Gedanken über Sommergarderobe Der Mann, der zu viel wusste

Eigentlich haben wir Deutschen die besten Vorausset- zungen, gute Reisende zu sein. Unser Land ist ja trotz Küste und Königssee von etwas reizarmer Natur. Die wirklich hohen Berge, die großen Meere, Wüsten, Urwälder und Megacitys liegen woanders. Wir haben im Ausgleich dafür aber erstaunlich viel bezahlten Urlaub und hängen gemeinhin nicht so sehr an der Heimat, als dass wir sie nicht für eine gewisse Zeit eintauschen würden. Im Gegenteil: Einmal im kurzweiligen Ausland angekommen, ist der Deutsche ja meist gar nicht so erpicht, wieder zurück ins Land der sauberen Kreisverkehre, Kehrwochen und Leberwurst im Glas zu kehren. Zwar hat er nicht unbedingt die Wikinger oder große Weltentdecker in seiner DNA, aber mit J. W. von Goethe immerhin einen frühen Travelblogger ersten Ranges. Ganz nach dessen ewigem Urlauber-Ausruf „Auch ich in der Champagne!“ erobern wir deshalb also seit siebzig Jahren weitgehend friedlich Handtuch für Handtuch die Küstenabschnitte, manövrieren uns durch ungewohnt farbenfrohe Menschenmengen oder die blökende Tierwelt der Savanne. Bis 2012 die Chinesen auf den Geschmack kamen, waren wir beständig die Reiseweltmeister, kein Volk gab so viel Geld dafür aus, von daheim wegzukommen.

Aber sind wir dabei auch wirklich gute Reisende geworden? Tja. Trotz aller Investition wirkt der Deutsche als Globetrotter bis heute immer noch leicht linkisch und tendenziell fehl am Platz. Jeder kennt die Fremdscham, die uns unweigerlich befällt, sobald wir Landsleute im Urlaubsmodus erleben. Woher kommt das? Wieso kann ein Volk zwar die besten Langstreckenautos, die besten Koffer und – zumin- dest theoretisch – auch die besten Flughäfen konstru- ieren, sich selbst aber auch nach jahrzehntelanger Übung nur so schlecht für die Fremde aufbereiten?

Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Es gibt zum einen immer noch den Deutschen, der in Personal- union mit sich seine Leitkultur exportieren möchte und deswegen Ballermann und Schinkenstraße nach Mallorca gebracht oder in Rimini für Pizza con Wurstel und Filterkaffee gesorgt hat. Dieser Typus wirkt im Ausland stets wie unfreiwillig verpflanzt, sieht nicht das Schöne, sondern nur das Ungewohnte und will eigentlich alles so haben wie zu Hause, nur eben billiger und mit Sonne. Es war auch diese erste Neckermann-Generation, die uns den Ruf als spießige Handtuchreservierer und Skandalsan- dalen-Träger eintrug, als Pauschal-Proleten und Nörgler-Nomaden. Ein kulturelles Erscheinungsbild des Deutschen, das bis heute Anhänger hat, wie man zum Beispiel bei den Auswanderer-Knalltüten auf Vox jede Woche nachprüfen kann.

Etwas jüngeren Ursprungs ist die Gegenbewegung, das sind die Richtigmacher, auch da sind wir naturgemäß vorn dabei. Die Urlaubsstreber erkennt man daran, dass sie bei 25 Grad im September in Stockholm mit kompletter Gore-Tex-Ausrüstung und klobigen Trekkinglatschen herumstehen, denn sie sind ja fast am Polarkreis. Dass alle anderen Touris- ten in Shorts und Poloshirt herumspringen – egal. Schließlich hat man sich daheim im Sportgeschäft fachmännisch beraten lassen. Die Richtigmacher hasten mit ausgedruckten Google-Maps-Zetteln durch die Metropolen, um so viele echte Sehenswür- digkeiten wie möglich mitzunehmen, sie kennen alle Geheimtipps auswendig, stoßen schon im Flugzeug krampfhaft in Landessprache an und haben Impfpass und Auslandskrankenversicherung immer griffbe- reit, den Geldbeutel aber diebstahlsicher im Gürtel versteckt. Sie sind in ihrer eiligen Bereitschaft, sich anzupassen, unangenehm, denn sie wollen keine Touristen sein, sondern lieber die besseren Einhei- mischen. Sie umarmen die Fremde so heftig, dass der fast die Luft wegbleibt. Das irritiert die Gastgeber genauso wie die anderen Urlauber, weil sie mit dem Prinzip der offensiv verleugneten Heimat nicht vertraut sind. Und bei aller beflissenen Assimilierung machen die Reisestreber vieles falsch. Sie verkleiden sich mitten in London als britische Landadelige oder in New York als Texaner, sie verwechseln Ethno-Kitsch mit Kultur und ihren Urlaub generell mit einem Auslandseinsatz. Vor allem aber verpassen sie vor lauter Anstrengung das, worauf es auf Reisen eigentlich ankommt: den Wind, der einen an die richtigen Orte treibt und der einem die Musik eines fremden Ortes von selbst zuträgt, wenn man nur ein bisschen hinhört.

