Der schrillste Autosammler der Welt

Obwohl er keinen Führerschein besitzt, gehört Larry Warsh zu den radikalsten Autosammlern unserer Zeit. Ein Porträt über einen Mann, der Kunst als Kapital versteht – und Restauration als Vandalismus.
Text Ferdinand von Vopelius
Der New Yorker Larry Warsh setzt auf Authentizität statt Perfektion.

Paris, Avenue Kléber, Ende Januar. Hinter der honigfarbenen Kalksteinfassade des Peninsula Hotels wird Luxus meist an Teppichflorhöhe und dem perfekten Glanz von Tafelsilber gemessen. In den klimatisierten Katakomben reihen sich Oldtimer in Perfektion – doch ein Modell sprengt die Reihe. Zwischen makellos lackierten Karosserien steht ein Mercedes-Benz 300 SL Gullwing, der sich weigert, perfekt zu sein. Kein Glanz, keine Eitelkeit. Stattdessen: rostiges Blech, rissiges Leder und der Staub von Jahrzehnten. Er ist eine Provokation aus Materialermüdung, ein Skelett mit Flügeltüren, das sein Innenleben wie ein offenes Herz präsentiert. Früher hätte man so ein Fahrzeug zur Totalrekonstruktion in eine Profi-Werkstatt geschoben. Heute fiel der Hammer bei sagenhaften 4,4 Millionen Euro. Es ist der vorläufige Triumph der „Preservation Class” über die Rekonstruktion im Oldtimermarkt.

Larry Warsh besitzt keinen Führerschein

Das Auto als Spielwiese: Das BMW „LEGO Car” vom chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei.

Hunderte Kilometer nördlich, Anfang Februar. In der Lobby des Peninsula London sitzt Larry Warsh. Der Raum ist eine Kathedrale der Opulenz: eine Kassettendecke, die sich über drei Geschosse spannt, Kronleuchter mit der Wucht eines V12-Motorblocks und französische handgemalte Wandpanoramen. Während hier am Nachmittag Tweed-Sakkos neben Flanell-Zweiteilern den Afternoon Tea zelebrieren, trägt der New Yorker Kunstsammler Warsh einen dunkelblauen Samt-Hoodie. Er bestellt pragmatisch drei weich gekochte Eier und Granola. Warsh braucht weder Inszenierung noch Intro. Er spricht fast beiläufig über seine Weggefährten Keith Haring und Jean-Michel Basquiat sowie seine „Art Car”-Kollektion. Er erzählt von seiner Morning-Routine, nach dem ersten Kaffee die Kids zu küssen und vom Geruch, der ihn zu Hause fühlen lässt: der Duft neuer Autos. 

Warsh ist kein Mann der Motortechnik, er besitzt nicht einmal einen Führerschein. Und doch ist er einer der radikalsten Autosammler unserer Zeit. Seine These sitzt so tief wie ein Kratzer im Erstlack: „Jede Restauration ist kultureller Vandalismus.” Warum ausgerechnet Autos, wenn er die Maschinen nicht fahren darf und nach eigener Aussage kaum versteht, was unter der Haube passiert? Für den Sammler und Publizisten sind Autos Dinosaurier. Er betrachtet sie als Skulpturen, als Kommunikationsmittel und als kulturelle Container. Mit seiner Sammlung kuratiert er eine Zeitkapsel für die Zukunft, damit jemand in 100 Jahren sagt: „Schau, wie kreativ die Menschen waren. Wie Künstler das Auto als Leinwand genutzt haben.” Die Mobilität selbst interessiert ihn dabei weniger als das Statement unserer Zeit.

Seine Sammlung umfasst 70 Art Cars

Kunst in Bewegung: Keith Harings 1963er Buick Special.

Warsh ist kein Petrolhead, eher ein Archivar. Warsh ist die Antithese zum lauten Kunstmarkt. Sein Auftreten ist von radikalem Understatement geprägt: Mit seinem unprätentiösen Hoodie und schlichten schwarzen Sneakern verkörpert er die Uniform totaler geistiger Freiheit. Er bewegt sich mit kultivierter Nonchalance durch eine Welt, deren Codes er zwar perfekt beherrscht, aber bewusst ignoriert. Er wählt seine Worte so präzise und schnörkellos wie seine Garderobe, denn er steht so sicher in seinem Metier, dass er es sich leisten kann, optisch mit den Schatten zu verschmelzen. Im East Village der 80er-Jahre kaufte der Weggefährte von Haring und Basquiat deren Werke für wenige Tausend Dollar, als die Welt noch zögerte – darunter auch die legendären Notizbücher Basquiats. 

