Mit einem 35-Millionen-Mercedes bei der Mille Miglia

Keine Oldtimer-Rallye fasziniert so wie die Mille Miglia. Auf 2000 Kilometern geht es für Mensch und Maschine am Limit durch die schönsten Landstriche Italiens. Unser Autor hat die Fahrt in einem 74 Jahre alten Mercedes 300 SL erlebt.
Text Philipp Jessen
Die letzte Etappe der Mille Miglia führt durch enge Gassen und Dörfer.

Mein Schwiegervater war ein cooler Typ. Er wurde in einem Dorf in Apulien, im Südosten Italiens, geboren. Er fuhr als junger Mann zur See. Irgendwann lief sein Schiff den Hamburger Hafen an. Ein paar Tage später legte es ohne ihn wieder ab. Denn »Lello« hatte beim Landgang kurzerhand beschlossen, dass Hamburg sehr schön sei, er bleiben und ein Restaurant eröffnen wolle. Wenige Jahre später ging Hamburgs »bel mondo« bei dem Jungen aus dem kleinen Dorf in Apulien und dem Ristorante Bologna ein und aus. Wolfgang Joop war fast jeden Abend bei ihm zu Gast. Einmal hatte der Modeschöpfer seine Geldbörse daheim vergessen – er bezahlte die tägliche Party mit einem Porträt von »Lello«, gemalt mit Lippenstift auf eine Tischdecke. Es hängt noch heute in dem Restaurant Cucina d’Elisa.

Letzte Etappe führt von Rimini nach Brescia

Bezeichnet sich selbst als Anti-Autonarren: unser Autor Philipp Jessen am Steuer des Mercedes-Protoypen.

»Lello« war kein Mann der vielen Worte. Aber der einprägsamen. Über das Verhältnis zwischen Italienern und Deutschen sagte er mir einmal: »Philipp, die Deutschen lieben uns Italiener, aber sie respektieren uns nicht. Wir Italiener respektieren die Deutschen, aber wir lieben sie nicht.« An diese Worte muss ich denken, als ich mich mit 180 km/h in einem 74 Jahre alten Mercedes 300 SL von Rimini Richtung Brescia aufmache. Benvenuto, herzlich willkommen, auf der letzten Etappe der Mille Miglia 2026! 

Im Gegensatz zu vielen seiner Freunde ist der Autor dieser Zeilen kein Autonarr. Aber die Chance, an diesem legendären Rennen (die erste Mille Miglia fand 1927 statt) teilzunehmen, kann auch ich mir nicht entgehen lassen. Diebische Freude bereitet mir im Vorwege der offen ausgesprochene Frust meiner Freunde, die sich selbst ernsthaft »Petrolheads« nennen, als ich ihnen von meiner Teilnahme bei »der Mille« berichte. Mein guter Freund Ulf P., der, wenn er keine Bestseller schreibt, am liebsten Ferrari fährt, gibt mir Folgendes mit auf den Weg: »Ich kenne niemanden, der auf der Mille Miglia weniger verloren hat als du! Du fährst scheiße, hast keine Ahnung von Autos und weißt das alles überhaupt nicht zu schätzen!«

Ein Prototyp des Mercedes 300 SL

Nach professionellen Roadbookschulungen von Mercedes sollte unser Autor den richtigen Weg weisen.

Je näher der Start in Italien kommt, desto unsicherer werde ich, ob Ulf nicht gefährlich recht hat und meine Teilnahme doch keine so gute und vor allem gesunde Idee ist. Eine Rücksprache mit meiner Frau bringt mich auch nicht weiter. »Es wäre großartig, wenn du probieren könntest, nicht zu sterben«, lautet ihre einzige Aussage zu dem Thema. Das wundervolle Team von Mercedes, für das ich starten darf und das dieses Jahr unter dem Leitmotiv »140 Years of Innovation« teilnimmt, versucht mich in jedem Vorbereitungscall zu beruhigen. Erfolglos. Die Zweifel bleiben – und rauben mir buchstäblich den Schlaf.

Folgend die drei Hauptgründe meiner Insomnie: Trotz von Mercedes professionell vorbereiteter und nachsichtig durchgeführter Roadbook- und Navigationsschulung traue ich mir die Aufgabe nicht zu, irgendwem den richtigen Weg bei einem Autorennen zu weisen. Schließlich finde ich mich nicht mal in meiner Heimatstadt bei korrekter Einhaltung der Straßenverkehrsordnung zurecht. Fuhr jahrelang mit Navigationssystem ins Office – und zurück. Ohne wäre ich komplett aufgeschmissen gewesen. Und dann in einem fremden Land und bei einem Rennen soll ich die richtige Spur finden? Unmöglich!

Von diesem Mercedes gibt es nur 11 Exemplare

Auf einer Auktion würde der Prototyp des Mercedes 300 SL wohl 35 Millionen Euro einbringen.

