So verbindet ein deutscher Milliardär Wildnis mit Luxus

Wer sagt, dass die wild-schroffe Landschaft von Knoydart auf halbem Weg zwischen Himmel und Hölle liegt, meint das meist wörtlich. Nördlich der Highland-Halbinsel erstreckt sich die Meeresbucht Loch Nevis, gälisch für »Himmel«. Im Süden wird sie von Loch Hourn, gälisch für »Hölle«, begrenzt. Westlich verläuft die Meerenge Sound of Sleat, östlich versperren bis zu 1000 Meter hohe Berge den Weg in die Zivilisation. Fast scheint es, als sei die Halbinsel vom Rest der Welt abgeschnitten: Es gibt keine einzige Straße, die nach Knoydart führt. Zu Fuß marschiert man 27 Kilometer durch beschwerliches Terrain, um hierherzukommen. Nur eine 60 Jahre alte Fähre, die die Halbinsel vom Fischerdorf Mallaig aus ansteuert, bietet Besuchern immerhin ein Mindestmaß an Transport – und Komfort.
Der Reiz liegt in der Abgeschiedenheit

Knoydart gehört zu den abgelegensten Gebieten Großbritanniens. Für Christoph Henkel macht genau das den Reiz der Halbinsel aus: Der deutsche Milliardär, dessen Vermögen auf Beteiligungen an der Henkel AG zurückgeht, liebt die raue Natur. Er ist, wie er sagt, »mit der Pirsch in den Alpen groß geworden«. Später lernte er die schottischen Highlands schätzen; 2019 kaufte er hier, auf Knoydart, das Kilchoan-Anwesen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Katrin hat er seitdem weiten Teilen des mehr als 5000 Hektar großen Geländes seinen Wildnis-Charakter zurückgegeben. Gleichzeitig hat das Paar die bestehenden Cottages restaurieren lassen, daneben sind neue Gebäude entstanden. Seit Juni empfängt Kilchoan nun die ersten Gäste, die zum Wandern, Radfahren, Angeln oder Jagen an die raue schottische Nordwestküste kommen und bei Zimmerpreisen ab 1300 Euro pro Nacht ein exklusives Refugium vorfinden.
Die meisten Gäste fliegen zunächst über Inverness an der Ostküste ein, fahren dann drei Stunden weiter nach Mallaig – vorbei an Drehorten für Filme wie »Harry Potter« und »Outlander«. Von Mallaig aus braucht die Fähre rund 40 Minuten nach Inverie, dem einzigen Ort auf Knoydart, der in einer von hohen Bergen eingerahmten Bucht liegt. 120 Menschen wohnen hier, viele in traditionellen Cottages. Am Anleger wirkt es so, als werde die Fähre vom halben Dorf erwartet: Dutzende Einwohner sind gekommen, um ihre Warenlieferungen entgegenzunehmen (etwa Amazon-Pakete sowie Kisten mit Käse und Whisky) oder Besucher zu empfangen.
Zum Kilchoan-Anwesen gehören vier Cottages

