24 Stunden allein auf einer Privatinsel

Es ist der Traum einer Auszeit: Allein auf einer Insel in den Malediven – aber mit allen denkbaren Annehmlichkeiten. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ganz im Gegenteil.
Text Tim Gutke
Die Privatinsel Ithaafushi umfasst 3,2 Hektar und gehört zum Waldorf Astoria Malediven.

Manchmal ist das kleine Glück 3,2 Hektar groß. Oder besser: Das große Glück 32.000 Quadratmeter klein. Seidenweich laufen kaum sichtbare Wellen auf den weißen Sandstrand, ein Island Chicken flüchtet aufgrund der Neuankömmlinge hektisch hinter einen Palmenstamm und das leise Motorengeräusch des Wasserflugzeuges verschwindet gänzlich hinter der einzigen Wolke am Himmel. Stille. Als das Ponton-Boot wieder ablegt, bleiben Sahhey und ich zurück – allein auf einer sonst menschenleeren Insel. Sahhey ist mein persönlicher Concierge, mein Geist aus der Flasche, der jeden Wunsch erfüllt – und Ithaafushi für 24 Stunden mein Refugium, ein Hideaway der Extraklasse.

Eine Nacht auf der Insel kostet 84.000 Euro

Den weißen Sandstrand hat man auf der Privatinsel ganz für sich, das Personal kann man selbst auswählen.

Die Insel, die zum Waldorf Astoria Malediven gehört, ist wohl das Exklusivste, was der Inselstaat im Indischen Ozean hergibt. Ein Resort ist gut und schön, wer aber Intimität und grenzenlose Möglichkeiten sucht, bucht sich diese private Insel. Kostenpunkt: ab 84.000 Euro die Nacht. Alles, was Spaß macht, kommt noch hinzu. Vom internationalen Flughafen Malé sind es nur 45 Minuten mit der Yacht oder 15 Minuten mit dem Wasserflugzeug. Ithaafushi ist im Jahr 2019 entstanden, sie ist ein Man-made Island, also eine künstlich erschaffene Insel. Ich bücke mich und lasse pudrigen Sand durch meine Finger rinnen. Ein Blick hoch zu den eleganten Palmen, die sich im leichten Wind wiegen – nein, man merkt es nicht, dass dies alles erst seit sieben Jahren hier ist. Einzig vielleicht daran, dass es fast zu perfekt wirkt.

Neben mir spannt Sahhey, ich nenne ihn in Gedanken nun immer Flaschengeist und muss dabei etwas verschmitzt lächeln, einen weißen Sonnenschirm auf und führt mich zur Three-Bedroom-Villa. Übernachten können in drei Villen auf dem Eiland 18 Personen – Platz wäre wohl für 1800 Menschen. Ich hätte mir im Vorfeld alles aussuchen können: Lamm von der Silver Fern Farm in Neuseeland, eine Flasche Château Rayas, Jetskis, Segelyachten, Motorboote, Personal Trainer, Padel-Gegner und mit welchem Personal ich mich umgeben mag. Soll heißen: Zu allen Mitarbeitern des Waldorf Astoria Malediven gibt es einen Steckbrief, anhand dessen ich mir meine Traummannschaft hätte zusammenstellen können. Sternekoch? Kein Problem. Viersprachiger Kellner? Natürlich. Tennistrainer mit Grand-Slam-Erfahrung? Unbedingt. Am Ende wollte ich aber allein sein, diese Erfahrung in meinem Tempo tief im eigenen System abspeichern. Mein persönlicher Concierge wird daher am Abend die Insel verlassen.

Der persönliche Concierge erfüllt alle Wünsche

Vom Katamaran bis zum Padel-Trainer: Ein persönlicher Concierge erfüllt alle Wünsche per WhatsApp.