Der Mercedes, den ich fahren soll – ein 300 SL-Prototyp von 1952, von dem nur elf Exemplare gebaut wurden und der sowohl bei der Carrera Panamericana einen Doppelsieg einfuhr als auch die Mille Miglia gewann–, ist ein historisches Meisterwerk. Er würde wohl auf einer Auktion mehr als 35 Millionen Euro bringen. Doch ein Verkauf ist unwahrscheinlich, denn solche Fahrzeuge sind die Markenbotschafter einer lebendigen Geschichte. Sie sind schlicht zu wertvoll. Diese Silberpfeile versilbert man eben nicht. Ich versuche, mich mit dem folgenden Satz (laut ausgesprochen in einem Meeting mit Mercedes) selbst zu beruhigen: »Zum Glück wird der Wagen ja bestens versichert sein!« Herzliches Gelächter auf dem Bildschirm mir gegenüber: »Ne, gar nicht. Der hat nur Haftpflicht. Wenn mit dem Wagen was passiert, sind wir die Einzigen, die ihn reparieren können. Also macht eine Versicherung keinen Sinn. Aber keine Sorge!« Keine Sorge?! Ist klar …

Das legendäre Rennen geht über 2000 Kilometer. Dauert fünf Tage. Die Fahrer müssen durch 144 Time Trials, acht Average Trials, 41 Passage Controls und 24 Time Controls. Das klingt nach stressiger Teamarbeit statt einer lockeren Ausfahrt über Land. Und das gemeinsam mit einer Person, die mir zum jetzigen Zeitpunkt noch vollkommen unbekannt ist. Was ist, wenn ich mit meinem Co-Piloten nicht in einem Raum sein mag (oder er nicht mit mir)? Geschweige denn in einer 40 Grad heißen Fahrgastzelle? Vor allem wenn ich mies navigiere und Beulen in das Auto fahre, könnte das der internen Team-Stimmung durchaus Abbruch tun. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht formuliere ich eine Absage-Mail an Mercedes. »Morgen früh schicke ich sie ab«, flüstere ich mir beruhigend zu, bevor ich meine Augen schließe. Seit Tagen schlafe ich wieder mal eine Nacht durch.

Fans jubeln den Fahrern von der Straße aus zu

Die Mille Miglia lockt Auto-Fans aus aller Welt nach Italien.

Rimini verschwindet im viel zu kleinen Rückspiegel, als ich mir selbst dafür danke, die Mail nicht abgeschickt zu haben. Vor mir liegt die Zieletappe. Der schönste Abschnitt der Mille Miglia. Denn es geht durch viele kleine Städte und Dörfer. Eine Art Victory-Lap mit vielen jubelnden Fans an der Straße. Die »Tifosi« sind neben den wunderschönen Autos die heimlichen Stars der Mille Miglia. Sie stehen entlang der Strecke und schauen und jubeln den Fahrern zu. Pure Emotion und Freude. Kein Sozialneid, kein Stress. 

Ich sehe Hunderte Familien, die sich auf Verkehrsinseln Stühle aufgebaut haben, um einen exklusiven Blick zu erhaschen. Ältere Herrschaften, die vor ihrem Häuschen an der Landstraße warten. Eine Oma mit einem Schild in der Hand, auf dem »GAS!« steht. Wir erfüllen ihr den Wunsch und drücken das Pedal bis zum Anschlag durch. Jeder, der an der Straße steht, lacht und winkt. Ich winke zurück. Jedes Mal. Hunderte Male. Ich sehe viele Kinder, die geschützt vor der Sonne im Schatten mächtiger Bäume den Autos aus der ganzen Welt mit teilweise exotischen Nummernschildern hinterherstaunen. Keines am Handy. Alle lächeln. Einige tanzen. Wir haben kleine Mercedes-Spielautos dabei. Halten ab und zu an und verteilen sie an die Kinder. Ihre Augen funkeln und strahlen wie polierte Alufelgen in der Sonne.

Alles vibriert am Steuer des W194

Unser Autor Philipp Jessen (l.) begleitet Mercedes-Heritage-CEO Marcus Breitschwerdt (r.) als Co-Pilot.

»Ich stelle mir immer vor, dass die Mille Miglia die Welt zu den Menschen und Kindern hier bringt und sie dann vielleicht dazu inspiriert werden, diese Welt für sich zu entdecken.« Dieser schöne Satz stammt von Marcus Breitschwerdt. Dessen Beifahrer und Co-Pilot ich sein darf. Marcus ist der Mercedes Heritage CEO. Aber alle hier nennen ihn nur »Il Commendatore«. Er hat gleichzeitig viel von einem CEO (blitzgescheit, rede- und weltgewandt) und gleichzeitig ganz wenig von einem CEO (uneitel, lustig, offen). Marcus ist der Hauptgrund, warum meine oben genannten drei Hauptsorgen kurz nach unserem Kennenlernen verfliegen. Meinen ersten Navigationsfehler mache ich vier Sekunden nach dem Start. Beim ersten Verkehrskreisel verpasse ich die Ausfahrt. Marcus nimmt es mehr als gelassen. Um nicht zu sagen: He couldn’t care less. Das entspannt. 