Nicht selten steht auch Iain Biggart, der Gutsverwalter und leitende Jagdführer von Kilchoan, am Anleger. So auch heute. Biggart trägt einen dreiteiligen Jagdanzug aus Tweed, hat schneeweiße Haare und ein breites Grinsen. Mit seinem Can-Am Traxter, einem offenen Geländefahrzeug, chauffiert er zunächst durchs Dorf, fährt vorbei am Old Forge, dem wohl abgelegensten Pub des britischen Festlands. Die weitere Strecke gibt Blicke auf Hügel und Täler in Umbra-, Zimt- und Ockertönen frei. In Kilchoan angekommen geleitet Biggart die Gäste erst mal zu ihrer Unterkunft. Zum Anwesen gehören vier Cottages mit je zwei oder drei Schlafzimmern, ein sogenanntes Farmhouse bietet fünf weitere Schlafzimmer. Ein Londoner Designstudio hat die Innenräume in sandfarbenen, hellen Tönen gestaltet; das Mobiliar schlägt eine Brücke zwischen regionaler Tradition und kosmopolitischer Moderne. Flexform-Sessel aus Italien ergänzen Sofas mit Tweedbezug von der Insel Bute bei Glasgow. Andere Stoffe wurden in einer Traditionsweberei bei Edinburgh produziert. Die Lautsprecher des Soundsystems wirken dagegen geradezu futuristisch. Hergestellt hat sie das kalifornische Audiounternehmen Syng, zu dessen Investoren Christoph Henkel gehört.
Rund 150 Kunstwerke veredeln das Kilchoan-Anwesen – darunter sind Skulpturen, Fotografien und Gemälde, die bis ins 18. Jahrhundert zurückdatieren. Katrin Henkel, ehemals Kunsthändlerin und Kuratoriumsmitglied bei der Tate und der Solomon R. Guggenheim Foundation, hat sie selbst ausgewählt. In den Küchen der Cottages finden die Gäste Hirschfleich-Jerky aus lokaler Produktion, regionale Käsesorten und Flaschen des Craftbeers Knoydart Brewery I.P.A. vor. Vor dem Bücherregal fällt der Blick auf ein kürzlich erschienenes Werk über die Romantik einfacher Wanderhütten (»Bothy« von Kat Hill) und den Nachdruck eines 140 Jahre alten Klassikers über die Pirschjagd (»Deer-Stalking« von Augustus Grimble). Kilchoan wirkt damit eher wie ein Zuhause als wie ein Hotel: Fast könnte man meinen, bei den Henkels persönlich zu Gast zu sein.
Henkel kombiniert Wildnis mit Luxus

Die wahre Magie des Orts offenbart sich aber nur denen, die ihre Stiefel schnüren und in die schroffe Landschaft hineinmarschieren. »Manche Menschen nehmen Drogen, weil sie sich nach bewusstseinsverändernden Erfahrungen sehnen«, sagt Christoph Henkel. »Dabei geht es auch ganz anders: Ich komme nach Kilchoan, sitze drei Stunden lang auf einem Hügel und beobachte einfach nur die Wolken. Das ist so verdammt schön, da wird mir richtig schwindelig.« Die Wolken, die langsam über die Halbinsel ziehen, spiegeln sich auch auf den glatten Oberflächen der Seen, die zum Anwesen gehören. Wenn man sich hier am Ufer niederlässt und in die Stille lauscht, kann man bald einen seltenen Gesang hören: den des Bachs, der glucksend über sein steinernes Bett fließt; den der Grasbüschel, die sanft im Wind rascheln; den der Kuh, die in der Ferne brüllt; und den des eigenen, rhythmisch pochenden Herzens. Christoph Henkel ist Mitgründer von Canyon Equity, einem Unternehmen, das exklusive Resorts an entlegenen Standorten entwickelt. »Ich bin immer wieder auf der Suche nach Orten, die von dieser tiefen Stille geprägt sind«, erzählt er.
1994 kaufte er ein altes Bergarbeiter-Camp im US-Staat Colorado. Sieben Jahre dauerte die Restaurierung der abgelegenen Geisterstadt. Ein Saloon und handgezimmerte Blockhütten aus den 1880er-Jahren wurden dabei zu einem Fünf-Sterne-Resort, den Dunton Hot Springs, transformiert. 2009 eröffnete Henkel dann Amangiri, ein Luxushotel in der Wüste des US-Staats Utah. Gäste zahlen hier ab 4500 Euro pro Nacht und Zimmer. Vor Kurzem hat Amangiri seine erste Privatresidenz auf den Markt gebracht – für einen Kaufpreis von knapp 30 Millionen Euro. Beide Projekte kombinieren intensive Wildniserfahrungen und kompromisslosen Luxus. Gleiches gilt nun auch für Kilchoan – allerdings mit einer Einschränkung: Die Landschaft, die auf den ersten Blick schon wieder wie unberührte Wildnis wirkt, erholt sich tatsächlich gerade erst von massiven menschlichen Eingriffen. »Wir stehen hier am Schauplatz einer ökologischen Katastrophe«, sagt Iain Biggart.
Grüne Gutsherren investieren in die Highlands