An der Tür verabschiede ich mich von meinem Gei… sorry, Sahhey. »Willkommen zu Hause. Sollten Sie einen Wunsch haben, lassen Sie es mich wissen«, sagt er, lächelt und verschwindet fast lautlos auf dem schmalen Weg zwischen zwei Hecken. Die Villa ist gigantisch. Rund 300 Quadratmeter zur vollen Entfaltung. Nachdem ich meine Badeshorts aus meinem Weekender herausgefingert habe, werfe ich alles auf eines der drei Kingsize-Betten. Ich nehme mir fest vor, heute Nacht in allen dreien zu schlafen. Nacheinander. Endlich in den Badeshorts, beginne ich die Zeit auf meiner eigenen Insel mit einem Sprung in den Pool. Dann mit einem Satz ins Meer und wieder zurück in den Pool. Auf einem Holztisch wartet eine eisgekühlte Kokosnuss auf mich, Wassertropfen perlen an der Schale. Ich gönne mir einen großen Schluck des Kokosnuss-Wassers. 

Wenn nahezu alle Wünsche durch eine WhatsApp in Erfüllung gehen, fallen einem ad hoc gar nicht so viele ein. »Sahhey«, beginne ich meine Nachricht, »könnte ich bitte ein Segelboot bekommen?« Die Antwort lässt keine 15 Sekunden auf sich warten: »Certainly.« Bereits zehn Minuten später liegt ein windschnittiger weiß-roter Katamaran am perlmuttschimmernden Sandstrand. Dazu: ein Handtuch, eine eisgekühlte Wasserflasche und eine Tube Sonnencreme. Ich hätte weder an das eine noch an das andere gedacht. Aber mein guter Geist tut es.

Tennis, Padel, Gym oder lieber Yoga?

Allein im Paradies: Eigentlich können auf der Insel insgesamt 18 Personen übernachten.

Ich kreuze gegen den Wind, im Versuch, die Insel zu umrunden. Das Ganze dauert länger, als ich vermutet hatte, und das macht mich plötzlich irgendwie nervös. Wenn die Zeit auf der Insel, so frage ich mich, so limitiert ist, was mache ich hier auf dem Boot? Ein klassischer Moment von »Wahrscheinlich verpasse ich etwas«. Auf einmal wird mir bewusst, man arbeitet hier mit den außergewöhnlichen Erlebnissen gegen die laufende Uhr. Plötzlich muss ich über mich selbst lachen. Ich habe ein Buch eingepackt, sah mich am Strand liegend lesen. So ein Quatsch, Zeitverschwendung. Ich muss doch noch ins Gym, auf den Tennisplatz, auf den Padel-Court, die Yogastunde einschieben, essen, trinken, wie soll ich das alles denn in diese kurze Zeitspanne bekommen? Hektisch versuche ich, den Katamaran wieder an Land zu steuern. »Sahhey«, tippe ich in mein Telefon, »kann bitte der Padel-Trainer schon mal kommen?!« Die Antwort: »Certainly.«

Eine Stunde lasse ich mich von João, dem portugiesischen Padel-Trainer, über den Court scheuchen. Schade, denke ich kurz, dass ich hier, an diesem Ort, nicht mit drei meiner Freunde spielen kann. Der Blick durch die hintere Glasscheibe auf den scheinbar grenzenlosen Indischen Ozean ist einzigartig. »Da sind Tausende Kilometer nichts, nur Wasser«, sagt João, als hätte er meine Gedanken lesen können. Unbemerkt hat jemand eine Schale frisch aufgeschnittene Früchte und kleine Energie-Riegel aus Datteln und Nüssen auf die Bank neben dem Padel-Platz gestellt. Dieser raffinierte Flaschengeist, denke ich.

Überall auf der Insel riecht es nach Frangipani

Ein Menü gibt es auf Ithaafushi nicht, gekocht wird nach den individuellen Wünschen des Gastes.

Da ich bereits meine Trainingssachen anhabe und – wie man im Sport sagt – angeschwitzt bin, will ich zum Gym rüber. Ich beginne mit einem Gang, den man wohl als Schlendern bezeichnen könnte, wechsle aber zu schnellerem Gehen, dann zum Laufen. Ich habe doch keine Zeit. Das Gym befindet sich in einer Überwasservilla und ist besser ausgestattet als mein Fitness-Center in Berlin. Und es riecht erheblich besser. Überall umhüllt einen der Duft von Frangipani. Die Pflanze mit den eher schlichten Blüten wächst auf der ganzen Insel. 