Dieser Instinkt für das kulturell Signifikante vor dem Mainstream-Konsens prägt auch seine „Art Car”-Sammlung. Er ist New Yorker durch und durch, das Sammler-Gen liegt in der Familie. Die Leidenschaft für das Automobil als Kunstwerk kam spät: Art Basel Miami 2013, die Show „Piston Heads” von Adam Lindemann. Warsh lieh ihm dafür Keith Harings Buick Special und Kenny Scharfs Cadillac. Kurz darauf erwarb er Damien Hirsts gepunkteten Mini Cooper und es machte klick. Das Auto als ultimative Leinwand der Moderne. Heute reihen sich in seiner Garage rund 70 dieser kulturellen Hybriden Stoßstange an Stoßstange. Oscar De la Hoyas C10 parkt neben Travis Scotts BMW M3, flankiert von Arbeiten von Zaha Hadid, Marina Abramović und Shepard Fairey. Ein stählerner Teppich der einflussreichsten Künstler der letzten Jahrzehnte.

Kulturelle Qualität als Investmentstrategie

Tiefer gelegt: Sylvie Fleurys „Skin Crime #3” von 2009.

Wer den Blick heute über die makellosen Rasenflächen von Pebble Beach oder das herrschaftliche Ufer der Villa d’Este schweifen lässt, erkennt schnell das ungeschriebene Gesetz dieser Welt: Luxus definiert sich über die Abwesenheit jeglichen Makels. Für Warsh hingegen beginnt der Wert eines Objekts oft genau dort, wo die technische Perfektion endet und die kulturelle Erzählung übernimmt. Er begreift diese prestigeträchtigen Concours-Events als Orte, an denen Sammler selbst zu Künstlern werden – indem sie ein Fahrzeug bis ins letzte Detail perfektionieren, fast so, als wollten sie die Zeit anhalten. Doch während sich dieser klassische Zirkel auf die fachliche Liebe zum polierten Blech konzentriert, sucht Warsh die Reibung.

Diese Distanzierung vom technischen Fetisch macht Warshs Investment-Strategie so scharfsinnig. Während viele die klassische Kapitalrendite suchen, setzt er auf den Return on Cultural Investment. „Wenn man die kulturelle Qualität einer Sammlung aufbaut, folgt der finanzielle Wert automatisch”, sagt er. In der praktischen Umsetzung bleibt er pragmatisch: Seine Art Cars werden gereinigt und aufbereitet, aber nicht „totrestauriert”. Aktuell plant er sein nächstes Projekt im New Yorker West Village: eine Ausstellung mit Marina Abramović in seinem 300 Quadratmeter großen White Cube – einer dieser schlichten, komplett in Weiß getauchten Galerieräume, in denen nichts vom Wesentlichen ablenkt. 

Warsh betrachtet Autos als Kommunikatoren

Dass Marken wie Ferrari oder Bugatti Millionen in ihre Heritage-Abteilungen investieren, ist für Warsh dabei mehr als nur Marketing – es wird zur intuitiven Überlebensstrategie. „BMW hat schon vor über 50 Jahren verstanden, wie Kultur zur Unternehmensidentität wird”, sagt Warsh. Es ist der Verweis auf jene Allianz der Münchner mit der Kunst, die 1975 mit Alexander Calder begann und mit Frank Stella, Roy Lichtenstein, Andy Warhol und Jeff Koons das Automobil konsequent zur Leinwand für die Ikonen der modernen Kunstgeschichte erhob. Auch Mercedes positioniere sich heute kulturell relevant, etwa im Fashion-Bereich. Autos, so sein Credo, seien die idealen Kommunikatoren.

Warsh ist Gründer von Jing Daily, der führenden Instanz für Chinas Luxusmarkt in New York, und widmet sich mit seinem Herzensprojekt CART Department dem Automobil als sozialem und kulturellem Artefakt. Er unterstützt Großprojekte der Wiener Albertina und weiß: Kultur ist Kapital. Der Markt gibt ihm recht. Während Babyboomer noch den polierten Kurven eines Porsche 356 nachweinen, suchen Millennials – von denen sich heute 57 Prozent für Oldtimer interessieren – neue Helden. Ikonen wie der bullige „Rambo-Lambo” LM002, der keilförmige BMW M1 oder der Nissan Skyline GT-R lassen VW Käfer und britische Roadster bei Auktionen längst hinter sich. 

Am Ende schlägt Authentizität die Perfektion

Sie werden zu analogen Ankern in einer zunehmend synthetischen Realität. Ihr Wert liegt in ihrer Unwiederbringlichkeit. Fragt man Warsh nach der idealen Anlagestrategie für eine Million Euro, folgt kein Plädoyer für ein einziges Denkmal. Sein Rat ist pragmatischer, fast subversiv: Investieren Sie lieber in fünf „aussterbende” Artefakte statt in eine makellose Legende. Es geht darum, jene technologischen Endpunkte einer Ära zu finden, bevor die Mobilität endgültig digital und elektrisch wird. Man sollte Dinge kaufen, die „unbequem” sind, die ein gewisses Risiko atmen und genau dadurch Charakter beweisen. Am Ende schlägt Authentizität die Perfektion – in der Kunst wie in der Garage. Immer.