Noch vor wenigen Jahrhunderten lebten Luchse, Bären und Wölfe in den damals dichten Wäldern der schottischen Highlands. Um Platz für Rinder- und Schafherden zu schaffen, wurden die Wälder dann vermehrt gerodet. Den Raubtieren war damit die Lebensgrundlage genommen, ohne sie vermehrten sich nun die Hirsche stark – was zu weiteren schweren Schäden an den verbleibenden Wald- und Moorlandschaften führte. Resultat dieser fatalen Kettenreaktion: Von den ursprünglichen Wäldern der Highlands ist heute nur noch etwa ein Prozent erhalten geblieben. Genau das motivierte Christoph Henkel zu seinem Engagement im hohen Norden Schottlands. Er gehört zu einem exklusiven Zirkel meist ausländischer Investoren – den sogenannten Green Lairds oder Grünen Gutsherren –, die jetzt erhebliche Summen in die Renaturierung der Highlands investieren. Bereits 2003 kaufte der prominente Naturschützer Paul Lister, ein ehemaliger Möbelunternehmer, das mehr als 9000 Hektar große Gut Alladale. Er entwickelte es als Lodge und Wildnisreservat, forstete Wald auf, siedelte ursprünglich heimische Tierarten wie die Schermaus und den Schneehasen wieder an.
Der dänische Modeunternehmer Anders Holch Povlsen kaufte gemeinsam mit seiner Frau Anne gleich mehr als 90.000 Hektar Land – was etwa einem Prozent der Gesamtfläche Schottlands entspricht. Das Ehepaar hat eine ehrgeizige 200-Jahres-Vision, will Moore wiederherstellen und Hirschbestände kontrollieren. So soll eine neue Balance in die geschädigten Ökosysteme gebracht werden. Gleichzeitig wollen die Povlsens auch wirtschaftliche Perspektiven für ländliche Gemeinden bieten, vor allem mit touristischen Projekten. Ihre schottischen Engagements haben sie unter dem Label WildLand zusammengeführt. Zum Portfolio gehören mehr als ein Dutzend restaurierte historische Gebäude, darunter das 300 Jahre alte Aldourie Castle und Hope, eine Lodge aus dem 19. Jahrhundert. In der nördlich von Inverness gelegenen Region Sutherland hat WildLand die Traditions-Bäckerei Burr’s of Tongue wieder in Betrieb genommen. Und am Loch Ness wollen die Povlsens den beliebten Pub Dores Inn neu eröffnen.
Kirche soll zum Gemeindezentrum werden

Eine der gefragtesten Luxusherbergen der Highlands, das Fife Arms, lädt mittlerweile ins Dörfchen Braemar zwischen Inverness und Aberdeen. Iwan und Manuela Wirth, die Schweizer Gründer der renommierten Kunstgalerie Hauser & Wirth, haben hier einen alten Postkutschen-Gasthof zum Fünf-Sterne-Boutiquehotel transformiert. Unter den 16.000 Antiquitäten und Kunstwerken, die sie im Haus platziert haben, sind Werke von Picasso und Lucian Freud. »Früher war Braemar fast schon eine Geisterstadt«, sagt David Reynolds, der als Chauffeur am Ort arbeitet. »Das Hotel hat den Menschen nicht nur neue Arbeitsplätze gebracht, sondern auch das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein.«
Mit ihrem Unternehmen Artfarm engagieren sich die Wirths für weitere Projekte in der Region. So haben sie vor Kurzem die Braemar Kirk gekauft – die neugotische Kirche wollen sie nun zu einem Gemeindezentrum umbauen. In einer Region, in der Großgrundbesitzer lange Zeit mit roher Gewalt gegen die Interessen der Landbevölkerung vorgingen, darf das wohl als vertrauensbildende Maßnahme verstanden werden: Die neuen, Grünen Gutsherren versprechen, auf nachhaltige Entwicklung zu setzen, dabei die Menschen vor Ort einzubinden.
Gäste werden zur Jagd eingeladen