Wir reden trotz unfassbarer Lautstärke im W194 über alles Mögliche und nichts. Über den Zustand der SPD, die geopolitische Lage der Welt und die Stimmung in Deutschland. Nebenbei erfreuen wir uns an den Menschen am Straßenrand und komponieren mit einer KI-App aus Spaß einen Mille-Miglia-Schlagersong. Auch die Angst vor dem Fahren nimmt Marcus mir. Indem er einfach darauf besteht, dass ich fahre. Selbst für einen Anti-Autonarren wie mich ist das Gefühl, am Steuer des W194 zu sitzen, ein unwirkliches. Alles vibriert, kein Schnickschnack, eine pure Fahrmaschine. Dass das Auto 74 Jahre alt sein soll, will mir nicht in den Kopf. Für einen kurzen Moment, so kitschig es klingt, werde ich eins mit dem W194. Spüre die Liebe, die Leidenschaft, den Schweiß und das Blut, welche in diesem Auto stecken.

Die Mille Miglia ist ein demokratisches Format

Entlang der Straße versammeln sich Zuschauer und jubeln den vorbeifahrenden Autos zu.

Kurzer Espresso-Zwischenstopp an der Tankstelle. Zeit für zwei professionelle Fragen an den Mercedes Heritage CEO: Was bedeutet ihm und Mercedes die Mille Miglia? »Seit 140 Jahren prägen wir als Mercedes-Benz die Zukunft der Mobilität durch fortwährende Innovationen. Unsere gemeinsamen motorsportlichen Erfolge bei der Mille Miglia dienen dafür als starker Beleg, denke ich. Mit unserem 300 SL Flügeltürer haben wir es geschafft, Rennsport und Ingenieurskunst perfekt zu verbinden. Das bedeutet mir viel und darauf bin ich stolz!«

Und was bewegt ihn bei dem Rennen am meisten? »Die Mille Miglia ist und bleibt – damals wie heute – ein demokratisches Format. Mich begeistern und berühren immer wieder die unzähligen enthusiastischen Zuschauer am Straßenrand, die bei der Mille Miglia von früh bis spät an der Strecke stehen und jubeln. Ein wesentlicher Ursprung dieser Faszination liegt meiner Meinung nach auch in den italienischen Amateurteams, teilweise unterstützt von der Gemeinschaft ihres Heimatdorfs, die hier starten – und oft sehr beeindruckende Leistungen zeigen. Das Rennen spielt also oft eine große Rolle in Familiengeschichten und lokalen Erzählungen, das berührt mich.«

Die Zuschauer himmeln den Wagen an

Der Espresso ist geleert. Marcus und ich fahren durch die engen Gassen der Dörfer, die auf der Zieletappe liegen. Mehr strahlende Gesichter. Mille-Miglia- und Italien-Flaggen werden geschwenkt. »Your car is history, bellissima!«, ruft uns ein Zuschauer hinterher. Alle himmeln den Wagen an. Zücken ihre Fotoapparate und Handys, machen ein Bild, winken und klopfen sich dann mit der flachen Hand auf ihr Herz. Geschafft. Wir sind im Ziel angekommen. Wir fahren auf die Zielrampe. Der Moderator bittet uns, die Flügeltüren zu öffnen. Lauter Applaus. Wir bekommen eine Medaille, eine Flasche Wein und ein paar warme Worte auf Italienisch, die wir beide nicht verstehen. Ich habe genug, ich muss ins Hotel. Bin fertig. Muss mich ausruhen. Schlafen. Marcus ist nicht müde. Er fährt weiter. Ins Dorf. Dort wartet seine Familie auf ihn.

Im Hotel angekommen lege ich mich in den Rennklamotten aufs Bett. Ich schaffe es nicht einmal mehr, mir meine Schuhe auszuziehen. Der Boden schwankt, als wäre ich zwei Wochen auf einem Boot gewesen und hätte sieben Negroni intus. Kurz bevor ich einschlafe, überlege ich, was ich »Lello« erzähle, wenn er mir im Traum begegnet. Und wie ich ihm am besten beibringe, dass er oft, aber eben doch nicht immer recht hatte. Dass die Deutschen die Hingabe der Italiener zutiefst respektieren. Und die Italiener die Deutschen lieben können. Zumindest für ein paar Sekunden – wenn ein Mercedes 300 SL mit Flügeltüren an ihnen vorbeifährt.