernen Teilnehmende, ihr Nervensystem durch spezielle Atemtechniken zu regulieren. Nach dem Personal-Training stehen Gästen Eisbecken und Infrarotkabinen zur Verfügung, die die Durchblutung fördern sollen. Die größte Pointe wartet jedoch im Untergeschoss: Der Nachtclub –den es in jedem Edition-Hotel gibt– wurde vor kurzem zu einem Cycling-Studio umfunktioniert.