Auch Christoph Henkel will sich eng mit den lokalen Organisationen auf Knoydart abstimmen. Der Unternehmer sieht sich eher als Behüter denn als Eigentümer seiner Ländereien, spricht bei Bürgerversammlungen offen über weitere Pläne für Kilchoan. Er hat vor, das Gut klimaneutral zu machen, investiert unter anderem in moderne Kläranlagen. Auf 220 Hektar hat er bereits Bäume neu pflanzen lassen, auch alte Reitwege sind schon wiederhergestellt worden. Hirschbestände werden nun durch gezielte Jagd reduziert und kontrolliert. Gäste sind dabei durchaus eingeladen, mit auf die Jagd zu gehen – so lange sie zuvor am Schießstand unter Beweis stellen, dass sie tatsächlich saubere, sichere Schüsse setzen können. Zum Abschuss freigegeben sind ausdrücklich nur ältere Tiere. Ihr Fleisch kommt direkt in die Küche oder Vorratskammer, oder es wird vor Ort verkauft.
Henkel will das Anwesen nun um neue Gebäude ergänzen – etwa um ein Spa mit Sauna, Yogastudio und Fitnessbereich und um das Long House, in dem Gäste künftig zum Dinner, Billard oder zur Verkostung seltener Whiskys zusammenkommen können. Ein weiteres Cottage soll bis zum Jahresende fertiggestellt sein, genauso wie ein zusätzliches Haus mit vier Schlafzimmern. Wenige Kilometer entfernt steht noch eine abgelegene Ruine, deren Wiederaufbau bereits genehmigt ist. »Ich werde hier kein protziges Herrenhaus hinstellen«, sagt Christoph Henkel. »Ich möchte einfach, dass die Menschen ihre eigenen Wege gehen können, dass sie sich beim Erkunden der Landschaft verlieren können.«
»Mehr Tourismus schafft mehr Jobs«
Henkel legt Wert darauf, bei Aktivitäten vor allem lokale Touranbieter einzubinden. Und Iain Biggart schickt Gäste gerne mal für einen Ausflug nach Inverie, Knoydarts einzigem Dorf: Im Pub Old Forge empfiehlt er den Hirsch-Burger, im Knoydart Pottery und Tearoom den selbst gebackenen Haferkuchen, zu dem lokal gerösteter Kaffee serviert wird. Kilchoan-Gäste sind in Inverie gerne gesehen. »Ohne Touristen würde unsere Gemeinde nicht überleben«, sagt Matt Humphrey, der Miteigentümer der Knoydart Brewery. Sein Bier, so erzählt er stolz, solle künftig auch in Kilchoans Long House ausgeschenkt werden. Er sei bereits mit Henkel auf der Pirsch gewesen, sein Sohn arbeite mittlerweile als Jagdführer beim Anwesen. »Mehr Tourismus schafft mehr Jobs. Und das ermöglicht unseren Kindern, hierzubleiben, sich ein eigenes Leben zu gestalten.«
Wer dann in Inverie irgendwann wieder an Bord der Fähre zurück nach Mallaig geht, lässt Knoydart und Kilchoan zwar hinter sich. Doch es gibt da auch etwas, was man unweigerlich mitnimmt, weil es tiefer ins eigene Sein gesickert ist: ein profundes Gefühl der Verbindung mit den Rhythmen der Natur. Und ein verkörpertes Wissen davon, dass ursprüngliche Wildnis, nachhaltige Entwicklung und kompromissloser Luxus kein Widerspruch sind – sondern ganz im Gegenteil zusammengehören.