Nach dem dritten Satz Langhantel höre ich ein seltsames Geräusch. Eine Mischung aus einem kleinen grummelnden Bären und einer kranken Katze. Mein Magen meldet sich. Mir fällt auf, dass ich seit meiner Ankunft außer Früchten und einem Clubsandwich nichts gegessen habe. Das muss ich ändern. Ich sende Sahhey eine Nachricht, bei der ich ihn unterbewusst in einen Dialog reinziehe. Fühle ich mich einsam auf meiner Insel? Was es denn zu essen gäbe. Wie es ihm gerade ginge, solche Sachen eben. Am Ende gibt es alles, was ich mir wünschen würde, und ihm ginge es immer hervorragend. Nun gut.

Beim Dinner for one gibt es Rinderfilet

Aufmerksamer Service: Nach dem Abendessen hat der Concierge ein Lagerfeuer am Strand vorbereitet.

Mein Wunsch ist einfach, denn an den einfachen Dingen zeigen sich die Qualität und das Handwerk. Thunfisch-Ceviche, Fleisch vom Grill, Salat und ein Glas Wein. Während in dem gigantischen Wohnzimmer – in dem eine Tischtennisplatte, ein Billardtisch und eine Tafel für 20 Personen spielerisch Platz finden – ein Dinner for one vorbereitet wird, stelle ich mir die Frage, wer hier wohl alles bereits zu Gast war. Das Personal ist charmant verschwiegen. Kürzlich soll ein Geschäftsmann aus den USA seinen Firmenverkauf hier mit 15 Freunden gefeiert haben. Das angesetzte Budget für ein Wochenende betrug fünf Millionen Euro. Das Limit hat man angeblich erreicht. 

Aber ansonsten: keine Namen, keine Geschichten. Alles andere hätte mich auch enttäuscht. Es wird ein fantastisches Stück Rinderfilet serviert. Der Salat und der Wein sind perfekt auf das Fleisch abgestimmt. Die Sonne geht unter, irgendwer hat Sweet Tides von Thievery Corporation aufgelegt, ein perfekter Moment. Ein leichter Geruch von brennendem Holz mischt sich mit dem süßlichen Frangipani-Duft. Plötzlich steht Sahhey mit einem langen Holzstock in der Hand im Türrahmen. »Es ist noch etwas vorbereitet«, sagt er und reicht mir einen Stock. Ich folge ihm nach draußen. 

Marshmallows am Lagerfeuer grillen

Auf dem hinteren Strandabschnitt brennt ein Lagerfeuer, man kann es bereits aus der Ferne sehen. Daneben stehen ein Hocker, ein Glas Champagner und eine Schale voll mit Marshmallows. Marshmallows am Stock über einem Feuer – das habe ich das letzte Mal mit meinem Vater gemacht, da war ich lange noch nicht volljährig. »Das habe ich aber nicht bestellt«, sage ich Sahhey. »Nein«, antwortet er, »aber ich habe mir gedacht, dass es Ihnen gefallen könnte.« Recht hat er. Dann verabschiedet sich Sahhey und lässt mich auf meinem Eiland zurück. Träum schön, guter Geist, denke ich. Noch lange sitze ich an dem Lagerfeuer und grille Marshmallows über den Flammen. Bis mir fast die Augen zufallen.

Die Müdigkeit haut mich um wie Wladimir Klitschko einst Axel Schulz. Ich kann mich gerade noch ins Bett schleppen und schlafe sofort ein. Als ich aus einer turbulenten Traumnacht erwache, bin ich einen Augenblick desorientiert. Wo bin ich? Wo ist Sahhey? Die bereits aufgegangene Sonne drückt durch die Vorhänge, die Gedanken sortieren sich. Du bist auf deiner Insel. Gut. Gleich gibt es ein Frühstück am Strand. Gut. Du hast fast alles gemacht, was man in 24 Stunden machen konnte. Sehr gut. So ein verdammter Mist, denke ich plötzlich, du hast nicht in allen drei Betten geschlafen. Offenbar gibt es keinen Ort der Welt, der uns von dem Drang befreit, jede Minute optimal nutzen zu wollen – selbst nicht im Paradies.