Irgendwo zwischen plump und pädagogisch also personifiziert sich der Deutsche an fremden Gestaden, und das wäre nicht so schlimm, wenn nicht jeder Urlauber auch Botschafter für sein Land wäre. Wie, fragen sich die anderen Völker, wie können die Landsleute von Karl Lagerfeld so wenig weltläufig sein, so allzeit bereit, für eine übergroße Outdoorjacke ihre Würde aufs Spiel zu setzen? Aber denen muss man eben entgegenhalten: Angela Merkel. In ihren zuverlässig verregneten Urlaubstagen entspricht sie exakt dem durchschnittlichen deutschen Urlauber: mental nur bedingt freizeittauglich, aber für alles gewappnet und unverdrossen heiter. Sie jettet wöchentlich um die Welt und wirkt doch überall, als würde sie gerade aus der Kreissparkasse kommen. Vielleicht ist es genau das, was uns als Urlauber auszeichnet, wir sind so reizarm und abwaschbar wie unser ganzes Land.

Übrigens leidet Merkel wie viele andere reisewilligen Teutonen zusätzlich unter der linguistischen Bürde. Deutsch gehört ja weder zu jenen Kleinsprachen, bei denen ein betroffenes Volk schon ab dem Kindergarten gut Englisch lernt, weil die Hälfte der Filme und Bücher gar nicht erst übersetzt wird. Andererseits ist es auch keine Weltsprache, mit der man sich in vielen Breitengraden durchboxen kann. Also packen wir in den Ferien erodiertes Schuleng- lisch und Schulfranzösisch aus, was im Zusammen- spiel mit der steifen Zunge niemals ein schönes Geräusch erzeugt, leider auch nicht mal ein lustiges. Wir klotzen und hacken verbiestert im phonetischen Luftraum der Gastgeber herum. Es fehlt uns der klangliche Charme, der zum Beispiel Indern oder Italienern zugute kommt, die mit weniger Grammatik mehr erreichen und sich vor allem nicht mit Relativ- sätzen aufhalten.

Vielleicht ist diese fehlende Geschmeidigkeit der grundsätzliche Schlüssel zur Reisekrankheit des Deutschen. Irgendwie fühlt es sich an, als würde unsere Herkunft schwerer auf unseren Schultern lasten, sobald wir die Grenze überschreiten. Als wären die Sandalen und Trekkingstiefel in Wirklich- keit Hemmschuhe. Warum? Wir wollen da draußen vor allem nicht auffallen, und um das zu erreichen, simulieren wir entweder ein krampfiges deutsches Biotop um uns herum. Oder lernen das andere Land auswendig, inhalieren es regelrecht, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Wenn wir also ungelenk und stoffelig wirken, sind wir vielleicht nur in Sorge, Fehler zu machen. Das Problem haben Briten und Amerikaner zum Beispiel nicht, die stellen sich bleichbeinig vor die Pyramiden und sagen inbrünstig: „Yeah, great!“ Und dann fahren sie nach Hause, in der festen Überzeugung, dass es daheim noch ein bisschen greater ist. So leicht macht es sich der Deutsche nicht. Zum einen weil er ein wohltuend diffuses Nationalgefühl hat. Zum anderen weil ihm bewusst ist, dass es daheim doch eher keine Pyrami- den gibt, sondern vor allem Kreisverkehre und Leberwurst im Glas. Das ist eigentlich ganz sympa- thisch. Er reist reflektierter als andere und ist deswegen verzagter. Er erlebt die Fremde eben wie schon Gustav von Aschenbach im „Tod in Venedig“ immer noch als gleichzeitig lust- und gefahrvoll und ahnt, dass sie ihn problemlos auch verschlucken könnte. Deshalb steht er nicht mit bleichen Beinen vor der Pyramide, sondern in einer Safari- Hose mit passender Weste und vierhundert Taschen. Alle leer. Nur in einer steckt die Nummer der Reiserücktrittsversicherung. 

 

 

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